Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 37 Länder auf 5 Kontinenten

Einakter

Alles, was zwölf Zeilen überschreitet.


  • Förchensee & das zweitausendvierundneunzigste Gedicht

    Blick über den Förchensee bei Ruhpolding

    Im Endspurt des Streunens

    Nirgends zuhause
    Und doch nichts vermissend.
    Mir zeigt sich jed Bau
    Fundamenteunwissend –
    Und ich zeig entsprechend zurück!

    Zeichen vertrauend,
    Scheint Suche mir lässlich.
    Ein endloser Stau
    Potenziert sich ins Grässlich –
    Derweil ich die Zeit überbrück.

    Wann ließ das Verlangen vom Glück?
    Und was bestimmt, was man vergisst?
    Fernab vom Traulich,
    Nirgends zuhaus: ich –
    Leider auch nirgends vermisst.


  • Nachmieter & das zweitausendsiebenundsiebzigste Gedicht

    Einer der von neuen Mietern genutzten Stadtpaläste Havannas

    Havannas Paläste in der Wiederverwertung

    Es ist, scheint’s, die Gerechtigkeit
    Nicht sehr erpicht auf stilgerecht.
    Zunächst vergeht doch sehr viel Zeit,
    Dann muss es schnell geh’n – oft wird’s schlecht.

    Man schaut auf alter Prachts Verfall
    Als das, was wir erstritten –
    Verwittert mit im Abgasschwall
    Längst ausrangierter Schlitten.

    Man restauriert ein Überall
    In stets zu kleinen Schritten
    Und überhört den Widerhall,
    Wie hart man einst gelitten.

    Bewerten wir Gerechtigkeit
    Bisweilen etwas ungerecht –
    So, weil halt Optik sehr laut schreit,
    Wenn man zu viel an Schönheit blecht.


  • Am Grubsee & das zweitausendachtundvierzigste Gedicht

    Am winterlichen Grubsee

    Laudatio für ZwaSpraSpie

    Unter Zugzwang mich die Zwanzig setzt,
    mir flugs zu wahr’n die Chance sich jetzt
    zu bedanken für die stets geschätz-

    -ten Sprachspielereien im Briefkastenschlitz!
    Wo Lacher gedeihen mit tieferen Witz,
    bedacht von Stil- wie Geistbesitz.

    Da wird ein Vers frei von der Leber gefegt,
    ein Anagram anders zusammengelegt,
    dort ein Palindrom paarig aus Wortlust zersägt,
    dann durchcruist man ’nen Ort, den ein Limerick prägt.

    Mal werden die Reime aus Eimern geschüttelt,
    mal augenverführt von der Brechstang‘ durchrüttelt,
    mal sprüht’s aus bislang unbekannten
    anverwandten Varianten.

    Neunzehnmal (nun, das galt zumindest bis heute)
    ward klar mir, dass ich was Enormes erbeute
    Beim Lesen der Saat Deiner formtreuen Meute!

    Und außerdem … – schon fällt das Layout die Schranke!
    Zwei Silben noch, Nora, ich bitte Dich: Danke.


  • Durchblick & das zweitausendvierzigste Gedicht

    Blick auf Schloss Spiez

    Zum Loch im Schritt meiner Lieblingsbuxe

    Es leistet die Hose grad da sich ein Loch,
    Wo auch meine Unterbux leckt.
    So zeigt sich falthaarig ein Sackstückchen noch,
    Obschon rundum doppelt bedeckt.

    Doch, Freunde, vielleicht gibt’s im Rund dieser Welt
    Zehn Menschen, den’n solche Entblößung gefällt!?
    Die mit jener Entdeckung Schwung
    Nebst Mannschaftsportsbegeisterung
    Beschließen, zum Team sich zusammenzuschließen,
    Und mit mir trainieren das Fußbälleschießen!?
    Wir hangeln uns von Sieg zu Sieg
    Hin zum Gewinn der Champions League!
    Und in Interviews wird oft gefragt, wie es kam,
    Dass sich diese Mannschaft formierte –
    Dann wühle ich just den Teil Sack aus der Scham,
    Der einst durch mein Hosenloch stierte.

    Ein Augenblick Hoden – wie kurz auch – vermag,
    Den Lauf aller Bälle zu ändern …
    Zeig dich unbeeindruckt von Moden und trag
    Mit Stolz den Verfall von Gewändern!

    Nur du konterst bar der Erkenntnis vom Zweck:
    „Jetzt echt: Diese Hose – wirf endlich mal weg!“


  • Mole Antonelliana & das zweitausendsechsunddreißigste Gedicht

    Blick auf die Mole Antonelliana, dem Wahrzeichen von Turin

    Sisyphos unterwegs

    Maske, Perso, Impfnachweis –
    Irgendetwas vergesse ich immer!
    Es stresst mich mein Verschusselfleiß –
    Und das wird stetig schlimmer.

    Je länger die Liste vergessbarer Dinge,
    So bängrer wird mir, dass ich es nicht vollbringe,
    Vier Schritte vor das Haus zu geh’n
    Und nicht gleich wieder umzudreh’n,
    Weil ich, Geld, Handy, Stift oder Tickets vermissend
    (und meinen Verstand ob solch Leerstellen dissend),
    Fünf Stockwerke rauf muss, zur Wohnung zurück.

    Bis ich einst kapier, schier verzweifelnd vor Glück:
    „Ich hab meinen Schlüssel ja gar nicht dabei!“

    Das wär meine Chance, denn dann wäre ich frei!


