Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 38 Länder auf 5 Kontinenten

Erde

Verse für die Melancholiker, denen man Erde, Herbst, Abend, Erwachsenenalter zuordnet.
Die besinnlichen und leisen Gedichte.
Von Aphorismen bis zur Vanitasdichtung.

Sollte Ihnen ein hier eingereihtes Gedicht eher den anderen Kategorien Erde, Luft oder Feuer entsprechen, bitte ich, mir eine Nachricht über www.hirnpoma.de zukommen zu lassen!


  • Nymphenburg Deer & das zweitausendneunhunderteinundfünfzigste Gedicht

    Rehe im Nymphenburger Schlosspark

    Die Leiders

    Ich schlurf‘ mit letzter Eitelkeit
    In schlecht sitzenden Kleidern
    Durch eine ungepflegte Zeit,
    Umsäumt von sehr viel Leidern.

    Nein, mich erwartet kein Triumph,
    Wenn ich mein Ziel erschneider‘!
    Die Klinge, die mich killt, ist stumpf –
    Jed‘ Naht vernarbt im Leider.


  • Nachbarschlossgarten & das zweitausendneunhundertneunundvierzigste Gedicht

    Idyll im Nymphenburger Park

    In Nymphenburg

    Müsste ich nicht viel mehr ruhen
    Und Dinge ruhen lassen?
    Sollt‘ ich mich nicht langsam nun
    Nicht mehr erzür’n … und hassen?

    Einfach dieses Bächlein dort
    Stundenlang betrachten.
    Bald schon bin ich von hier fort …

    Weißt du noch: Wir lachten
    Von Vorfreude und Glück gestählt.
    Wir haben’s doch gut getroffen!?
    Allein ich hab das Ziel verfehlt
    Und aufgehört zu hoffen.

    Ich seh, dies Bächlein spricht zu mir
    In seinem muntren Treiben:
    „Suchst du die Ruhe? Sie ist hier.“
    Nur ich. Werd hier nicht bleiben.


  • Krk-Fahrt & das zweitausendneunhundertneununddreißigste Gedicht

    Auf der Fahrt von Rijeka nach Krk

    Vorm Pinkelstopp

    Es läuft „The Clash“ im Reisebus
    Und deutet darauf hin, ich muss
    Mich in das Altsein denken.

    Denn wessen Jugend hierhin dringt,
    Dem blüht in Kürze, kühn-beschwingt,
    Das Rollatorenlenken.

    Nun, hab mich stets als kühn begriffen –
    Dazu was von „The Clash“ gepfiffen
    Und manchmal auch gebrüllt.

    Mein Aufruhr hat, was überrascht,
    Ins Rentenalter abgeascht,
    Den Lebenszweck erfüllt.

    Naja, „Clash“ …! Also, eh dich nun Kummer ersäuft –
    Richtig ernst wird’s erst, wenn hier auch Sex Pistols läuft!


  • Baška & das zweitausendneunhundertsiebenunddreißigste Gedicht

    Strand von Baska auf Krk

    Mitteseptemberstrand

    Okay, ich sach’ma: Strandgefühl.
    Mit Schotterkies statt Sandgewühl,
    Doch suhl ich mich in Blau und Licht –
    Da zählt das „Au!“ der Sohlen nicht!
    Ich tauch ins Ungetrübte …

    Daheim streift schon das Herbstlaub rum!
    Bin, mit Verlaub, doch nicht so dumm,
    Dass ich dem nicht gleich abgedankt!
    Auch wenn gen Strand
    Hier etwas wankt:

    Der Kies noch Ungeübte.


  • Hirtenjunge mit Flöte & das zweitausendneunhundertsechsunddreißigste Gedicht

    Statue des Flötenspielers (auch „Deček s piščalko“ oder Hirtenknabe) im Tivoli-Park in Ljubljana vom slowenischen Bildhauer Zdenko Kalin

    Ripostegedicht zum „Chanson einer (geistig minderbemittelten) Liebenden“ von Mascha Kaleko

    Präludium eines (hochbegabt umständlichen) Liebenden

    Der Kuckuck war’s, nicht die Nachtigall
    (die nimmt man sonst gern überall),
    Der mich wachrief, nach drei Tagen dränge es sehr –
    Da sei’s höchste Zeit, also bitte, der Herr,
    Meiner Minderbemittelten Nachricht zu geben!
    So: Ich misse sie sehr, äh, … und würd auch noch leben.
    Denn sie wartet und wartet, doch erwartet ja auch
    Und bei Erstkontaktanbahnung will es der Brauch,
    Dass Romeo vorm ersten Schritt steht –
    Den ideal auch Julia mitgeht …

    Die Nachricht selbst ist Standard, drum
    Geht’s um die Art vom Medium.
    Es darf nicht zu eklektisch sein, nicht zu banal –
    Was ist hier der passende Messagekanal?

