Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 38 Länder auf 5 Kontinenten

Gebäude & Urbanes

Gedichte, in denen Gebäude und Bauwerke oder städtische Areale die Hauptrolle spielen.


  • U1 Westfriedhof & das eintausendfünfhundertsechsundsiebzigste Gedicht

    Der U-Bahnhof Westfriedhof in München

    U-Bahnhof Westfriedhof

    Am U-Bahnhof Westfriedhof stehe ich
    Ein Stockwerk unter den Toten.
    Als Philosoph verschmäht man sich –
    Ich verpass mir die schlechtesten Noten!
    Hier loggt sich die Endstation doppelt ein,
    Uns buntbeglast zu erhellen,
    Stoppt dich in der Verlockung, dein
    Wirken über die Toten zu stellen.


  • Kultiviertes Wohnen & das eintausendfünfhundertachtundsechzigste Gedicht

    Seiteneingang zur Borstei München

    Der Wohltäter (aus „Aufgestaut“)

    Ich ermittle, vermittle citynahe Objekte
    Für ein altengerechtes Wohnen –
    Sprich: Ich platziere Noch-nicht-von-der-Erde-Bedeckte
    In unsere Fußgängerzonen.
    Denn denen ist die Ebenerdigkeit
    Wie ein Beet im Garten Eden!
    Denen blüht die Zweite-Frühlingszeit
    In unrentablen Läden,
    Deren „Sorry, wir schließen!“-Schild wir gern verschmerzen
    Für barrierefrei-glückliche Best-Ager-Herzen!

    Doch noch stellt sich gegen den Einzug der Alten:
    Die sinnlose Masse der Kleinkrämerläden!
    Wo jeder sich fragt: „Wie könn’n die sich da halten!?“ –
    Die macht Tradition egoistisch und zäh, denn
    Ej, was legitimiert hier bei strenger Betrachtung
    Die Meisterhandwürste aus eigener Schlachtung?!
    „Da werde ich immer mit Namen begrüßt!“ –
    Und mit Charme wird die arg kleine Auswahl versüßt.
    Nur: Der Shop um die Ecke ersetzt dort kein Bett –
    Und wozu gibt’s eig’ntlich das Internet?!
    So sperrt sich stur der Einzelhandel
    Gegen der Gemeinschaft Wandel!

    Doch nie sammeln sich Wartende vor einem Laden –
    Nur vorm Postamt, die Online-Retouren-Nomaden,
    Die reihen sich täglich, Paket an Paket,
    Als sichtbarer Trend, der auch künftig besteht!
    Mir als Kaufmann gebührt es nicht, das zu verdammen –
    Ich zähle da nur eins und eins mir zusammen
    Und gelange recht schnell an die erste Million!
    (Wohl zum ersten Mal, dass diese Läden sich loh’n.)
    Statt Buchhändler, Feinkost- und Weinmost-Anbieter
    Verdien’n unsre Straßen solventere Mieter!

    Noch räkeln sich dort Bussi-Bussi-Boutiquen,
    Doch muss man nicht erst deren Kontostand leaken,
    Um als Fazit zu ziehen: Das geht sich nicht aus!
    Wenn ein Gläubiger anklopft, muss eh alles raus!
    Denen hängt schon die Schuldenlast modrig im Nacken –
    Von mir kommt das Angebot, schneller zu packen!

    Ich mein’, es gibt Dinge, die ich für gemein halt‘ und schlecht –
    Doch dies ist nur ungemein altengerecht!?


  • Fuggerei & das eintausendfünfhundertsechsunddreißigste Gedicht

    Straßenzug in der Fuggerei von Augsburg

    In der Fuggerei (67 Klingelzugvarianten)

    Der Fuggerei’sche Klingelzug
    Gibt dir im Dunklen Recht und Fug,
    Dass dieser Eingang Deingang ist
    Und kein Empfang zum Nachbarzwist,
    Nachdem du eine Bar behisst.

    Dass nie wer „Fuck, vertan!“ nachts schreit
    Ist wahrhaft Einzugartigkeit!


  • Wusterhausen & das eintausendfünfhundertsiebenundzwanzigste Gedicht

    Bahnhof von Wusterhausen (Dosse)

    Abendspaziergang durch Wusterhausen

    Der Dorfplatz erwartet sehr stumm noch Idylle,
    Da des Springbrunnens Vorfreude hüpft, unbeirrt.
    Ich schlend’re fast lautstark durch Frühabendstille,
    Süß umsummt von Gewissheit, dass nichts mehr passiert,
    Was klug ausgemessene Schönheit berühre,
    Die sich aus der kommoden Verlassenheit speist
    Und manche auf Immer geschlossene Türe
    Ob der Melancholie ihres Ausharrens preist.

