Die Nachtigallen von Berlin
Zwitschern uns zu, dass der Tag weiter anhält –
Beim Einsam-um-die-Häuser-Zieh’n –
Und dass auch für Dich ein Minütchen noch abfällt.
Noch sind die Würfel nicht gefallen,
Noch reift der Ruf der Nachtigallen,
Noch bleibt uns das fehlende Stück zum Ruin –
Mein Körper orientiert sich jetzt auch Richtung Sterben
Und fort vom „Weiter wie bisher …“
Durchbrummt von ’nem inneren Blätterverfärben
Stimmt er mich nun ein aufs „Na, geht halt nicht mehr!“
Doch die Müdigkeit in mir scheint plötzlich so richtig
Und Zukunft an sich mal so gar nicht mehr wichtig
Mein alter Eifer grölt verzerrt
Und schmückt bloß der Endlichkeit ewigen Wert
Recht zeitig bin ich zugestiegen
Um rechtzeitig den Zug zu griegen
Ja, seit ich zeitlich weise plane
Reis‘ ich mit der Eisenbahne
Dank GA sehr angenehm
Bin auch heute recht bequem
(die Verspätung ausgenommen)
In Zug im Zug zum Zug gekommen
Das „GA“ entspricht der Bahncard 100 der Deutschen Bahn
Ripostegedicht zu Ricarda Huchs an ihren Jugendschwarm und Cousin Richard gerichtetes „Liebesgedicht“ (Geschwister sind sich alle schönen Dinge).
Never trust a Lovepoem
Cousiniert sind sich alle Dinge, die schön sind
Das verstimmte schon früh manch Instrument
Weil man sich für das Aneinandergewöhn’n, Kind
Schon vom Start weg zu gut kennt
Ein Notenblatt bewahrt sich nur seine Verheißung
Wenn dessen Lied bleibt ungespielt
Beschau Dir die Noten, doch bau keinen Scheiß, Jung
Wenn sich wer per Reim als Geheimnis empfiehlt
Die Dämmerungswärme der Straßenlaternen
Gilbt sich über Brücken in streunende Gassen
Es befähigt zum Ära und Aura Erlernen
Entgangenen Zeiten ins Antlitz zu fassen
Und jedem Laut stiehlt es die harten Facetten
Und befiehlt der modernen Welt nichtig zu sein
Es wird eine steinalte Nacht in sich betten
Als ein ewig ins Früher gerichteter Schein
Es ist, einmal enttarnt, der gewöhnlichste Duft
Nur er schlüpft als exotisches Ahnen
Und verfolgt deine Sinne als zähester Schuft
Er verhöhnt deine Freude als zahnen-
Des Sehnen nach etwas mehr Orient und so
Auf leicht zu becircendem Glaubensniveau
Dass du, Haremsberechtigter, schlürfst erste Dosen …
Ripostegedicht zu „Sie saßen und tranken am Teetisch“ von Heinrich Heine unter der Vermutung, dass Heine sich nur aus semantischen Gründen den Lapsus eines identischen Reimes (Teetisch – ästhetisch) leistet. Es war natürlich der rein reimende Stehtisch gemeint, dessen Nutzung durch Sitzende Heine unstatthaft, wenn nicht kriminell, erschien.
Wir saßen und tranken am Stehtisch
Wir saßen und tranken am Stehtisch
Und kamen so lieblos uns vor
Denn fraglos war’s wenig ästhetisch
Wie der Tisch an Bedeutung verlor
Wie negierten frech alle Semantik
Und bestuhlten, wo aufrecht man steht
Der Plattenbau moserte grantig:
„Ey, wenn ihr nicht steh’n wollt, dann geht!“
Und die Sprache in Reinform trägt noch immer Melone
Sie wirkt wie in tausend Krawatten gesteckt
Pfeift auf alle Blasiertheit – doch tut’s auch nicht ohne
Das Restweltparlieren scheint hilflos verdreckt
Nie emporte sich jemals ein Rückgrat so aufrecht
Kein Königreich führten mehr Fährten zum Wort
Doch im hintersten Kneipenraum gibt man sich rauf-echt
Und stampft über manch Pietäten hinfort