Verse für die Melancholiker, denen man Erde, Herbst, Abend, Erwachsenenalter zuordnet.
Die besinnlichen und leisen Gedichte.
Von Aphorismen bis zur Vanitasdichtung.
Sollte Ihnen ein hier eingereihtes Gedicht eher den anderen Kategorien Erde, Luft oder Feuer entsprechen, bitte ich, mir eine Nachricht über www.hirnpoma.de zukommen zu lassen!
Diesem Feld entwächst seit Generationen
Und immer rotes Korn.
Derweil haben wir, die es rührig umwohnen
Unsre Leben und Kriege verlor’n.
Ach, könnten wir doch mit dem Sonnenlicht späh’n,
Wenn’s die schwankenden Halme durchdringt!
Uns bleibt nur, sie alljährlich niederzumäh’n –
Im Wahn, der nichts wirklich bezwingt.
Es wellen die Blätter im Sturmwind dahin,
Ganz ohne Arg und Zorn.
Es ruht die Gewissheit vom Wiederbeginn
Im frisch aufgerichteten Korn.
Maske, Perso, Impfnachweis –
Irgendetwas vergesse ich immer!
Es stresst mich mein Verschusselfleiß –
Und das wird stetig schlimmer.
Je länger die Liste vergessbarer Dinge,
So bängrer wird mir, dass ich es nicht vollbringe,
Vier Schritte vor das Haus zu geh’n
Und nicht gleich wieder umzudreh’n,
Weil ich, Geld, Handy, Stift oder Tickets vermissend
(und meinen Verstand ob solch Leerstellen dissend),
Fünf Stockwerke rauf muss, zur Wohnung zurück.
Bis ich einst kapier, schier verzweifelnd vor Glück:
„Ich hab meinen Schlüssel ja gar nicht dabei!“
Nach dem Lehrer folgt nun auch der Priester dem Tross
Hoch hinauf zu den satteren Wiesen.
Eine letzte Tür fällt mit Geknarr in ihr Schloss
Und der Herr wird noch einmal gepriesen.
Meine Wacht wird der Stachel der Einsamkeit quäl’n
Bis zur Rückkehr von kürzeren Tagen.
Derweil werd ich mir selbst was von Heimat erzähl’n
Beim Zertreten der Saat aller Fragen.
Die Glocke reißt ein und verliert ihren Klang.
Die Schelle verbeult und büßt ein manchen Rang:
Vom Klingeln zum Bimmeln zum Klimpern und Scheppern –
Bis wir sie genervt letztlich gänzlich zerdeppern.
So scheint überall uns zur Auswahl zu steh‘n:
Mit Inbrunst zu kämpfen / in Würde zu geh‘n.
Ich bin aus der Schlappschwanzgeneration, kann keine Zementsäcke tragen,
Ich weiß Schreibmaschinen
Nicht recht zu bedienen,
Wurd niemals von Lehrern geschlagen.
Ich bin aus der Schlappschwanzgeneration, ich kann keine Falkpläne falten,
Wurd nie zu nem Amt
In Vereinen verdammt,
Weiß Rufnummern nicht zu behalten.
Ich bin aus der Schlappschwanzgeneration – doch ich wurde als Kind nie getrackt,
Hab jahrelang ganz ohne WLAN gelebt
Und Alben beflissen mit Fotos beklebt,
Hab in Schaufenstern alles entdeckt.
Ich bin aus der Schlappschwanzgeneration – mit leicht atavistischem Schwanz.
Doch mein Unfähig-Sorgen
Erlöst Ihr im Morgen:
Denn Euch fehlt das Schlappe schon ganz.
Wenn Weichheit immer leiser klingt
Und sanfte Einschlafweisen singt,
Will ich von Seelenruhe schwafeln,
Am Tisch der Esoterik tafeln …
Schon wollen mich alle Bäume umarmen,
Es schreibt jeder Schneeflockenfall meinen Namen!
Und mich verschlingt der Pulverschnee,
Dessen grundkühle Sprache ich plötzlich versteh …
Es ist so, dass die Pfütze von Wolken erzählt –
Bloß in ’ner recht schmutzigen Sprache.
Euch geht’s darum, welche Vokabeln man wählt,
Um die Durchsichtigkeit jeder Lache.
Es mag sein, dass so manches den Himmel verfehlt,
Aber stört’s die Beschreibung von Wasser?
Wie lang man nun umständlich Umlaute zählt –
Das Ergebnis ist auch nicht viel nasser.
Ich habe schon so viele Worte verbraucht,
Da wird’s keine neuen mehr geben.
Mein Dauerauftrag scheint erschöpft – und verraucht,
Der Kontostand lauert daneben.
Ich fühl mich von Süchten nach Versen erdrückt –
Gedichte, die ständig verlangen,
Spür, wie meine Bank ihre Kuckucke zückt.
Doch aus den poetischen Zangen
Gibt’s kein Zurück zur Ruhe mehr,
Zum Prosa-Glück, das ich entbehr.
Die fünfzehn Minuten nach Boosterung will ich
Gern sinnerfüllend nutzen.
Nur riet man vorab mir, ich solle bloß chill’n – nich
Den Flur im Vorraum putzen.
So starr ich aufs Linoleum,
Wo manch Wisch scheint vönnöten!
Schon ist die Viertelstunde rum –
Und mir ward’s eh verböten …
Da war ich über Weihnachten kurz zwei Minuten nüchtern,
Schau meines Platzes Nachbarn an und melde etwas schüchtern:
„Ich glaub, ich bin nicht richtig hier – ich kenn Sie alle nicht!“
(Dies ist die erste Möglichkeit fürs Ende vom Gedicht.)
„Setz dich getrost – wir wissen da genauso viel wie du!“
Flugs füllte man mein leeres Glas und prostete mir zu.
So macht der Geist der Weihnacht nicht allein aus Fremden Brüder –
Wir nebeln die Familie ein und werden selig müder,
Bis man sich bald mehr und schon nicht mehr erkennt.
(Das ist Ende zwei. Einen schönen Advent!)