Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 38 Länder auf 5 Kontinenten

Einakter

Alles, was zwölf Zeilen überschreitet.


  • Zwielichter & das zweitausenddreihundertachtundsechzigste Gedicht

    Am Markusplatz zu Karneval

    Die Räuber 2

    Hauptmann: Nun, wie bewerten wir Drei das bislang hier Beseh’ne?
    Dem SPA und dem Tal droht das noch nicht Gescheh’ne …

    Mark Zuckerberg: Wie lange, Herr Hauptmann, woll’n wir wohl noch warten?
    Wir sind höchst solvent – und wir drängen auf Taten!

    Elon Musk: Mir ist langweilig!

    Hauptmann: Nun, eilig haben wir’s nicht!
    Die Bad Guttkopper büßen grad ein an Gewicht –
    Und je dünner, je günstiger sind sie zu haben.
    Denn die fürchten, auch China buhlt um unsre Gaben!

    Mark Zuckerberg: Steh’n denn indessen noch außer uns dreien
    Andere Räubersleut in unsren Reihen?

    Hauptmann: Ja, diese Seppl von Apple, die Google-Stoßer,
    Der ChatGPT-Chef ist auch schon ein Großer:
    Der melkt neues Wissen aus altem Gedächtnis –
    Man rätselt nur, ob er wohl selber noch echt is‘!
    Längst ist jenes Land all der Dichter und Denker
    Nur noch das Pfand einer Verpflichtung an Schenker
    Denn unser Schlachtruf heißt – noch einmal probegebellt:

    Alle: Dies ist ein Überfall – hier ist das Geld!

    Hauptmann: Sprich: Gib den Deppchen ihr Häppchen – danach erst beklau ’se!
    Lasst das gern mal sacken, wir machen jetzt Pause!


  • Giorgio Maggiore & das zweitausenddreihundertsechsundsechzigste Gedicht

    Blick vom Campanile vom Kloster San Giorgio Maggiore

    Gen Außenseite

    Ach, bewahrt mich
    Vor der Gram, sich
    Für gutgemeintes
    Schlecht Gemachtes
    Provokant nicht zu bedanken
    Bei all den treu mir zugewandten
    Anverwandten und Bekannten!

    Zu der zunehmend hilflosen Lähmung
    Setzt man oftmals sich selber noch Schranken.

    Ungewahr jeder eig’nen Beschämung
    Keift sich ein als Lärm entfachtes
    Nicht Bedachtes
    Raus, schon scheint es,
    Ein vermeintes
    Lebensleid stimmt unversöhnt –

    Gram, an die man sich gewöhnt.


  • Carnevale Padova & das zweitausenddreihundertfünfundsechzigste Gedicht

    Vorbereitung zum Karnevalszug von Padua

    Räuber 1 aus „Abgespeckt“

    Hauptmann: Erlauchte Halunken, Räubersleute
    Uns frohlockt heut fette Beute!
    Manch Missetat hab’n wir Geriss’nen verbrochen,
    Uns dann vor dem Zugriff der Sheriffs verkrochen … –
    Doch niemals wieder, Spießgesellen,
    Droh’n uns der Verliese Zellen!
    Zwar bleibt die Mission von uns abgrundtief bös,
    Nur sind wir vom Tonfall nun hochseriös!
    Elon Musk und Mark Zuckerberg: Hargh, hargh, Hauptmann Bezos, wir stehen bereit!
    Wer wird unser Opfer, wem bringen wir Leid?
    Hauptmann: Nun, wir Ganoven beherrschen das Unterzahlspiel –
    Drum ist ganz Bad Guttkopp das Überfallziel.
    Dort grasen grad, bar aller Art von Gefahren,
    Wohlstandsgemästete SPA-Gästescharen.
    Diese Badebeschlappten und Frottee-Betuchten
    Sind bald in der Gewalt von uns maßlos Verruchten!
    Wohlan, ihr Kanaillen, heut schröpfen wir sie!
    Nach durchweg erneuerter Dramaturgie –
    Ich sehe die Skripte bei allen vorhanden?
    Ihr habt auch den Ablauf gelernt und verstanden?
    Elon: Kurze Frage! – Hauptmann: Ja, Elon? – Elon: Was mir nicht gefällt,
    Zeile 1 heißt es: „Überfall – hier ist das Geld!“
    Klingt: „Überfall – her mit dem Geld!“ nicht doch besser?
    Dazu grimmes Fuchteln mit Knarre und Messer?
    Hauptmann: Werter Mitbandit, du siehst mich reichlich verwundert!?
    Du klingst noch verdächtig nach letztem Jahrhundert?!
    Wir woll’n nicht mehr irgendwen schnöde berauben –
    Wir schröpfen die Blöden, indem sie uns glauben!
    Wir geb’n ihnen Peanuts und schönste Versprechen,
    Für die sie im Gegenzug bald darauf blechen!
    Erst ’n Lager, – Elon: ’n Werk, – Mark: ’ne Umsonst-App – Hauptmann: errichten,
    Durch die unsre Opfer zu Dank sich verpflichten,
    Und kurz drauf erlassen die Deppen uns Flegeln
    Die Steuern – Mark: den Datenschutz, – Elon: Arbeitszeitregeln.
    Hauptmann:Wenn die erst verstrickt sind im Netz unsrer Gaben,
    Zahl’n sie an uns Geld, das sie nicht einmal haben.
    Wo ist Mark? – Mark: Hier, Herr Hauptmann?! – Hauptmann: Mein treuester Scherge!
    Du Facebuckel-Schurke vom zuckrigen Berge –
    Ja, du weißt, wieviel Tonnen ein Instagramm wiegt
    Hast alle mit ein’m Meta Vorsprung besiegt –
    Und jetzt unsre Opfer im Bad ausgespäht?
    Mark: Sehr wohl, jede Seele und jedes Gerät!
    Ich kenn ihre Konten, Gewohnheiten, Schwächen,
    Den Schwellenbetrag, ihren Willen zu brechen.
    So können für künftige Abhängigkeiten
    Wir gnadenlos zünftigen Druck aufbereiten!
    Elon: Ich verkauf den’n ein „X“ für ein „E“-Autowerk!
    Und flieg auf den Mars! – Mark: Sicher. –Elon: Rauf auf den Berg!
    Hauptmann: Ach, Freunde! Was war’n doch Die Räuber bei Schiller
    Noch ein beuteloser Stimmungskiller!
    Heut wird ein sicker Übeltäter
    Zum Überflieger dank Big Data!
    Bald gehört uns Bad Guttkopp – wie längst schon die Welt
    Per: „Dies ist ein Überfall – hier ist das Geld!“