    Erfrag ich’s mit ’ner Voice-Mail,
    Ob ich zu ihren Boys zähl?
    Dasselbe über Video-Reel
    Erscheint mir etwas unsubtil.
    Doch schicke ich’s per SMS,
    Fragt sie vielleicht: „Was war noch des?“
    Und erreich ich sie per Mobile Call,
    Ist das doch gleich wie’n Überfall!

    Ich könnte es ihr auch WhatsAppen –
    So ganz auf die Art all der Messenger-Deppen …
    Oder eröffn‘ ich’s ihr im Signal-Chat,
    Dass ich so gern ein Signal hätt‘?
    Oder E-Mail? Ruft sie die überhaupt noch ab –
    Verrott‘ ich dann im Spammer-Grab?
    Na, vom Retro-Wert wäre es phänomenal,
    Ich schick ihr was per Rauchsignal.

    Nur frage ich mich auch, versteht
    Die Frau das Morse-Alphabet?
    Noch weniger klug und ganz sicher zu spät,
    Käm ein Versuch per Fax-Gerät.
    Obschon etwas Nostalgie immer gefällt –
    Sie ist ja Frau der alten Welt!

    Doch bleibt’s beim Entschluss, der so lang in mir garte:
    Ich schreib ihr eine Ansichtskarte!
    Das scheint mir die stimmigste Lösung von allen
    Und ich bin mir ganz sicher – das wird ihr gefallen!


  • Ljubljanica-Nutrias & das zweitausendneunhundertfünfunddreißigste Gedicht

    Nutrias in der Ljubljanica

    Am Ufer (der Ljubljanica)

    In des Fluss Geschwapp glitzert sich das Vergnügen
    Von dem faustdicken Außen der Gastronomie.
    Seinem Spiegel zu lauschen, muss mir hier genügen –
    Mein Dosenbier flüstert: „Du änderst dich nie …!“

    „Hey, hey!“ ruf ich. „Fair bleib’n – ich schreib hier Gedichte!“
    Die Teilhabe geht. Aber niemals zunichte.


  • Miklošičeva cesta Nr. 8 & das zweitausendneunhundertdreiunddreißigste Gedicht

    Die Fassade der Genossenschaftsbank in der Miklošičeva cesta Nr. 8

    Die simplen Dinge

    In einem Strudel der Beiläufigkeit
    Bin ich majestätisch versunken.
    Bin keiner der „Boah ey, wie geil’s hier ist!“ schreit,
    Doch ich habe dir kräftig gewunken.

    Die verstreichende Zeit gleicht dem ewigen Meer.
    Und ich ahne, zu zweit schaffen wir’s nicht mehr her.
    Doch wenn Moleküle sich richtig verbinden,
    Wirst du dich, ich fühle das, bei mir befinden.

    Der Rest unsrer Zeit ist wie jede und keine –
    Zwar nie mehr zu zweit. Und doch niemals alleine.


  • Spätfarbene & das zweitausendneunhundertdreißigste Gedicht

    Blumenrabatt im Klagenfurter Goethepark

    Zwischen den Reparaturen

    Zwischen den Reparaturen
    Können wir einander wieder
    Wärmend in die Augen seh’n.
    Losgelöst von letzten Spuren
    Alle die durchlebten Nieder-
    lagen unsrer Zeit gesteh’n.

    Nach den Reparaturen
    Sind sich Worstcasekatastrophe
    Und das Ideal so nah.
    Gleichgültig ticken die Uhren,
    Mählich sammelt sich im Hofe
    Die In-spe-Zerstörerschar …


  • Privatginkgo & das zweitausendneunhundertsechsundzwanzigste Gedicht

    Klötgen-Ginkgo

    Der Ginkgo: Recht- vs. Versschreibung

    Was den Goethe bewegte zu einem Poem,
    Bäumt sich auf zu ’nem handfesten Rechtschreibproblem!