  • Abfahrten & das zweitausendfünfundzwanzigste Gedicht

    Im Ski-Gebiet von Zinal

    Waldabfahrt

    Das hämmernde Schienbein, das stechende Knie
    Besänftigen sich auf dem schnurrenden Ski,
    Der nun nichts mehr fordernd den Waldweg begleitet –
    Was keinerlei Anstrengungsgrade bereitet:
    Hier greift Kontemplation
    In die Meditation.

    Sonor klingt der Tag aus in mäßiger Fahrt,
    Bis kurz in der Kehre der Schneeteppich scharrt.
    Ohne Anschub läuft’s fort, nun in anderer Richtung,
    Zur nah’nden, vom Dorfeingang kündenden Lichtung,

    Eh man, vom Tage angestrengt,
    In eine kurze Abfahrt lenkt,
    Sich ächzend von den Brettern schnallt.

    Hab Dank für diesen Abschluss, Wald!


  • Altes Haus & das zweitausendzweiundzwanzigste Gedicht

    Im alten Dorfkern von Grimentz

    Updates in progess

    Ich bin aus der Schlappschwanzgeneration, kann keine Zementsäcke tragen,

    Ich weiß Schreibmaschinen
    Nicht recht zu bedienen,
    Wurd niemals von Lehrern geschlagen.
    Ich bin aus der Schlappschwanzgeneration, ich kann keine Falkpläne falten,

    Wurd nie zu nem Amt
    In Vereinen verdammt,
    Weiß Rufnummern nicht zu behalten.
    Ich bin aus der Schlappschwanzgeneration – doch ich wurde als Kind nie getrackt,

    Hab jahrelang ganz ohne WLAN gelebt
    Und Alben beflissen mit Fotos beklebt,
    Hab in Schaufenstern alles entdeckt.
    Ich bin aus der Schlappschwanzgeneration – mit leicht atavistischem Schwanz.

    Doch mein Unfähig-Sorgen
    Erlöst Ihr im Morgen:
    Denn Euch fehlt das Schlappe schon ganz.


  • Ehre, wem Ehre gebührt & das zweitausendachtzehnte Gedicht

    Das Goudron-Denkmal für Ernest Guglielminetti bei der Saltinabrücke in Brig

    Briger Denkmäler (wider die Lebenswerkbürde)

    Der Erfinderin des Cordon Bleu, dem Schöpfer der Straßenbeteerung
    Und einem Piloten vom fernen Peru – die Stätten der Heldenverehrung
    Sind in Brig
    Auf einem Blick
    Zwar spartig, doch sehr ausgewogen!

    Nicht Päpste und Feldherr’n
    Je nochmals als Held ehr’n
    (die oftmals noch falsch abgebogen)!

    Für den schmalen, genialen Moment statt fürs Leben
    Den passenden Namen aufs Denkmal zu heben,
    Ist von unumstößlicher Zeitlosigkeit,
    Die vorm Größenwahn wendiger Trends scheint gefeit!

    Jed Dasein benötigt Asphalt für die Raser,
    Das Cordon Bleu, El cóndor pasa!


  • Massenevent & das eintausendneunhundertneunundneunzigste Gedicht

    Badende Saatkrähen im Eiskanal

    „Hast du eigentlich zugenommen?“ (Mein Fett)

    Ich habe mir so manches Pfund
    Aus Faulheit angefressen
    Und doch noch nie – aus gutem Grund –
    Den Bauchumfang gemessen.
    Längst bläht mein Körper, schwartenreich,
    Sich feist aus seinem Rahmen,
    Schlaff schwabbelt er sich, butterweich,
    Zum Schauplatz welker Dramen.
    Die Unform grölt manch Garstigkeit
    Zwäng ich die Plumpheit in mein Kleid –
    So resigniert an mir auch die
    Kühnste Positivity,
    Denn dieser Body flockt grad aus
    Mit prallbrutalem Optikgraus!
    Da wölbt die Wampe sich hervor
    Als Walleibinselschmer,
    Presst schmatzend sich durch jedes Tor
    Aus schmalzdurchduns’nem Meer.
    Es speckt der Wanst sein Zellulied,
    Die Fleischigkeit zu gerben –
    Die ratlose Ästhetik zieht
    Als letzten Vorschlag: „Sterben!?“

    Das scheint weise, denk ich leise,
    Als ein Ziel von meiner Reise –
    Kann doch grad ich fettes Schwein
    Dann der Welt Entlastung sein!


  • Zugvogel? & das eintausendneunhundertsechsundneunzigste Gedicht

    Überwinternde Gans am Flauchersteg

    Pure Chance (Die Überwinterer)

    Wenn ihr die
    Hiesigen Breitengrade
    Grad Unbehagen bereiten
    Und ihr der Biss des Winters stinkt,
    Tragen sie alsbald die Weiten
    Ihrer Flügel und beschwingt
    Gleitet sie gen Afrika
    Für ein gutes Vierteljahr.

    Dort gilt’s bloß, Hyänenzähnen
    Forsch die Stinkefeder zeigen!
    Und beim Anblick größ’rer Mähnen
    Hoch in heiße Höh’n zu steigen,
    Um auf flirr’nder Luft zu segeln
    Und der Rest wird sich schon regeln
    Im besagten Vierteljahr.

    Heute klagt man: Afrika
    Sei noch so ein Sinnbild vom Voll-Übertreiben –
    Man müsse doch gar nicht so weit!
    Denn die, die im Froste vor Orte hier bleiben
    Wärmt Flucht als pure Möglichkeit.


Die 266 Städte/Länder der Fotos (2016-2026)


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