Die Spuren einer Kindlichkeit
Im schwindenden Gesicht –
Sie folgen trübnisarmer Zeit
Aus greisenfrommer Pflicht.
Gern wär ich ohne Vorbehalt
Kurz ungezwungen heiter!
Da steh’n wir zwei, gemeinsam alt
Und mit einem Mal weiß ich:
Oh, 2030
Ist doch sehr sehr fern
Und würd ich auch gern
Es lebenden Auges besehen,
Muss sicherlich vorher ich gehen.
Denn vor Geburtstag 62
Rechne ich damit, es rächt sich
Des Lebensrauschs Fülle
An sterblicher Hülle.
Dann wird’s nix mit mir und Jahr 2030 –
Da kann ich mich auch nicht beschwer’n, Herr, das weiß ich.
Andrerseits gibt’s Register,
Die blieb’n ungezogen:
Hatt‘ lebenslang Schiss vor zu heftigen Drogen –
Und ein Achteljahrhundert nur Verse Verfassen
Schafft auch wenig Zunder für’n ungesund krassen
Lebenswandel.
Hält dann vielleicht mein Daseinsbandel
Doch noch in die Dreißiger?
Fraglos freudlos, scheißiger.
Und plötzlich Zweifel: Wird’s nich‘
Doch eh’r 2040?
Wir sind so weit gekommen, dass das Ziel uns beschämt
(dabei sind wir längst merkwürdig desint’ressiert).
Die Beschwerlichkeit hat unsern Eifer gezähmt,
Wir wittern den Endspurt, wie paralysiert.
Lass uns umkehren und unsern Irrtum erkennen –
Nach Diktat legen hehrste Motive sich wund!
Wir können ab heut alles anders benennen.
Wir reisten aus einem vergessenen Grund.
Am Container für Papier
Wird’s Gemüt so trübe dir,
Weil das, was in den Schacht du schiebst
Und dem Vergessen übergibst,
War von Gewicht zu deiner Zeit –
Nun geht’s den Weg zur Nichtigkeit.
All die sorgsam aufbewahrten
News, Ideen und Heldentaten,
„Boah!“s, die zum Bericht verdichtet,
Journalistisch nachgerichtet,
Menschen, die die Welt bewegten
Und dein eignes Werden prägten –
Was kurz als geltend galt, wird hier
Zur Restressource Altpapier.
Sehr wenige der mal gelesenen Zeilen
Werd’n ewignah in der Erinn’rung verweilen –
Es geht dein Gedächtnis so bald schon in Rente
Und schluckt dann eiskalt selbst die schönsten Momente.
Drum wird’s Gemüt so trübe dir
Dort am Container für Papier.
Und wieder wird ein neuer Tag
Nichts Lohnenswertes bringen,
Nur sein Portiönchen Zahnbelag
Aus alten Lappen wringen.
Du putzt und putzt und putzt und putzt,
Doch nichts wirkt echt gesäubert.
Da jeder Tag nur schlecht genutzt-
E Lebenszeit dir räubert.
Ob dich das in den Selbstmord treibt?
Ich wüsst‘ nicht, was dir sonst noch bleibt –
Bedenklich wie bedenkenswert,
Vielleicht wird’s ja gelingen?!
Bevor sich unnütz Zweifel mehrt:
Mehr wird der Tag nicht bringen!
Verblasste Chance (an der Heimlichen Liebe zu Heisingen)
Hei, singen wir heut‘ von der heimlichen Liebe
Der’n Unheimlichkeit ich einst schüchtern gescheut!
Doch wäre anheim ich gefall’n ihr – was bliebe?
Vielleicht hätt‘ ich’s einfach nur gleich schon bereut
Ich liege bereits bei den Toten,
In der Hoffnung, ein Arzt käm‘ vorbei.
Der Raumwechsel ist mir verboten.
Im Trance, man sei bald an der Reih‘,
Betrachte ich scheu die verdrehtesten Nachbarn
Als mahn’nden Beleg, dass die ehemals wach war’n
Doch wehre mich gegens Erschauern.
Hier ist dein Platz. Es wird dauern.
Denke dir jede Minute als heilig,
Füll sie mit Eindrücken voll bis zum Rand!
Selten Beteiligte haben es eilig,
Heut nicht Geseh’nes wird niemals bekannt.
Es gilt, diesen Augenblick gründlich zu schröpfen,
Es türmt sich bedenklich das Wissen.
Mag sein, unser Alter wird uns heut noch köpfen: