Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 36 Länder auf 5 Kontinenten

Alter, Tod & Abschied

Gedichte über das Älterwerden, den Lebensabend, Krankheiten. Und den Tod.


  • Basel & das vierhundertsiebte Gedicht

    Basel Rheinufer

    Gold

    Plötzlich schweift um dich Gold der besonderen Welten
    Als Essenz von dem Wunsch, dieses Sein zu erhalten
    Doch die Delle des Eindrucks verdümpelt im Selten
    Und über die Jahre wird alles zum Alten

    Obgleich immer öfter die Züge entgleisen
    Und täglich es schwant: Du wirst nie wieder reisen
    Sind auch die Tresore schon restlos geleert –
    Das Wissen vom Gold verliert niemals an Wert


  • Belgien & das dreihundertneunzigste Gedicht

    Bild 7

    Aufgelöst

    Dürrbeinigkeit stiefelt über das Pflaster
    Im Warteraum lächelt ein Magergesicht
    Nur mich übermannen die üblichen Laster
    Ich könnte es schaffen, ich will es nur nicht

    Da seufzt der verlorene Anfang des Tages
    Ich schüttle ihn durch, brüll: „Was willst du Kerl, sag es!“

    Doch bis zum Abend bleibt er still
    Und stellt infrage, was ich will
    Und was ich überhaupt noch kann
    Ganz unberührt von „Wie?“ und „Wann?“

    Schon hampelt die Hagerkeit hinter der Tür
    Ich werde so traurig und weiß nicht wofür


  • Laub & das dreihundertneunundsiebzigste Gedicht

    Herbstlaub

    Herbstlaub

    Wenn Herbstlaub mir aufs Haupthaar fällt
    Und gnädig bedeckt all die lichteren Stellen
    Die manch Gedicht schon hergestellt
    So drängt es die Erben, die Stämme zu fällen

    Wie mutig die sich an den Sägen verheben
    Und an den verlockenden Knebelverträgen
    Die man noch lockig abgesegnet
    Und die bald schon die Stille der Flocken beregnet

    Indes kämme ich mein Haupthaar
    Lass das Laub hinunterschweben
    Wenn ihr Bäume es erlaubt, ja
    Mag ich noch ein Jährchen leben –
    Nicht den Blick nach oben richten:
    Übers Schweben möcht‘ ich dichten


  • Hölderlin & das dreihundertachtundsechzigste Gedicht

    Altstadt Tübingen.

    Altstadt Tübingen.

    Der Hölderlin

    Ach, hol dich doch der Hölderlin!
    Du Hasenheld auf Heroin
    Willst prompt ’ne grade Linie zieh’n?
    Bist grad vier Wochen trübnisclean!

    Denk dir, ich habe kein Christkind geseh’n!
    Und wenig Verbindliches ist im Entsteh’n …
    Warst du nicht viel zu häufig hier
    Als nicht gebuchtes Musketier?
    Unsre Niederschlagsmenge schluckt kein Kokain!

    Schon holt er dich, der Hölderlin …


  • Tübingen & das dreihundertsiebenundsechzigste Gedicht

    Blumenpracht an der Eberhardsbrücke Tübingen

    Herbstverleugnende Blumenpracht an der Eberhardsbrücke

    Lars

    Es trifft die stets zuerst
    Die am stärksten sich wehren
    Die sich emsig beherzt
    An dem Willen verzehren
    Aus der Teilnahmetaubheit sich sichtwärts zu strecken
    Und die Außenwelt drängen, mal sie zu entdecken …

    Doch es bleibt dann dabei, dass sie niemand hier kennt –
    Eine Chancenverwertung von hundert Prozent:
    Sie war’n ja niemals vorgeseh’n
    Sind so geseh’n auch nie gescheh’n

    Es gerät ihr Abschied doppelt dumpf
    Kein Gnadenbrot und kein Triumph

    Was ich je erlangte – es gehörte auch ihnen
    Obschon sie ja niemals in Greifnähe schienen
    So soll denn mein Stolz denen ohne Gedenken
    Mal ab und an ein Lächeln schenken


  • Abu Dhabi III & das dreihundertdreiundzwanzigste Gedicht

    Saadiyat Beach

    Die Sonne geht unter, der Tag darf beginnen. Soll niemand sagen, sie hätte nicht alles gegeben.

    Der neunzehnte Stock

    Ja, von hier kann ich das Meer seh’n
    Gleich neben mir den Rooftop-Pool
    Seh Taxifahrer Runden dreh’n
    Die Luft ist immer noch nicht cool

    Es geht schon auf Eins zu
    Doch der Tag scheint noch jung
    Er fädelt sich ein – du
    Verlorst deinen Schwung
    Weil du viel zu früh hungrig ins Leere greifst
    Die wahre Bestimmung vertändelnd nur streifst

    Du weißt genau: Die Ungeduld
    Ist niemals jemand anders schuld
    Winkst der Stadt zu: „Naja, eig’ntlich hätt‘ ich noch Bock!“
    Und du schaust sie dir an, dort vom neunzehnten Stock


  • Dünenwanderweg & das dreihundertachtzehnte Gedicht

    Dünenwanderweg Sylt

    Letzter Inselwechsel vor Madagaskar: Sylt.

    In der Gischt

    Schlürfend holt sich die gierige Ebbe
    Das grade gewonnene Strandgut zurück

    Doch wenn wir das nicht beachten
    Alles nüchtern betrachten
    Waren die paar Sekunden
    Die wir mit ihm verbunden

    Für ein bis zwei Leben
    Schon neidbares Glück


  • Alter Nordfriedhof & das dreihundertundzwölfte Gedicht

    Alter Nordfriedhof Maxvorstadt

    Wie soll das alles enden?

    Das Weitere und die Endzeit

    Diese Zeile hat noch gar keinen Dunst, wo sie endet
    Und auch dieser hier werde ich das nicht verraten
    Diese glaubt, dass sich durch ihr Dazutun was wendet
    Und nun steh’n sie zu viert hier geschrieben – und warten

    Sich im Ist einzurichten, klingt manchmal gescheiter
    Denn oft geht’s im Leben ja gar nicht groß weiter


  • Tegernsee revisited & das dreihundertundachte Gedicht

    Tegernsee

    Ripostegedicht zu „Überlass es der Zeit“ von Theodor Fontane.

    Übernimm es mal selbst

    Ja, doch die Zeit ist auch irgendwann rum!
    Dann stehste da, Theo, und denkst dir: „Tja, dumm …

    Hätt‘ ich beizeiten mal etwas gedrängt
    Mich durch all die andern nach vorne gezwängt

    So wäre auch ich mal zum Zuge gekommen!“
    So haben sich alles die andern genommen

    Denn leider hat all deine Zeit-vergeht!-Thesen
    Von denen, scheint’s, irgendwie keiner gelesen

    Und kommt dir das Glück all der andern zu Ohren
    Erscheint dir Entgang’nes gleich doppelt verloren


  • Berlinische Galerie & das dreihundertunddritte Gedicht

    Eingang Berlinische Galerie

    Museale Sehnsüchte.

    Das Mus der Dinge

    Was hab’n wir nicht alles schon tot hier begraben?
    Und nichts hallt noch nach, bist du, Freund, nicht Museum
    Doch du bist nicht Museum – Museum? Du nicht
    Wir zwäng’n uns in engste Erinnerungswaben
    Und all unsre Bilder und Schilder, die Wildheit
    Fall’n eine Welt später nicht mehr ins Gewicht


Die 254 Städte/Länder der Fotos (2016-2025)


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