  • Wintergartenhaus & das zweitausenddreihundertsechsundfünfzigste Gedicht

    Das Wintergartenhochhaus mit drehendem KLogo der Messe Leipzig

    Mehrerträge

    Was türmt sich da im Mailfach auf
    Und schreit: „Bin unerledigt!“?
    Wer schaufelt da jetzt weiter drauf,
    Wie bleib ich unbeschädigt?

    Wann senkt ein wenig Frieden sich
    In mein Organisieren?
    Wie find‘ zur Linde wieder ich
    Aus der Orkane Gieren?

    Die Lage scheint wie festgefahr’n,
    Die Tage eint ein Nichts-Erspar’n,
    In das ich tief gesunken,

    Das mich wie ein Waran umschleicht –
    Ich denk‘ jetzt oft daran: Vielleicht
    Ertrag‘ ich mehr betrunken?


  • Fälle im Regen & das zweitausenddreihundertfünfundvierzigste Gedicht

    Iguazu-Fälle von der brasilianischen Seite einen Tag vorm Rekordhochwasser

    Herbst in der Rückschau

    Da wir durchstolpern Nebelbänke
    Im farblos späten Jahr,
    Durchquer’n wir holprig manche Senke,
    Die gar nicht offenbar.

    Die bare Undurchsichtigkeit
    Umsorgt die Welt mit Milde.
    So sind wir über manches Leid
    Im Frühling erst im Bilde.

    Da wir im Rückblick uns beseh’n
    Zurückgelegte Strecke,
    Begreifen dann, wie uns gescheh’n
    Im Grau der Wolkendecke.

    Verheilte Wunden schmerzen nicht,
    Vererbt vom Ungewussten.

    Sie lindern sich zum Unterricht,
    Den wir verwinden mussten.

    Alle Rechte bei Tom Droste, der das Gedicht im Rahmen der Rio-Spendenaktion 2023 erstanden hat.


  • Botinas & das zweitausenddreihundertachtunddreißigste Gedicht

    Inselchen an der Botinas Bucht bei Ilha Grande

    Furzende Jugendliche

    Furzende Jugendliche sind meistens ganz leise
    Und duften in Grüppchen ihr Viertelchen scharf.
    Sie rüpeln sich aufwärts mit hörbarer Meise –
    Sind in der Erfüllungswucht voller Bedarf.
    Und furzen und furzen und bleiben dabei,
    Erzählt auch der Rektor: „Nun geht – ihr seid frei!“

    Furzende Jugendliche bleiben als Sorge besteh’n,
    Ihr Hier-Sein in keinerlei Morgen zu dreh’n.
    Man fragt: „Wollt ihr Pommes?“ – sie furzen und lachen.
    Und Welt muss sich dreh’n trotz solch störrischer Sachen.
    Und sie dreht sich! Und die Jugend wird furzen und furzen.

    Es greift jeder Vorwurf auch etwas zu kurz, denn
    Wir hab’n uns ärschlich längst pazifiziert,
    In mancherlei Nachhinein niedergeniert.

    Was hat Pubertät an uns übelst gerochen!

    Ich fühl trotz der Knackser mich noch nicht gebrochen
    Und in Wellnesshotel lass ich oft einen geh’n –
    Als konnte das Heute mein Früher versteh’n.