    Wie lang kann das abweisend Raue verstecken,
    Eh ein zweiter Fontane den Zugang verrät?
    Wie nötig ist seinem Bestand ein Entdecken,
    Wie gewollt solcher Abstand zur Normalität?

    Der Dorfplatz verschluckt mich all diesen Gassen,
    Nur des Springbrunnens Unruhe löscht das Klischee.
    Die Straße der Schifffahrt scheint doppelt verlassen –
    Teil des Kleinods, umschlossen von Dosse und See.


  • Waldsee Zehlendorf & das eintausendvierhundertneunundsechzigste Gedicht

    Spiegelungen im Waldsee in Berlin Zehlendorf

    Die Grauen (wenn’s jauchzt am See)

    Im unverdienten Haus im Grünen
    Grienen all die Erbschein-Hünen,
    Reich beferkelt von den Bachen,
    Die so herzergreifend lachen,
    Wenn dem Herrn ein Witz gelingt

    Und ein Borstenblitz durchdringt
    Hehr schwerstgrau das Grüne

    Um Blagen, Braut und Hüne.


  • Schleißheim & das eintausendvierhunderteinunddreißigste Gedicht

    Neues Schloss Schleißheim

    Schlossparksymmetrien

    Mein Augenmerk ergeht sich in
    Der Schlossparksymmetrie.
    Bald schöpft sich Welt aus einem Sinn,
    Im Heil der Dioptrie.

    Die Barken der Sichtachsen nehmen mich auf,
    Es kreuzen sie Ufer um Ufer.
    Ein schnurrender Grundriss beschmust meinen Lauf,
    Umsäuselt vom Planquadratrufer.

    Ein akkurat‘ Simultankanon-Geblüh
    Bewahrt eine ferne erlernte Idee,
    Spielt streng die Verspieltheit, doch löst sich von Müh‘

    Und ist, wird und war Allerjemals‘ Allee.


  • Anse Coco & das eintausendvierhundertzwanzigste Gedicht

    Anse Coco auf La Digue

    Gestrandet in Corona

    So menschenleer die Strände war’n,
    Sind nun die Straßen auch.

    Darf nirgends in den Urlaub fahr’n,
    Bin des Radius‘ müde,
    Hass‘ die Bordsteinumrandung.

    Wenn der Rausch einer Brandung
    Nun gen Meer einlüde …

    Doch in allen Wipfeln kein Hauch.


  • Lebendschachfeld & das eintausenddreihundertsechsundneunzigste Gedicht

    Marostica Hauptplatz

    Immernächte in Berlin

    Für jede Minute der Nacht ist gesorgt,
    Das Krakeelen im Schacht hört nie auf.
    Berlin hat sich alldies höchst unfair geborgt
    Und hält mit dem Selfiestick drauf.
    Aber all dies ist da – in den Winkeln vom Echt
    Hält es bis kurz vorm Tiefschlaf mich wach!
    Hier muss Welt nicht schön sein und auch nicht gerecht –
    Sie versorgt uns verlässlich mit Krach.


  • Marostica & das eintausenddreihundertfünfundneunzigste Gedicht

    Alte Stadtmauer von Marostica

    Du Idiot! (Die chinesische Mauer)

    Dauernd
    Mauernde Chinesen
    Als im Bau tätige Wesen
    Hab‘n der Welt
    Dies hingestellt –
    Heute sind‘se maosetot.

    Schau‘s dir an, du Idiot!


  • Unterwasser & das eintausenddreihunderteinundneunzigste Gedicht

    Venedig Blick gen San Marco

    Holz

    Ein Volk von Annodazumal
    Rammte hier einst Pfahl um Pfahl
    Tief ins sumpf‘ge Erdenreich,
    Dass der Stämme harte Leich‘
    Stütze eine ganze Stadt,
    Im Abgetauchtsein konserviert,
    Für Ewigkeiten einplaniert.

    Selbst den Mittelpunkt der Welt
    Hielt hier, wie es jetzt noch hält:
    Holz, dem aller Stolz gebührt,
    Nie von Sauerstoff berührt.
    Was sich oben abgespielt,
    Wer da was mit wem gedealt –
    Alles fand und fand nicht statt.
    Was oberflächlich int‘ressiert
    Ist immer schon recht bald krepiert.
    Doch ewig stählt das Meer den Thron
    Aus eingepfähltem Immerschon.


Die 272 Städte/Länder der Fotos (2016-2026)


Gedichte/Fotos ausgewählter Tourstationen:

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