Aortaort
Hätt’s doa koane Kanäle nicht,
Wär’n längst Venedigs Venen dicht!
Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos
Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 38 Länder auf 5 Kontinenten
Gedichte, in denen Gebäude und Bauwerke oder städtische Areale die Hauptrolle spielen.

Aortaort
Hätt’s doa koane Kanäle nicht,
Wär’n längst Venedigs Venen dicht!

Zu Gast in der Off-Season
Der Urlaub hat jetzt Ferien
Und niemand kommt hier her.
Die zieh’n auf Netflix Serien
Und nix zieht wen ans Meer.
Der Nachtportier gießt jeden Sonntag die Pflanzen
Und neigt dazu sich selbst im Spiegel zu grüßen.
Es gibt so viel Raum aus der Reihe zu tanzen
Und bis vor April wird man nicht dafür büßen.
Die Vorhänge schreien: Wir haben geschlossen!
Der Flair vom Entree übt das Barrikadieren,
Besuchende werden mit Argwohn beschossen –
Hier will vor April nichts und niemand passieren!
So säumen den Ort, wo sonst Hunderte wohnen,
Paläste von düsteren Schlüsselpatronen,
Denen Nachsaisonkühle die Flure bereinigt,
Bis dass kein Gebrunst mehr die Einsamkeit peinigt,
Für die – insgeheim – diese Straßen geschaffen
Als der Welt letztes WLAN-Netz-Schutzreservat,
Das in dem Moment Parasiten begaffen
Zur Planung von Kaper- und Brandschatzerfahrt
Auf Buchungsportalen und in Katalogen,
Weil man zur Erholung sich einnisten will.
Derweil sind wir zwei durch die Gassen gezogen
Und war’n im Gealber so unglaublich still.

Flaneure im Vorfrühling
Hightech-Jogger, Kickboardrogger
Outdoorblogger, Stubenhogger
Turtelchöre, Amorteure
unterschiedlichster Odeure/Gangartgrazienausgestaltung
hochdruckhörig, upflamörig
und vertieft in Unterhaltung
Im Buggy brüllt die neue Brut
Wetter prächtig, Stimmung juut
Mancher zerrt sein Sonntagshündchen
aus dem Trott der Gassi-Ründchen
Kellner, stell die Tische raus
Ich lass‘ heut die Jacke aus
Frühling kommt. Na, wunderbar
Duft aus Blütenkelchen
Dies‘ Jahr schon im Februar
ich weiß nich‘ mal, welchen

Neue Mieter
Das Gemäurige umeulen heuer nur noch Spatzen
Und der Trutzburg Schatz beluchsen abgezählte Katzen.
Ihren schiefen Wall umwolfen goldene Retriever
Und des Hofs Bestand gespenstern Unternehmensprüfer.
Um Bankettgelage kelchen coole Starbucks Art-Cups,
Prunkgemächer mächtizieren zwangslegere Startups.
Der Verliese Muff berittern fusselbärt’ge Hipster,
Die „Coole Location -„, twittern, „voll die Athmo gibt’s da!“

Dombesuch
Dom, bumm, Dom, bumm, Platz da, klotz,
Drum Zier-, drum Zierrate, protz,
Prachtwucht, Prachtwucht, ausgestatt,
Statumäldestranzen satt.

Mailand im Novembermeer
Mailand im Novembermeer
Schwaden süßer Güte
Perlend sprudelt der Verkehr
Auch: sehr schöne Hüte

Innenpfui
Der Hausrat
Vom Rathaus
Schaut fad aus.
War da der Etat
Aus dem Bau-Referat
Schon verbraten nach Mauern der Außenfassade?
Dieser Inhalt
War nie in halt –
Das ist ausgesprochen schade!

Over(tourism’s in the house)
Wie viel von solch Erholungsmassen
Wohl noch in dieses Örtlein passen?
Ich frage nur aus Pietät –
Und denke: Is ja eh zu spät.

Neocollognia (da simmer dabei, dat is prima)
Du Fritte im Gourmet-Verdauen
Du „Gib die Handy, sonst verhauen!“
Du G-Rap-Deppen-Resterampe
Du Speckgurt einer Dönerwampe
Von Billigshops durchsetzte Pampe
Mit alles Mütter, außer Schlampe
Da simmer dabei, dat is Prima-tenniveau
Doch alles nur Tarnung, hey, alles nur Show!
Wir lümmeln uns im Off so gerne
Mit offensivster Bildungsferne
Dass keine Zitty-Tip(p)sen schreiben
„Trendkiez Neukölln – die komm’n um zu bleiben.“
Fürs Parabolier-Paradies
Schein’n selbst Studenten sich zu fies
So’n Sonn’nallee-Flat – na, das will doch keiner?
Mein So’n, Allah schuf auch den Mediendesigner!
Keine Grenzallee stoppt Galeristen
Trotz Allahgien sich einzunisten
Und wer vermiest den Werbe-Miezen
Ihr Siedeln in den Sudelkiezen?
Die fallen via Kreuzberg ein
Als besserzahl’nde Mietpartei’n
Spür wie der Mond ins Ghetto kracht
Wenn John uns hier Ristretto macht!
Zwischen Volcan und Volkern, zwischen Alis und Marlies
Un‘ selbs‘ die Tourischte han letztens ers‘ da gwis
„Na, sag ma‘, von wo kommscht denn du her, mein Schatz?“
„Was fragst du komm‘ ich her, Mann?! Platz
Ej, ich bin noch alte Assi-Garde!“
Die werd’n jetzt selten.
Jammerschade.

In der Walhalla (Carne Vale)
Ja,
Die Walhalla-Entourage
Bläst kalt zum Narrhallamarsch!
Karnevalsches Trallala
Schallert manch Walhalla-Narr.
Mit Helau, Alaaf und so
Brüstet sich die Büstenshow.
Hart blamier’n, was man gewesen,
Schwachsinnsnahe Polonäsen.
Zwar wahrt Marmor starr den Geist,
Der von Zeit vom Fleisch verwaist –
Doch
Krallt ihn, so wie überall,
Alberner Niveauverfall.
– Die 272 Städte/Länder der Fotos (2016-2026)
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