Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 38 Länder auf 5 Kontinenten

See

Gedichte, für die das stehende Gewässer Model stand.


  • Isarlauf & das achthundertneunte Gedicht

    Isar

    Ripostegedicht zu „Der Reiter und der Bodensee“ von Gustav Schwab

    Die anderen Reiter und der Bodensee

    Tief unten und in Bodennäh‘
    Harrt auf dem Grund vom Bodensee
    Die Reiterschar, die übers Jahr
    So durch das Eis gebrochen war

    Von Zeh und Huf bis zu den Ohren
    Starr’n Ross und Reiter schockgefroren
    Hinauf zur milchig strahl’nden Schicht
    Wohlwissend: „Manchmal hält die nicht!“

    Und jeder, der hindurchgerammt
    Schwebt nun zum Zombietum verdammt
    Im kühlen Nass, wo nichts verdirbt
    Bis er im Frühling richtig stirbt

    Wenn Sonnenstrahl die Eisschicht taut
    Wird auch der Körper abgebaut
    So lange müssen unten warten
    Die hier ein Stockwerk tiefer traten

    So muss manch Recke nutzlos dümpeln
    Im Bodensee und andren Tümpeln

    Doch, horcht! Da naht auf seinem Rosse
    Vom Ufer ein künftiger Leidensgenosse!

    Schon trabt er mit immer leicht schlitternden Tritte
    Zum Eingangsbereich der schon knisternden Mitte
    Dumpf durchwabert der Schall von dem Todesgalopp
    Die zermürbende Stille des Sees, bis dann „Stopp!“

    Ein Leichnam namens Bertram schreit
    „Ihr Mannen, macht euch mit bereit!
    Entreißt eure Leiber des Winterschlafs Betten
    Treibt mit mir nach oben, den Knaben zu retten!

    Stützt mit den Leibern eurer Rappen
    Die Eisschicht, wo sie einen schlappen
    Und kläglich tragend Eindruck macht
    Und wo’s beim nächsten Kleindruck kracht!

    Nun, Freunde, was soll ich euch lange behellen
    Ihr kennt wohl am besten die heikelsten Stellen!
    Vollbring’n wir’s mit vereinter Kraft
    Dass er’s ans andre Ufer schafft!“

    Kurz drauf wird die Schicht, wo ihre Deckkraft im Argen
    Von den Rücken ertrunkener Pferde getragen

    Schon donnert heran das Getrommel der Hufe
    Von vorderster Front hört man Jubel und Rufe:

    „Es hielt – wir hielten’s! Er hat uns passiert!“
    Und wenn auch manch Sprung durch die Eisdecke sirrt
    Solange die Schutzschicht nur splittert statt bricht
    Hält auch noch die Mitte des Reiters Gewicht

    Und im Zentrum von alldem hält Bertram sein Ross
    Den gefall’nen Gefährten im See nun der Boss
    Da der durchschlagskraftmächtigste Tritt auf ihn bangt
    Und er nur ruft: „Treffer. Mitnichten versenkt!“

    Da schöpfen auch die, die’s noch treffen wird, Mut
    Zudem dort das Eis mählich dicker wird. „Gut,
    Den kritischen Teil hat er nun überwunden
    Und bald auch den Weg an das Ufer gefunden

    Wo im Schatten der Berge es stärker gefriert
    So dass ihm von nun an wohl nichts mehr passiert!“
    Da jubelt die Schar und man gibt sich Highfive
    Sie tanzen und singen zu „Stayin‘ Alive“

    Doch kommt ein Zwerg hervorgekrochen:
    „Just dort bin ich ins Eis gebrochen!“

    „Just wo?!“ „Nun, er reitet geradewegs hin!
    Und dort ist das Eis wirklich dünner als dünn!“

    Weh! Niemand traut da gern seinen Ohren
    Nur Bertram gibt dem Pferd die Sporen
    Und sein treuer Gaul schießt durch das Nasselement
    So wie man das höchstens von Seepferdchen kennt

    Schon ist’s – so sehr strengt es sich an
    Gleichauf mit jenem Reitersmann
    Wie ein gekipptes Spiegelbild
    Dort arglos – da entschlossen wild

    Nun wird auch die Gefahr reell:
    Den See trifft hier ein warmer Quell
    Macht’s Eis porös wie Blätterteig
    Durchschmetterbar vom kleinsten Zweig

