Verse für die Melancholiker, denen man Erde, Herbst, Abend, Erwachsenenalter zuordnet.
Die besinnlichen und leisen Gedichte.
Von Aphorismen bis zur Vanitasdichtung.
Sollte Ihnen ein hier eingereihtes Gedicht eher den anderen Kategorien Erde, Luft oder Feuer entsprechen, bitte ich, mir eine Nachricht über www.hirnpoma.de zukommen zu lassen!
1) Schön, dich mal zu sehen …! Warte,
Hol‘ mir grad ’ne Tageskarte
Will viel als „Gesehen“ taufen
Ohne groß herumzulaufen
Gerne saug ich alles auf –
Aber halt im Schnelldurchlauf
Bin heut zu sehr freizeitklamm –
Reicht nur für ein Kurzprogramm
Will mich nicht umsonst abhetzen –
Kannst du mir in kurzen Sätzen
Sagen, was sich wirklich lohnt
(„Wirklich“ wirklich stark betont)?
2) Keine Antwort ist kein Satz
3) Doch dann öffnet sich ein Platz
Den ich ganz erfüllt beschreit‘
Und mit seiner Gültigkeit
Zwingt er mich zum Innehalten
Und den Turbo abzuschalten
Ach, wie dort die Zeit verstrich!
Und ich dachte an die zig
Dinge, die ich nicht mehr sah –
War zumindest ihnen nah …
Und nun schlummert das Ersparte
Tief in meiner Tageskarte
Wenn Herbstlaub mir aufs Haupthaar fällt
Und gnädig bedeckt all die lichteren Stellen
Die manch Gedicht schon hergestellt
So drängt es die Erben, die Stämme zu fällen
Wie mutig die sich an den Sägen verheben
Und an den verlockenden Knebelverträgen
Die man noch lockig abgesegnet
Und die bald schon die Stille der Flocken beregnet
Indes kämme ich mein Haupthaar
Lass das Laub hinunterschweben
Wenn ihr Bäume es erlaubt, ja
Mag ich noch ein Jährchen leben –
Nicht den Blick nach oben richten:
Übers Schweben möcht‘ ich dichten
Wir grasen im letzten Grün des Jahres
Steh’n Modell für die Mär der Eroberungszüge
Ein Greis seufzt schon vor dem Dessert: „Nun, das war es …!“
Und still resigniert schreit man aus Reflex: „Lüge!“
Winter werden kommen
Jeder einzelne wird wie ein Heer uns erscheinen
Winter werden kommen
Man wird dann selbst Tage wie diesen beweinen
Ich möchte gern auf großen Plätzen
Dich bei der Wirklichkeit verpetzen
Schnell abtauchen ins Einerlei
Im tiefen Tale, göttlich high
Und dann, erschöpft vom Nichts-Erleben
Wie Schauspieler die Röcke heben
Herbstverleugnende Blumenpracht an der Eberhardsbrücke
Lars
Es trifft die stets zuerst
Die am stärksten sich wehren
Die sich emsig beherzt
An dem Willen verzehren
Aus der Teilnahmetaubheit sich sichtwärts zu strecken
Und die Außenwelt drängen, mal sie zu entdecken …
Doch es bleibt dann dabei, dass sie niemand hier kennt –
Eine Chancenverwertung von hundert Prozent:
Sie war’n ja niemals vorgeseh’n
Sind so geseh’n auch nie gescheh’n
Es gerät ihr Abschied doppelt dumpf
Kein Gnadenbrot und kein Triumph
Was ich je erlangte – es gehörte auch ihnen
Obschon sie ja niemals in Greifnähe schienen
So soll denn mein Stolz denen ohne Gedenken
Mal ab und an ein Lächeln schenken
Da ich hier auf La Digue lieg
Und gut vier Kilo mehr wieg
Im Einklang mit dem Wellengang
Erschnarche ich mir Walgesang
In einem Paradies aus Sand
Bin ich ganz Meer, bin ich ganz Strand
Sifaka im Camp Amoureux. Ein Ripostegedicht zu Bert Brecht.s „Erinnerung an die Marie A.“.
Marie A. frisst ihre Kinder
Die eine Wolke weiß ich noch …
Die als Schäfchen vom Land auf das Meer rausgetrieben
Der Verkleinerung trotzend – um schließlich dann doch
Ihrer Auflösung nachgab, bis nichts mehr verblieben
Als weitere Wolken, die ich noch erinner‘
Jenem Schicksale folgend, dass keine Gewinner
Am Himmel von mir zu melden waren …
Nur Berichte von Helden und Wolkengefahren
Bis zum Abend vom Meer eine ungeheuer weiße Front
Eroberte den Horizont …
So viel wolkige Allmacht, vom Himmel besessen!
Palastsäulenartig erhebt sich der Stamm
Aus dem Kern seiner Masse zur Krone empor
Es ist Ehrfurcht, die ich in die Herzkammern ramm‘
Und in ratloser Andacht steh‘ ich nun davor
Jene Allee, die solch Solitäre formiert
Zum Sinnbild von einem gebeutelten Land
Und unbeirrt beugsam majestätisiert
Als Letzte des Urwalds, der hier einmal stand
Denn dies ist ein Friedhof, der sagt dir: Gedenke
All jener gekappten Idyllengelenke
Dem die mächtigen Bäume nur Kreuze sind
Die allein über eintausend Jahre gerettet
Dass durch sie die Reue der Gläubigen rinnt
Dass Heiligkeit sie an Unfällbarkeit kettet
Einsam thront der Baobab
Die Asche um ihn schon verweht
Er steht als Kreuz auf einem Grab
In einem Reich, das untergeht
Okay, dreihundertfünfzig ist eine Hausnummer. Aber in diesem Jahr nur eine Zwischenstation der Tour-Dichtung. Unser Camp am Fluss.
Reisefieber
Das singende Ritschen der Zeltreissverschlüsse
Öffnet Momenten der Kindheit die Pforten
Da ich campend an Ufern französischer Flüsse
Nichts ahnend von späteren Heimsuchungsorten
Den sorgenden Eltern am Rockzipfel hing
Und die Aufbruchsbereitschaft als Hostie empfing
Ließ den Staub und Gebrauch von gut vier Dutzend Ländern
Meinen Glauben und some Chromosome verändern
Doch führt uns im Fremden empfundenes Glück
An früher genossene Orte zurück
Und das singende Ritschen der Zeltreissverschlüsse
Bleibt ewig den Ufern französischer Flüsse