Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 37 Länder auf 5 Kontinenten

Einakter

Alles, was zwölf Zeilen überschreitet.


  • Charlottenburg & das sechshundertdreiundfünfzigste Gedicht

    Straße in Charlottenburg

    Wandrers Nachtlied. Der Spreepark-Remix

    Über allen Schienen
    Ist Ruh,
    Und in bemoosten Fahrkabinen
    Ahnest du
    Schlummern Fahrtwindturbulenzen.
    Alle Statik
    Starrt und knarrt
    Dir und uns den Riesenrat:
    Jeder stößt an seine Grenzen.

    Vor dem Tore: Kassenhäuschen.
    Die warten schon lange
    Auf Wärter und Schlange
    Und wundern sich: Kerl, wat’n krasset Päuschen!

    Hier liegt
    Des Vergnügens Mumie
    Zu Ruinen aufgebahrt;
    Die Dinos verrotten im Walde.

    Warte nur, balde
    endet auch für dich die Fahrt.


  • Hanuman-Languren & das sechshundertvierundvierzigste Gedicht

    Hanuman-Languren

    Ripostegedicht zum berlinerischen Kindergedicht „Der Klops“

    Der Leberkäs

    Da hock i, ess an Leberkäs
    Es klopft, i brumm: „Wer’s’n’dös?
    Zur Brotzeit kimmt mia keina nei!“
    I öffne nur mei Maul und schrei:
    „Schleich di, du Lackl, sonst gibt’s a Fotzn
    Mann, isch tu disch inne Fresse rotzen!“
    Und weitaus noch weniger freundliche Sachen
    Entfahren samt Leberkäs-Fetzn mei’m Rachen
    „Ja, mei“, denk i, i denk: „ja, mei
    Wos’n dös jetzt fia a bleedes Geschrei
    Mit dem man mia hia mei Brotzeit versaut?!“
    Ers war es leis, nu is es laut …
    Und i denk, wo i grad mei Pistoln schon wollt zieh‘:
    „Der, wo hia schreit – dös bin ja i!“


  • Shiv Niwas Palace & das sechshundertdreiundvierzigste Gedicht

    Shiv Niwas Palace

    Ich, Maharadsch

    Der Maharadsch
    Kommt zurück von der Haddsch
    Erfreut sich am Glück seines Reichtums und – platsch!
    Klatscht er bäuchlings und glatt in das Wasserspiel rein
    Ganz sanft in die Arme vom marmornen Stein
    Und er prustet vor Spaß in des Spülwassers Gischt
    Bis die Dienerschaft anrauscht und rasch ihm auf tischt:
    Die Erlesenheit tausend und einzweier Nacht
    Die köstlich garniert auf des Essgeschirrs Pracht
    Vom Dekors porzellaner Schalen beschosst
    In neckischen Häppchen den Körper liebkost

    „Herr, herrlich ist es, Herr zu sein
    Und durch das Mehr den hehren Schein
    Um einen Strahl zu überbieten
    Den Garten Eden anzumieten!
    Wenn man Gottes Gaben nicht wahllos verteilt
    Und all ihre Pracht nur bei einem verweilt
    Lässt der Reichtum der Welt sich erst richtig versteh’n
    Und in dem ihm schmeichelnden Lichte beseh’n
    Dass all das nur mir gehört, macht daher Sinn
    Dies alles, es gehört hier hin!
    Ich bewahr als Maharadscha
    Anmut vor der Brut der Grapscher!“


  • Worli Sea Link & das sechshundertachtunddreißigste Gedicht

    Worli Sea Link

    Pah!

    Liebe Jogger und -innen – da rast’er!
    Immer zwei Schritte schneller als ich, der Flaneur
    Seid ein Pornofilm-japsendes Optikdesaster
    Ich trag eure Schleppe voll Arbeitsodeur
    Durch den an eurem Anblick erkrankenden Park
    Den ich selbst kaum in Anspruch zu nehmen noch wag
    Stiebt doch aus jedem Turnschuhtritt
    Der Vorwurf: „Nun, ich halt mich fit!“

    Ich werd anstatt zum Läuferleben
    Doch eh’r zu dem der Säufer streben
    Die zerstören sich selbst anstatt andre zu stören
    Sind viel eleganter als trimmdumpfe Möhren
    Der’n wackres Ackern unverhohlen
    Sich abmüht, um mich einzuholen

    Pah! Zur Herrlichkeit führt nur die Spur
    Der ehrlichen Spazierkultur


  • Les Colombes & das sechshundertdreizehnte Gedicht

    Les Colombes in der Heilig Geist Kirche

    Von Herzen (doch im kleinen Rahmen)

    Ich kaufte meiner alten Mutter
    Eine Schaufel Taubenfutter

    Auch eine Traubenzuckertafel
    Verkraftete noch das Geburtstagsbudget
    Einschließlich eines – laut Packungsgeschwafel –
    Tagesbedarfes an Vitamin C

    „So“, sagte ich
    „Das ist beides für Dich!“

    Eine Schaufel voller Futter –
    Gutes, das auch Tauben schmeckt!
    Plus der Trauben Zucker, Mutter –
    Wo noch Vitamin drin steckt!