    Um zu erkenn’n: Das hält ihn nicht!
    Braucht es nicht erst ’nen Testbericht
    Auf Verstärkung zu warten, dazu fehlt die Zeit
    Also plant Recke Bertram die Rettung zu zweit:

    „Wir bleiben stetig unter ihnen
    Geleiten sie so wie auf Schienen

    Und öffnet sich des Eises Spalt
    Geb’n unsre Körper ihnen Halt!“

    So ward zum Peak vom Eisschicht-Schwund
    Das Pferd dem Pferd ein Untergrund
    Bewahrt‘ es vor dem kühlen Grab
    Perfekt getimet im Hucketrab

    Dem Highsporn, der nach vorn nur stiert
    Wird nicht gewahr, was hier passiert
    Schon nimmt er mit ’nem Riesensatz
    Im Fließ der Uferwiese Platz

    Bloß Pferd und Bertram treib’n zerfetzt
    Vom Hufgetrampel arg verletzt
    Im eisfrei’n Teil des Sees herum
    Wo sie sofort verwesen – dumm!

    Denn kaum am Sauerstoff gerochen
    Schält sich das Restfleisch von den Knochen
    Trotzdem feiert nun stürmisch: „Oh, Bertram, du Held!“
    Der Reittrupp Unterwasserwelt

    „Siehst du ihn, noch?“ „Ja, er erreicht jetzt das Dorf!“
    Von den brüchigen Lippen des Boss‘ blättert Schorf

    „Erzähl uns, was tut er?“ „Er blickt grad zurück!
    Ich denke, allmählich begreift er sein Glück.

    Und nun … bitte, nein! Gott, das glaub ich jetzt nicht!“

    Na, ihr kennt ja das Ende vom andren Gedicht!


  • Tier(e im )Garten & das sechshundertsechsundneunzigste Gedicht

    Im Tiergarten Berlin

    Die Schlacht am Schlachtensee (Präludium)

    Wenn Tauben ihre Ohren spitzen
    und Spatzen schmatzend Silben (…)bitzen
    dein Hund in Mikrowelsen gart
    wird dir gewahr: Das Ente naht!

    Wenn die sich erst trauen
    am Menschen zu kauen
    werd’n die ein’n nach’m andern
    am Stück uns verdauen

    Dir schwant beim Anblick jedes Schwanes:
    Das Tier plant ganz was Abgefahr’nes!

    Und niemand von uns wird in Ehren ergrauen
    wenn die sich erst trauen
    wenn die sich erst trauen


  • Ammersee Südspitze & das sechshundertsiebenundfünfzigste Gedicht

    Ammersee Südspitze

    Der Kuss

    „Hilf mir! Hilf!“, rief’s aus dem Schilf
    „Ich bin ’ne verwunsch’ne Milf!
    Nur ein Kuss kann mich erlösen
    Von dem Fluch, der einem bösen
    Zauberer dereinst entfuhr!“

    Ich besann mich, rief retour:
    „Böte ich um deiner Nöte
    Meine Lippen dar dir, Kröte
    Wäre es nicht nachgerade
    Um den raren Zauber schade
    Der dem Ufer innewohnt?

    Wie würd‘ uns solch Schritt gelohnt
    Sagte ich: ‚Okay, da helf i!‘?
    Zur Erinn’rung gäb’s ein Selfie –
    Doch beraubt wär dieser Platz
    Um den insgeheimen Schatz!“

    Und leicht mäulig durchheulte die Halme ein Wind …
    Doch wir wissen jetzt, wo wir uns finden, mein Kind!


  • Seeschwäche & das sechshundertsechsundfünfzigste Gedicht

    Am Ammersee

    Die Spree

    Ick seh die Spree mehr so als See
    Nich die See, sondan der

    Sons hätt ick ja ooch eh’r jesacht
    Ick säh die Spree als Meer,

    Der Herr!


