Verse für die Melancholiker, denen man Erde, Herbst, Abend, Erwachsenenalter zuordnet.
Die besinnlichen und leisen Gedichte.
Von Aphorismen bis zur Vanitasdichtung.
Sollte Ihnen ein hier eingereihtes Gedicht eher den anderen Kategorien Erde, Luft oder Feuer entsprechen, bitte ich, mir eine Nachricht über www.hirnpoma.de zukommen zu lassen!
Deine Stimmungsverwandten sind ausgewandert
Und der Aufruf zum Wandel plakatiert jede Wand
Trotz Verständnisnot hast du bald angebandelt
Klagst: „Das Schicksal hat jeder mal selbst in der Hand!“
Der Normalfall erstrahlt ob der neuen Gestaltung
Scheint nach Abblendung fast ganz der Alte zu sein
Dennoch lässt sich der Abtransport nirgends mehr halten
Und irgendwer macht sich mit Allen gemein
Nur du giltst im Kern solidarisch verdächtig
Und ertappst dich am Abend verhaltensallein
Du strampelst dich ab, summst dann stark übernächtigt:
„Schlaf, mein alterndes Kindchen, schlaf ein!“
Manche Ortschaften sind mir halt gar nicht verständlich
Hier scheinen Visionen im Ansatz schon endlich
Man kann dort nur im Garten steh’n
Gemeinsam mit der Zeit vergeh’n
Manche Ortschaften sind einfach gar nicht echt da
Es ist alles vorhanden – doch nichts geht dir nah
Der Carport bekrönt den Zenit aller Fragen
Wo niemand gewinnen will, gibt’s nichts zu wagen
Wo nichts in Bewegung ist, kann sich nichts wenden
Auch du wirst vielleicht in solch Ortschaften enden
Es lehrten die Gebrüder Grimm:
Ein Zwischentief ist nicht so schlimm!
Scheint’s auch vor Unrecht randgefüllt
Von purer Bosheit vollgemüllt …
Du musst es leiden ohne Schuld –
Ergib dich nie der Ungeduld!
Erst wenn du wohldurchlitten bist
Erlöst man dich per Happyend
Wie’s in den Märchen Sitte ist
Die jeder zur Genüge kennt
Plötzlich schweift um dich Gold der besonderen Welten
Als Essenz von dem Wunsch, dieses Sein zu erhalten
Doch die Delle des Eindrucks verdümpelt im Selten
Und über die Jahre wird alles zum Alten
Obgleich immer öfter die Züge entgleisen
Und täglich es schwant: Du wirst nie wieder reisen
Sind auch die Tresore schon restlos geleert –
Das Wissen vom Gold verliert niemals an Wert
Der novemberigste aller November
Schleicht durch die Nässe der Schuhe sich ein
Es ist seine Düsternis längst nicht mehr stemmbar
Das „ohne dich“ formt sich erst jetzt zum „allein“
Selbst der Regen scheint heute im Regen-Sein traurig
Und es sind vor dem Vorschlag schon alle dagegen
Vom Busbahnhofsdach überschüttet das Grau mich
Im Blättermatsch spiegeln sich nichts und der Regen
Ripostegedicht zu Novalis „Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren“
Wenn doch vor Zahlen und Figuren …
Wenn doch vor Zahlen und Figuren
Gefügig alle Dichter spuren …
Als Pagen ihrer Gagen müssen
Grad sie, die’s eig’ntlich besser wissen
Den Furor zähmen zum bequemen
Für-den-Sponsoren-zurück-sich-Nehmen
Wenn dann sie auch in den Metaphern
Versuchen, Großes nachzuaffern
Kopieren sie in ihr’n Gedichten
Die immergleichen Weltgeschichten
Doch verbleibt die Inbrunst unversehrt
Jenes selige Geifern
Und tolle Ereifern
Für Stil und Genie
Aber auch Anarchie
Dass Figuren und Zahlen
Werd’n wertlose Schalen
Schreibt der dichtende Wicht
Dieses eine Gedicht …
Dann sei er trotz allem für dieses verehrt!
Dürrbeinigkeit stiefelt über das Pflaster
Im Warteraum lächelt ein Magergesicht
Nur mich übermannen die üblichen Laster
Ich könnte es schaffen, ich will es nur nicht
Da seufzt der verlorene Anfang des Tages
Ich schüttle ihn durch, brüll: „Was willst du Kerl, sag es!“
Doch bis zum Abend bleibt er still
Und stellt infrage, was ich will
Und was ich überhaupt noch kann
Ganz unberührt von „Wie?“ und „Wann?“
Schon hampelt die Hagerkeit hinter der Tür
Ich werde so traurig und weiß nicht wofür