    Ich dachte erst, man schreibt das so:
    Da stand ein Baum, der Ging k.o.

    Doch ist das „G“ erst später dran –
    (o. k., ein weitres steht vornan) –
    Man stellt das zweite „G“ nach da,
    Wo erstvermutet stand das „K“.
    Dann, Schreiberling, saG: ink, go!

    Für ’nen korrekten Ginkgo.


  • Im Hügel-Speisesaal & das zweitausendneunhundertfünfundzwanzigste Gedicht

    Gemälde im Villa Hügel-Speisesaal

    Die 7 Todsünden: Acedia. Die Trägheit

    Tiefdämmrig und aufgedunsen
    Räk’le ich mich, tonnenschwer,
    Unter sonnenfernem Grunsen,
    Träg wie ein K.o.labär –
    Belle müd‘, doch unverhohlen:
    „Scheißwelt, bleib‘ mir bloß gestohlen!“
    Und dann dross’le ich jed‘ Schnurzsein –
    Mag mich gar nicht echauffieren –
    Klemm‘ den Wutausbruch als Furz ein,
    Lass‘ ihn lautlos rausspazieren …

    Ja, so schmiegt sich das Banale
    Willig in das Scheißegale,
    Staut sich als Gedankenmüll
    Wirkungsfrei im Vestibül.
    Nichts an mir wird sich bewegen
    Und kein Muskel sich noch regen –
    Ich lieg‘ im Leib so wie im Sarg,
    Faul im Staate Gähnemark.

    Oh, spotten wir dem Zwangssportiven
    In seiner erbärmlichen Zwecklosigkeit
    Und lehnen zurück uns im vegetativen
    Nervengerüst, der Genüsse bereit!
    Denn Schwelgen lässt sich am besten im Liegen,
    Und nur Renitenz bremst der Hektik Intrigen.
    Ich verklapp‘ all mein Zappelbedürfnis gelind
    Im darmauswärts strömenden, würzigen Wind
    Aus Flatulenz und Abstinenzler-Aroma,
    Den Zwölffinger faltend, bet‘ ich mich ins Koma –
    Und das soll doch, bitte, genug Tuung sein!
    Schon fast wie erschöpft, reduzier ich mein Sein
    Um mich gesättigt zu versenken
    In das Reich Acedia –
    Abgekappt von Stress und Denken,
    Sanft zentriert im Wunderbar!

    Wär‘ da nicht die Last des Atmens –
    Das jahreinjahrausige Rein und Raus –
    Jener ewige Zwang präasthmatischen Darbens
    Des Lungen umschlungenen Lüfteverhaus!
    Denn gleich, ob er wacht oder kauert im Schlaf,
    Immerzu meldet mein Körper Bedarf
    An Neuzufuhr von Sauerstoff –
    Und nimmer kehrt da Ruhe ein!
    Unentwegt möcht‘ ich „Enough!“
    Oder Sinnverwandtes schrei’n.

    Ach, dieses Atmen – es strengt mich so an!
    Wer, der’s statt meiner erledigen kann?
    Na, Beatmungsgeräte – ich mein‘, gibt’s die nich‘ auch
    Für Menschen wie mich zum privaten Gebrauch?
    Ich würde mir – nur, um nie wieder zu kau’n –
    ’ne Magensonde selbst einbau’n
    Und denke, dass den Krankenkassen
    Sicher wär‘ der Dank der Massen,
    Bewilligten sie solch – von mir längst erflehte –
    Chillige Lebensrelaxingpakete.

    Ich will doch nur Ruhe, entschleunigte Gnad,
    Möcht‘ elegisch erschlaffen, belastungsbefreit,
    ’nen jed‘ Hast entlastenden Heilsapparat –
    Kurzum, Amnestie von der Körperlichkeit!

    Denn soll dieser Wix mein Schicksal sein,
    So will ich, Leben: Stelldichein!

    Wiewohl doch die Ahnung mich stetig zerfrisst,
    Dass Sterben ja auch eine Tätigkeit ist.

    Und ich erblick‘ mit Unbehagen
    Allseits Klippen um mich ragen –
    Man scheint dem Reich Acedia
    Auf ewig unerreichbar nah!

    Und wie durchschreitet man solch Tal?
    Davon mehr beim nächsten Mal …

    Alle Rechte bei Oliver Resken, der das Gedicht 2026 im Rahmen des SLAMMED-II-Crowdfunds erstanden hat.


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