Ungehalten
Ich bin zu nah am Endstillstand,
Um jetzt noch stillzusteh’n.
Und trotzdem scheint grad allerhand
Nicht mehr voranzugeh’n.
Du plärrst, es sei nicht deine Schuld,
Ins Ein-für-Allemal.
Verzeih mir meine Ungeduld –
Ich habe keine Wahl!
Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos
Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 38 Länder auf 5 Kontinenten
Gedichte über das Älterwerden, den Lebensabend, Krankheiten. Und den Tod.
Ungehalten
Ich bin zu nah am Endstillstand,
Um jetzt noch stillzusteh’n.
Und trotzdem scheint grad allerhand
Nicht mehr voranzugeh’n.
Du plärrst, es sei nicht deine Schuld,
Ins Ein-für-Allemal.
Verzeih mir meine Ungeduld –
Ich habe keine Wahl!
Er wird’s!
Ich erinnere Frühling den Winter hindurch,
Daher sprintet sein Duft ins Vertraute.
Und wie ein aus Starre sich streckender Lurch
Erkenn‘ ich das noch nicht Beschaute.
Mancher Vogelgesang war im Vorjahr noch Ei –
Der wähnt sich in Einmaligkeit,
Tiriliert voller Eifer sein Tandaradei –
Das versiegt in den Rhythmen der Zeit.
Ich erinnere Frühling, bis er wieder ist,
Salamander‘ zurück in den Glanz.
Dann hand’le ich aus, als ein Halbrealist,
Die mir übergebene Chance.
Der provozierte Ruheständler
Und immer schleicht die Spießigkeit
Mit bissbereiter Fresse
Um meiner Inbrunst dünnes Kleid
Und sprießt wie bleiche Kresse.
Sie wittert etwas Kleinstgewinn
In meinen größten Nöten
Und krallt sich alles, was ich bin,
Aus unterkühlten Klöten.
Dann tanzt sie ihre Halbgar-Show
Vor vollverdummten Affen,
Die ein Verstummen vom Niveau
In keinem Kosmos raffen.
Wär sie doch nur so standorttreu,
Dass wir uns nie verqueren –
Ich wollte aus Impulse-Scheu
Mich lang schon nicht mehr wehren!
In meinem Rückzug bin ich doch
Längst weit genug gegangen …
Die Frage „Und was wollt ihr noch?“
Hängt gut gegart im Bangen.
Forever Young (1984)
Am Lebensabend trügt ein blendend
Sonnenuntergang,
Mit Zähigkeit den Tag beendend –
Als wär er ewig lang.
Dem trotzt der Vorahn’n Munkeln: „Nein,
Es kann sehr bald sehr dunkel sein –
Auch uns hat’s überrascht!“
Schon oft hat Unbekümmertheit
Von abonnierter Ewigkeit
Den Zweifel abgeascht.
Altersruhesitzen
Ich nehm zum ersten Mal heut Platz
Auf meinem Altersruhesitz.
Es ruft ne ungelesne WAZ,
Dass ich durch ihre Zeilen flitz.
Hier werd ich meine letzten Kräfte
Zum Spurt zusammenballen
Für Studien alter Comichefte.
Vielleicht wird’s mir gefallen …
Die letzten Runden sind ein Keks
Von zuckerbittrer Note.
Wär gern noch etwas unterwegs –
Schon setzt die Zeit Verbote.
Weihnachten, Reprise
Die güldnen Lichter gehen aus,
Das Wintergrau wird dunkler,
Der Frost vervielfacht seinen Graus,
Die Frühlingsaussicht: unklar.
Das Licht an Ketten ist entwischt –
Vermocht‘ es nicht zu halten!
Ich trotze einer finstren Gischt
Und drohe mich zu spalten.
Im Studenten*Innen-Café
Ich bin längst schon älter als alle Studenten,
Weiß Gott, sogar: als Professoren!
Man hält mich hier nicht mehr für einen Dozenten –
Dafür wurd‘ ich zu früh geboren.
Das ist jetzt mein Schicksal –
Doch fühl ich mich halt
Mit „He’s a bit sick?“-Mal
Noch immer nicht alt.
Die Bank im Park
Ich habe eine Bank im Park
Großväterlich getestet.
War mein Pausier’n vor diesem Tag
Vom Jugendwahn verpestet?
Die Planken jener Bank beknutschten
Der Oberschenkel Schinken,
Die wohlig über sie hinrutschten –
Bereit, einst herzuhinken,
Um diesen Platz als kleinen Schatz
Vom Lebensrest zu schätzen;
Ihn demgemäß mit dem Gesäß
Im Abspann zu besetzen.
Der Rückenlehne Bohlen boten
‚Ne wohlige Massage,
Schon hochgeschätzt von jetzt längst Toten
Im Austritt der Passage.
Ich habe eine Bank im Park
Großväterlich gewählt,
Nachdem mich unentwegt nur Quark
Und Hetzerei gequält.
Zum Verabschieden
Dreimal gewunken
Braucht’s für ein Ade,
Meutern auch Unken:
„Ey, zweimal reicht!“ Nee.
Der letzte Wink ist Auftakt zum
„Hallo, bin wieder da!“
Ist’s noch so fern dem Publikum –
Kurz fühlt sich’s an wie nah!
Abschiedsformeln
Bevor du gehst, versuch zu flüchten!
Wer nur geht, behält zu viele Freunde zurück,
Gestützt von „Der kommt sicher wieder!“-Gerüchten
Im unberührt währenden Heimatlandglück.
Ein Abschied braucht das Theatrale –
Nur die Flucht macht dein Fortsein bewusst.
Verzicht auf ein Ausscheiden vor dem Finale,
Auch wenn du es unbefugt vorziehen musst.
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