    „Ach, ich bat Dich doch nicht so viel auszugeben …!“
    Ich nick‘ nur mit Blick auf die Sachen, sag: „Eben!“


  • Isarkiesel & das sechshundertfünfte Gedicht

    Isarkiesel

    Uneinig

    Gleicht nicht allein ein Ei dem andern,
    Weil dies Ei gleichfalls jenem gleicht –
    Ein Gleichungsweichensteller eifrig
    Schon Ei-chen auf ihr Ei-Sein eicht?

    Weiß irgendeiner, wann ein Ei –
    Auf Stufe Eins der Gleicherei –
    Die eigentliche Eier-Form
    Bestimmte einst zur Eier-Norm?

    Du weißt das nicht, wie ich Dich kenne!
    Fragst immer noch, ob Ei, ob Henne –
    Wer von den zwei’n war gleich dabei?
    Es kommt drauf an, Mann, welches Ei!

    Du meinst, da gleicht doch eins dem andern?
    Zurück zur ersten Zeile wandern!


  • Kleinkram & das sechshundertdritte Gedicht

    Kirche von Väterchen Timofej

    Dem Detail

    Und doch habe ich nie an der Schönheit gezweifelt
    Ich vermisste nur etwas Verstand
    Und böt‘ sich die zweite Chance, blieb es dabei, Welt:
    Ich behielt‘ diesen zahnlosen Trumpf auf der Hand
    Um ihn mir stündlich anzuseh’n
    Und sein täglich Erwachen zu preisen
    Das Wissen genießend, hier richtig zu steh’n
    Und schmähendes Mitleid strikt von mir zu weisen

    Denn niemals hat diese Schönheit an Wert eingebüßt
    Nur sie traf nicht sehr oft auf Versteh’n
    Sie hat unbeirrt weiter die Ahnung versüßt
    In den totesten Winkeln vom Tagesgescheh’n
    Dem trüben Blick fehlt das Detail
    Doch entscheidet nicht er, ob es da ist
    Sein Urteil ist auch gar nicht nötig mehr, weil
    In diesem Moment Du schon ungewohnt nah bist!


  • HH in HH & das fünfhundertneunundneunzigste Gedicht

    Heinrich Heine am Hamburger Rathausmarkt

    Die Büste (Arm an Beinen)

    Der eher kleine
    Heinrich Heine
    Steht als Büste ohne Beine
    Da
    Müsste ohne Sockel schweben
    Oder aber
    Angedockt
    Fersennah am Boden kleben
    Hoffend, dass wer niederhockt
    Zwar
    Mein‘ ich, dass das jeder täte
    Wenn der Heinrich darum bäte
    So jedoch ist’s gar nicht nötig
    Durch den Sockeldienst erhöht sich
    Quasi wie von ganz alleine
    Beinbefreit
    Der Heinrich Heine


  • Lebendfalle & das fünfhundertsechsundneunzigste Gedicht

    Lebendfalle Maus

    Ich musste sie erwischen – tot oder lebendig. Lebendig – durchatmen! Und bereits umgesiedelt.

    Der Zen-Dung mit der Maus

    Wie kann in so viel Niedlichkeit
    Ein Schädling sich verbergen?
    Gehört, wer hier laut „Töten!“ schreit
    Nicht zu des Teufels Schergen?

    Wer macht der Maus hier den Garaus?
    Wem zieht’s die Stirn vor Mitleid kraus?
    „Legst du den Nager nun ad acta?
    Mir massakriert es den Charakter
    Der durch solch Tun gewiss zerschlisse
    Benagt von des Gewissens Bisse!“

    Ach, wie kann in so viel Niedlichkeit
    Ein Schädling sich verbergen?
    Gehört, wer hier laut „Töten!“ schreit
    Nicht zu des Teufels Schergen?


  • Weiherbach & das fünfhundertvierundneunzigste Gedicht

    Weiherbach bei Puchheim

    Seelenfrieden

    Hier schwappt es sich aus
    Das bekloppte Getue
    Mal murgelt das Blesshuhn
    Und mal gibt es Ruhe
    Es gurgelt ein Wellenversuch

    Da muss was im See sein
    Das atmet die Seel‘ ein
    Und fläzt sich zufrieden in Frottee und Tuch

    Und du sitzt daneben
    Schaust raus auf den See, denn
    Da blitzt immerzu etwas Sonne im Schwipp
    Tanzt dunkliger Glimmer
    Von tanigem Schimmer
    Allplanig galönzigt ein windhauchend Trip

    Und mulmig riecht die Kühle rüber
    Ein Natterich schlürft durch die Küber
    und Barkschmelz küsst die Leckenlipp

    Am Ufer von den Badeseen
    Entsperrt sich alles Grundversteh’n


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