  • Weißbüschelaffen & das zweitausenddreihundertfünfunddreißigste Gedicht

    Sagui- oder Weißbüschelaffen auf der Ilha Grande

    Spätes Nachsitzen

    Nun bin ich schon älter als einst meine Lehrer
    Und frag‘ mich, was brächt‘ ich mir bei?
    Wo fänd‘ ich den Zugang als Wissensvermehrer
    Fürs üb-liche „Give it a try!“?

    Schlurfende Gedankengänge,
    Ohne Drall nach vorn –
    Ob der Morgens-Aufsteh-Zwänge
    Allen Flow verlor’n.

    Konnten all die Pflichtlektüren
    Mich zu den Gedichten führen?

    Zumindest: Es wurden die Pfade gelegt
    Zu Beeten, die seither man selbstbewusst pflegt.

    Behaupt‘ ja gern und stur, ich hätt’s
    Mir selber beigebracht –
    Liest das jetzt der Herr X, ich schätz‘,
    Dass er nur herzlich lacht.

    Nun bin ich schon älter als einst meine Lehrer
    Und wie ihnen ist mir heute klar:
    Es log meine Show als Aus-Trotz-Aufbehrer,
    Wie formbar ich doch damals war.

    Alle Rechte bei Hans-Peter Franz, der das Gedicht im Rahmen der Rio-Spendenaktion 2023 erstanden hat.


  • Bodenschneidalm & das zweitausenddreihunderteinundzwanzigste Gedicht

    Schaf auf der Bodenschneidalm bei Fischhausen-Neuhaus

    Schneeflöckchen

    Zwischen Besamung und Begattung
    Behagt es aber meiner Gattung
    Sich hastig fortzupflanzen,
    Zu morden und zu tanzen,
    Zu lernen oder erben
    (dies gerne lang vorm Sterben!) –
    Mal sehr erfolgreich und mal minder,
    Mal mit Muße, mal mit Tinder.
    Doch immer mit einigem Mitteilungsdrang
    Und quasi per se stets auf Publikumsfang.

    Es brüstet meine Gattung sich
    Mit potenziertem Wissen.
    Verkürzt sich hier kein Wartestrich –
    So muss er sich verpissen.

    Schon eine ganze Ewigkeit
    Hat meine Gattung keine Zeit.


  • Oide Wies’n & das zweitausenddreihundertundzwanzigste Gedicht

    Im Museumszelt der „Historischen Gesellschaft Bayerischer Schausteller e.V.“

    Zwischengeschlechtliches

    Wie hab ich seibernd dreingeluchst,
    Wo sie statt unter- ungebuxt
    Ihr wabernd „so ist recht“-Geschlecht
    Reich frei entfaltet ausgeflächt,
    Als sei ’ne Reihe von Rekorden
    Für neue Ären einzunorden.

    Hab so stark drauf- wie dreingeäugt,
    Dass jetzt voll Gram mein Blick sich beugt
    Und nach solch warmen Halten sucht,
    Die spaltenarme Zeit verflucht –
    Als sei die Folge von Genüssen,
    Dass Weitre weiters folgen müssen,
    Um seinen Pegel auch zu halten
    (und in der Regel geht’s um Spalten).

    Doch heut, vor dir zu sehr bebuxten
    Schaff ich’s nicht mal zur verdrucksten
    „Magst du dich ma auszieh’n?“-Frage
    Für die Mild’rung meiner Lage.
    Ich witt’re hier klar ein Gebiet,
    Das unenthüllt mich runterzieht –
    Anstatt du’s mit dem Büxlein tust!

    Worauf des Glücks Verzückt-Sein fußt.
    Magst du gemäß solch‘ Sehnen
    Die Hosenbünde dehnen?


  • Abflugbereitschaft & das zweitausenddreihundertundzwölfte Gedicht

    Unsere an die Gentrifizierung verlorene Wohnung in der Tengstraße 4.

    Die Nachmieter

    Schon sitzt die Waffenindustrie
    Bei mir auf dem Balkon
    Ich war so sehr „Mich trifft es nie!“ –
    Das hat man nun davon!

    Die wringt jetzt bald ihr Pimmilein
    In den verwaisten Bottich
    Und etabliert das Unverzeih’n,
    Malt alle Zukunft grottig.

    Schon sitzt die Rüstungsindustrie
    In meiner schnieken Wanne –
    Zwar abgetaucht, doch sicher nie-
    Mals eingeschäumt vom Funne,
    Denn wir einst lieblich ausgekost‘.

    Jetzt bürstet sich der Rüstungsrost
    An Herrn von Zu’stens Pimmilein.

    Ich wärm mich an mein‘ ärmlich‘ „Nein!“.

    Wenn brünftig Euch auch Segen narrt,
    Ihr Günstlinge der Gegenwart:
    Das, was ihr mir genommen,
    Berangt ihr nicht,
    Verzwangt ihr nicht –
    Ihr werdet’s nie bekommen!


– Die 272 Städte/Länder der Fotos (2016-2026)


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