An einem schönen Maimorgen durchritt eine schlanke Amazone auf einer prächtigen Fuchsstute inmitten der Blumen die Alleen des Bois
Der erste Satz bleibt unvollendet,
Wenn Wort für Wort sich überblendet.
– Titel aus A. Camus, Die Pest –
Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos
Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 38 Länder auf 5 Kontinenten
Gedichte über das Schreiben, das Dichten und das Autorendasein.

An einem schönen Maimorgen durchritt eine schlanke Amazone auf einer prächtigen Fuchsstute inmitten der Blumen die Alleen des Bois
Der erste Satz bleibt unvollendet,
Wenn Wort für Wort sich überblendet.
– Titel aus A. Camus, Die Pest –

Wenn Dichter retten …
Gefühlt schrei’n täglich so viel Leben
In meine Richtung „Rette mich!“
Und kläglich müht sich all mein Streben
Um einen Reim auf „Kette, brich!“
Zu viel androhn’nde Schicksalsbrüche!
Zu oft tönt’s roh und abgekühlt:
„Erspar uns deinen frommen Sprüche!“
Ihr Rettungsruf war bloß gefühlt.

Am Altpapiercontainer
Am Container für Papier
Wird’s Gemüt so trübe dir,
Weil das, was in den Schacht du schiebst
Und dem Vergessen übergibst,
War von Gewicht zu deiner Zeit –
Nun geht’s den Weg zur Nichtigkeit.
All die sorgsam aufbewahrten
News, Ideen und Heldentaten,
„Boah!“s, die zum Bericht verdichtet,
Journalistisch nachgerichtet,
Menschen, die die Welt bewegten
Und dein eignes Werden prägten –
Was kurz als geltend galt, wird hier
Zur Restressource Altpapier.
Sehr wenige der mal gelesenen Zeilen
Werd’n ewignah in der Erinn’rung verweilen –
Es geht dein Gedächtnis so bald schon in Rente
Und schluckt dann eiskalt selbst die schönsten Momente.
Drum wird’s Gemüt so trübe dir
Dort am Container für Papier.

Geist und Ungeist
Ich kann tausend Mohammed-Spottverse schreiben,
Um dann generös schon aus Zeitnot es bleiben
Zu lassen.
Und hassen
Lass ich mich dafür aus-
Schließlich von Vollidioten.
Denn edlem Geist bleibt es verboten,
Auch nur eine der Gottheiten und Religionen
Von schönem Spotte zu verschonen.

Mein Gendern (vor der Heimkehr)
Ich schminke mein Sprechen mit fleißigem Gendern,
Entsprechend gefordertem Formideal.
Fürs eigene Spiegelbild würd ich’s nicht ändern –
Dem eigenen Ohr ist Kosmetik egal!
Doch eh ich berechtigte Anliegen schmähe,
Trag ich meiner Äußerei Glitzerstaub auf.
Auch wenn manch Wort ohne dies schöner aussähe,
Nehm ich das mir Läppische lässig in Kauf.
Galant und entspannt spende ich meinen Beitrag
Zu einer fairtrefflich sich bessernden Welt,
In der nach generisch-ästhetischem Einschlag
Der Wunsch nach jed äffischem Umweg entfällt.

Schmerzlos
„Hab ich nicht längst schon jeden Schmerz
Mit einem Vers beschrieben?“,
Beschwere ich mich himmelwärts,
Schwer pathosübertrieben.
Zum Leidwesen für Schmerzbetroff’ne
Gibt’s die weit nach oben off’ne
(Gott ist unser) Richterskala –
Dass du deine Dichtertaler
Dir hienieden auch verdienst
Und nie zu zufrieden grienst!

Am Walchensee
Um irgendwalchen Silbenseen
Salch Wortgebilde nachzuseh’n,
Muss ich erst schwammig Runden dreh’n.
Obschon Poeten es begrüßen,
Vokabularien zu versüßen
Und sehr auf neue Silben steh’n –
Bei wal-chen schrei ich nich: „Die lieb ich!“
(ach, wol-chen wär doch so ergiebig!).
Doch nach dem Walchenseedurchschwimmen
Kommt nicht umhin man, zuzustimmen
Dem Lob voll Teichbegeisterschwung:
Der See ist ’ne Bereicherung!

Nummer 1.500
Nummer Tausendfünfhundert
In 2020 –
Von Muttern bewundert,
Der Rest ruft: „Er kann’s nich!“

Verjährendes Gedicht
Die Zeilen in der Erde sind
So unerreichbar da –
Wiewohl kein Wort ich wiederfind‘,
Ihr Sinn bleibt weiters nah.
Es reicht die Tiefe im Verlust
Von selbst nicht ans Verloren.
Stell dich in seinen Schein, du musst
Nicht extra danach bohren!

Säumiges
Ach, ich gewahrte viel zu spät:
War heut glatt ohne Schreibgerät
Zum Dichten aufgebrochen!
Schon kam da angekrochen:
Ein lang vermisster Geistesblitz –
Den in Ermanglung an Notiz
Ich bis zu meiner Rückkehrstund
(als bloß vom Glück bescherten Fund)
Ins Hirn mir tätowierte,
Derweil ich stur flanierte –
Im Kopf nur diese eine Zeile
Nebst meinem Willen, diese heile
Noch zu Papier zu bringen.
Es sollte mir gelingen.
Doch der Vers, den ich brav hab behalten für Stunden,
Wurd‘ dann schon recht bald für nicht tauglich befunden.
Sein wahrer Wert war offenbar,
Dass er so sehr gefährdet war.
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