  • Weiherbach & das fünfhundertvierundneunzigste Gedicht

    Weiherbach bei Puchheim

    Seelenfrieden

    Hier schwappt es sich aus
    Das bekloppte Getue
    Mal murgelt das Blesshuhn
    Und mal gibt es Ruhe
    Es gurgelt ein Wellenversuch

    Da muss was im See sein
    Das atmet die Seel‘ ein
    Und fläzt sich zufrieden in Frottee und Tuch

    Und du sitzt daneben
    Schaust raus auf den See, denn
    Da blitzt immerzu etwas Sonne im Schwipp
    Tanzt dunkliger Glimmer
    Von tanigem Schimmer
    Allplanig galönzigt ein windhauchend Trip

    Und mulmig riecht die Kühle rüber
    Ein Natterich schlürft durch die Küber
    und Barkschmelz küsst die Leckenlipp

    Am Ufer von den Badeseen
    Entsperrt sich alles Grundversteh’n


  • Wörthsee & das fünfhundertfünfundvierzigste Gedicht

    Wörthsee

    Dem Abendroten

    Ich steh
    Am See
    Dem abendroten
    Und denke an die lieben Toten
    An Minuten, verschwendet im Tran meiner Kindheit

    Denn skandalös endlich und rar war’n und sind Zeit
    Und Aufmerksamkeit, die im Damals geboten

    Wär’n sie jetzt hier, am Abendroten
    So berichtete ich den verschwundenen Leuten
    Wie viel ihrer Wunden mir heute bedeuten
    Dass manch ihrer Witze ich heut erst versteh

    Und in dem Moment scheint es, als lächle der See

    Mehr Gedichte zum Alter, Sterben und Tod


  • Bodenseenebel & das vierhundertdreiunddreißigste Gedicht

    Bodensee bei Bregenz

    Morgennebel

    Der See ist über die Ufer getreten
    Und lichtstrahlberaubt hört man flüchtiges Beten
    Der Anraineralten und andren Gestalten
    Die superheldsehnend die Fingerchen falten:

    „Ihr, die Ihr das Nichtzuvollbring’nde vollbringt
    Schier unüberwindbare Gegner bezwingt
    Ihr Verfechter und Rächer des Guten auf Erden –
    Mögt ihr uns nicht helfen, den See loszuwerden?“

    Doch all die Gebete zerwabern im Nebel
    Der dräuend über allem hängt
    Der See steckt bedrückend in all dem Geschwebel
    Das täglich auf die Ufer drängt

    Darunter fleh’n sterbende Seelen: „Mehr Licht!“
    Doch nichts dringt nach draußen, der Nebel hält dicht


  • Sommerfrischen & das dreihundertundelfte Gedicht

    Tegernsee

    Aufziehende Gewitter.

    Talkessel

    Das von Bergkettenbändern gebändigte Land
    Hechelt am Knebel der glänzenden Seen
    Und ständig fließt irgendwas über den Rand
    Und Ängstlichkeit reift längst zum bangen Versteh’n:
    „Vorm Deifi sind wir hier im Tal niemals sicher!“
    Und höhnisch erklingt auf den Höh’n ein Gekicher
    Rauscht eisekalt brausend als Windstoß hinab!

    Vom See schweigt Kühle wie ein Grab

    Es fröstelt tief in allen Seelen
    Die hier fromm ihr Leben fristen
    Und oft sich mit der Frage quälen:
    „Weshalb kommen die Touristen?“


  • Tegernsee & das zweihundertneunzigste Gedicht

    Tegernsee

    Kurze Tourpause mit langen Aufenthalten an Seen. Today: Tegernsee.

    Gewissenlos (oder Das Los der Gewässer)

    „Wie sieht’s aus, Herr Tegernsee
    Woll’n’wa dich heut ärgern?“ „Nee!“

    Nun, solch ein Protest wird ihm schwerlich was nützen …
    Man muss Gewässer besser schützen!


  • Eibsee & das zweihundertfünfundfünfzigste Gedicht

    Eibsee

    Letzter Tag in München (bzw. nähere Nachbarschaft), bevor es wieder auf Tour geht.

    Eibsee

    Du bist flüssiger Berg, ein Gedächtnis von Masse
    Zu Klarsichtfolie geleetiert
    Erstrahlst in opalen-karibischer Klasse
    Dass alle Gestelztheit des Lebens gefriert

    Ich tu in Demut meine Züge
    Und lass mich durch die Felsen treiben
    Ich schlucke Kiesel zu Genüge
    Und sink gen Gipfel, dortzubleiben


Die 272 Städte/Länder der Fotos (2016-2026)


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