Stadtnamenmetrik
Wenn in Golstadt ich heut
Statt in Ingolstadt wär,
So vermisst ich, ihr Leut,
Jene Silbe schon sehr!
Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos
Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 38 Länder auf 5 Kontinenten
Gedichte über Städte und Städtenamen.
Stadtnamenmetrik
Wenn in Golstadt ich heut
Statt in Ingolstadt wär,
So vermisst ich, ihr Leut,
Jene Silbe schon sehr!
Genügsamkeit im Blauen Land
Der Murnauer lässt all dies sein:
Dauernd Murr’n und Aua!-schrei’n
Brüssel
Brüssel scheint artig pompös, fast phlegmatisch,
Etwas Paris, nur sozialdemokratisch –
Ein Amsterdam, dem man die Schärfe entzogen.
Die Heimeligkeit heischt nicht gar so verlogen
Wie die Willenskulissen beliebterer Städte –
Hier gilt als Idyllenprämisse das Nette
Und streckt oder reckt sich ins Unterpompöse,
Wird ständig beklampft von dem Dampf der Fritteuse,
Im „Lass ‚ma gut sein!“ eingeparkt.
Ich nehm ein Bier, falls jemand fragt …
Eine lyrische Transformation als kuba-schwabinger Übersetzung der Texte der Dichterin Luz de Cuba
Prächtige Lady (Suntuosa Dama)
Du sperrst dich immer noch unverschämt gegen die Zeit,
Doch bist stets für Besucher zu lächeln bereit
Und küsst sie mit wispernden Winden vom Meer,
Unter Gittern von Balkonen, vor barocker Fassade
Und im tiefsten Innern pocht dein Herz vor Begehr-
En derer, die innig dich lieben, nur schade:
Sie werden dich verlassen, Havanna,
Oh du prächtige Dame, Havanna!
Ich liebe dich mit aller Verbundenheit,
Von Geburt an Kokon, Brut von Freude und Leid.
Durch Buntglasfenster geschienene Blüten,
Zum Seufzen der Menschen, der Pflastersteinmythen
Einer Palme, die unter den Sturmböen ächzt.
Das kristallklare Meer, das türkisfarben lechzt,
Flüstert Sprichwörter reizvollster Intensität,
Wenn verführerisch lächelnd dein Mondschein verweht
Alle Nebel, was mich zum Bolero einlädt
Im Regen von Sternen, Gestirnen, gedreht
Fallen Drosseln, Kolibris, Hügelketten,
Verführerisch lächelnd, mich in Dir zu betten,
Du Schöpferin von solchen tropischen Reizen,
Ohne dabei mit Gefühlen zu geizen,
Havanna, oh meine prächtige Lady,
Havanna, Havanna, Havanna!
Strünke zu Planken (I. Variation über Stockholm)
Stockholme und Rutenstängel,
Mastenstämme, Ästeprengel,
Zweigleinstocher, Stäbchenstiele –
Baumverwertungsarten: viele.
Aber, aber … oder: Gerade ihr?!
Über Oberhausen lästern
Kellner aus verlausten Nestern.
Lässiges Bratislava
Im Verlangen nach baren Besonderheiten
Entleert sich von Schiffen die Menschenfracht,
Hastig füllen sich die Speicherkarten
Mit den spürlichsten Spuren vergangener Zeiten.
Verwehrt bleibt das Ständchen geschliffener Pracht:
Zu unterjustiert
Harrt, was interessiert,
Lädt ein, nicht zu viel zu erwarten.
Santiago de Cuba (von der Rooftopbar betrachtet)
Santiago klingt wie ein Verbrechername,
Nach ’nem Schurken mit reinem Gewissen.
Der verkneift sich die Schimpfwörter vor einer Dame –
Die Manieren nicht vollends verschlissen
Und im Innern die Sehnsucht nach schöngeist’gem Leben,
Nach Porch, Poesie und Pompon,
Im Schoß eines Lichts, das sich müht zu vergeben,
Wenn Läuterung bricht den Kokon.
Der Schwitzkasten früherer Notwendigkeiten
Verrohte gewöhnlich den Ton.
Mag Santiago auch niemand zum Tisch mehr geleiten,
Versöhnt man sich mit seinem Sohn.
Trinidad (ich muss dich lassen)
Es prägt das Städtchen Trinidad
Der maximal mögliche Sättigungsgrad
Eines Ortes bezüglich Musik
(und das macht man auch zügig publik).
So tönt im Städtchen Trinidad
Ein scheinbar unbändiger Band-Apparat
Sein Guantamemuchachandante
(und improvisiert durchs Bekannte).
Man lässt das Städtchen Trinidad
Nie, wie man’s zu Beginn betrat,
Da das Wippen im Fuß sich noch hält
(selbst wenn längst wieder Schneeregen fällt).
Havannas Paläste in der Wiederverwertung
Es ist, scheint’s, die Gerechtigkeit
Nicht sehr erpicht auf stilgerecht.
Zunächst vergeht doch sehr viel Zeit,
Dann muss es schnell geh’n – oft wird’s schlecht.
Man schaut auf alter Prachts Verfall
Als das, was wir erstritten –
Verwittert mit im Abgasschwall
Längst ausrangierter Schlitten.
Man restauriert ein Überall
In stets zu kleinen Schritten
Und überhört den Widerhall,
Wie hart man einst gelitten.
Bewerten wir Gerechtigkeit
Bisweilen etwas ungerecht –
So, weil halt Optik sehr laut schreit,
Wenn man zu viel an Schönheit blecht.
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