Ein Tief überm Hochofen Duisburg-Nord.
Sieht aus, als geschieht hier heut Nacht noch ein Mord …
Fauchend stiebt Glut sich durch Eisen und Schlacke,
Ein Schummel-Schimanski seufzt planlos: „Attacke!“
Und das Tief schaufelt Wolken aus Finsternis.
Schummrig erzählen erwählte Relikte,
Von Marxloh schrillt willig ein türkisches Fest,
Am Straßenrand lungern nach Hochfeld Geschickte,
Und stets flüstert einer: „Das ist nur ein Test!“
Ständig bleckt der Überbiss.
Und dann ist auch das wieder alles Geschichte.
Als Tatort verdorrt – nur noch Hort der Gedichte
Von Arbeit, Arbeit, Migration,
Vom Strandurlaub im Ungewiss –
Wer länger bleibt, der kennt es schon.
Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist: grau.
Das Haus dort am See? Nö. Die Berge? Genau!
Außerdem noch: Die Wiese, der gestrige Stau,
Die Kühe, die Sonne, der See – alles grau!
Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist: bunt.
Ja, Kerl, dat is Käse – du lügst doch, du Hund!
(Wir steh’n vorm erloschenen Hochofenschlund)
Dies Metallischmattgraue, dies gräuliche Schwatt
Der düstere Himmel, die hässliche Stadt
Von hier oben ins schwärzliche Nichts zu seh’n und
Sich dran zu erfreuen, na, das nenn ich: bunt.
Hinten bei den Teppichstangen
Hab’n wir früher abgehangen –
Für uns gab’s sonst nichts zu tun –
Lauschten, was der Nachbar schaut:
„Mensch, stell‘ den Kasten nich‘ so laut!“
„Dann hör‘ doch weg, Du blödet Huhn!“
Dann kam Euer Umzug – ich selbst blieb noch lange.
Doch nie hing ein Teppich dort über der Stange.
Der Rost hat sie dann abgebaut –
Und ich, ich hab‘ TV geschaut.
Hinten heraus, da ist München so klein
Da ist München noch nicht einmal Stadt
Da kannst du dein Zeter und Mordio schrei’n
Da fahren die Pendler dich platt
Hinten heraus, da wird nicht gezählt
Da hat man sein Leben nicht selber gewählt
Da loggt man als Ziel ein:
„Ich möchte mobil sein!“
Um zu bleiben bei dem, was man hat
Per Schlange fädelt man sie ein
Metalldurchdoktort komm’n’se rein
Von Luftboys werd’n’se aufgezogen
Verwendelt und im Schritt gebogen
Kreisenhaft aufs alte Haus
Kaum sind’se drin, schon schau’n’se raus
Um mich vom Nichtstun auszuruhn
flaniert‘ ich heut zu Neptuns Brun’n
Kandiert von Kalk und Grünspans Zier
hockt ungeduscht im Muscheltier:
Neptun. Und wartet aufs Waten im Zufluss
(man weiß nich‘, wassersonsso als Wassermann tun muss …)
spricht ein Machtwort an die Kinder, die sich um ihn gruppieren
„Nich‘ Schuppen hier – die überlasst ihr den Tieren!“
Vom Erdgeschoss her reckt sich ringsum Reptil:
Schildkröt‘, Schlang‘ und Krokodil
Fehlt zoologisch noch ’ne Echse
Dann guck’se nach und wat entdeck’se?
’n Seehund. Hinterm Neptun und
denks‘: Was’n da der Hintergrund?
und andrerseits: Is‘ doch mal schön –
so ohne Grund ’n Seehund seh’n!
Einmal um Neptuns Brunnen rennen
kann man nu‘ auch nich‘ Nichtstun nennen
Ich wünsch‘ (mein Tagwerk ist erbracht)
’ne schlecht gereimte Gute Nacht!
Die Dämmerungswärme der Straßenlaternen
Gilbt sich über Brücken in streunende Gassen
Es befähigt zum Ära und Aura Erlernen
Entgangenen Zeiten ins Antlitz zu fassen
Und jedem Laut stiehlt es die harten Facetten
Und befiehlt der modernen Welt nichtig zu sein
Es wird eine steinalte Nacht in sich betten
Als ein ewig ins Früher gerichteter Schein
… ans Ende der Karl-Marx-Allee!
Wär‘ das nicht der aller Entrées ihr Entrée?
Ein jeder käm‘ uns noch von sonstwo entgegen
Um nur einmal sich dortlängs hinfortzubewegen
Alles pro Promenieren und Boulevardieren
Per flachem Flanieren dem Trott trottoiren
Und halt manchmal auch einfach nur gradwegs spazieren
Mit Upgrade-Gezwirntem mittenmang
Wer sich geh’n lässt, ergibt sich dem Droschkenzwang
Hei, da grüßt schon recht stramm die Strausberger Garde
Man hält sich an Restkandelabern gerade
Und im bersteinrostgoldenen Lichtergewühle
Beschleichen uns schlendernd noch Torschluss-Gefühle
Da fühlt sich der Streuner wie ein Burgherr in spe
Auch wenn hier kein Schloss steht – Kerl, wat’n Entrée!