Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 36 Länder auf 5 Kontinenten

Einakter

Alles, was zwölf Zeilen überschreitet.


  • Exit Weinstraße & das vierhundertsechste Gedicht

    DSC00655

    Von der Weinstraße nach Basel …

    Auf der Weinstraße

    So ein Weinstraßenkind möchte ich gerne sein
    Ach, täglich verputzt‘ ich –
    Kläglich verschmutzt – zig
    Schoppen
    Alle Hirten und Wirte
    Hier lud ich dann ein
    Mich bäuchlings zu poppen

    Und ganz ohne Schrei’n
    Bezahlten mich die Peiniger

    Und als rektalen Reiniger
    Führt‘ abermals mir Wein
    Ich ein

    Man soll ja nicht zu glücklich sein –
    Ein stückweit hatt‘ ich einfach Schwein!

    So genießet in Maßen:
    Den Wein und die Straßen!


  • Museumsquartier III & das dreihundertfünfundneunzigste Gedicht

    Museum Brandhorst

    … und am Montag wird gekündigt!

    O2 can mich’ma

    Hallo Hotline und O2
    Ich schlag ja ohne Grund nich zu …!

    Doch jede Geduld beugt sich deinem Gedudel
    Und schuld ist dein scheißblödes Seier-Gesudel
    Von Leitungen, die leider grade belegt
    Und das wiederholst du sogleich, unentwegt
    Stellst in Aussicht, in ungefähr dreißig Minuten
    Wendet sich wartendes Elend zum Guten
    Um dann – nach vollendeter Stunde – zu melden
    Man danke dem artig noch wartenden Helden
    Aber nun würde hier doch wohl nichts mehr passieren
    Und man wolle ja niemands Geduld strapazieren
    Und löse die Warteschleife jetzt auf!

    Scheinheiligst hofft man wohl darauf
    Dass Expectare voll humanum esse …

    Doch treff ich dich einst – gibt es was auf die Fresse!


  • Brüssel & das dreihundertsiebenundachtzigste Gedicht

    Brüssel Grote Markt

    Der erste Besuch

    1) Schön, dich mal zu sehen …! Warte,
    Hol‘ mir grad ’ne Tageskarte
    Will viel als „Gesehen“ taufen
    Ohne groß herumzulaufen

    Gerne saug ich alles auf –
    Aber halt im Schnelldurchlauf
    Bin heut zu sehr freizeitklamm –
    Reicht nur für ein Kurzprogramm

    Will mich nicht umsonst abhetzen –
    Kannst du mir in kurzen Sätzen
    Sagen, was sich wirklich lohnt
    („Wirklich“ wirklich stark betont)?

    2) Keine Antwort ist kein Satz

    3) Doch dann öffnet sich ein Platz
    Den ich ganz erfüllt beschreit‘
    Und mit seiner Gültigkeit
    Zwingt er mich zum Innehalten
    Und den Turbo abzuschalten
    Ach, wie dort die Zeit verstrich!
    Und ich dachte an die zig
    Dinge, die ich nicht mehr sah –
    War zumindest ihnen nah …

    Und nun schlummert das Ersparte
    Tief in meiner Tageskarte


  • Druck & das dreihundertsechsundachtzigste Gedicht

    Da Dome of Kölle

    Ganz ohne Druck

    Ein 3D-Drucker bräuchte fast sechs Jahre, um den Kölner Dom zu drucken
    Wahrlich eine lange Zeit!
    Boah, fast sechs Jahre stoisch drucken – dann den Dom hervor zu spucken …?!
    Ja, wir sind noch nicht sehr weit!
    Denn so ein Drucker ist komplex
    Ebenso der Dom! Nun, sechs
    Jahre – ungefähr so lang
    Dauert noch der Druckvorgang

    Zwar wird – so ist vorauszuseh’n
    Sein Tempo sich schon bald erhöh’n
    Doch bis dir jemand sagt: „Ach guck:
    Dome zum Sofortausdruck!“
    Wird gleichfalls noch sechs Jahre dauern …!

    Da indes des Domes Mauern
    Ausdruckslos wie down-to-date
    Aufgetürmt zur Majestät
    Voll schnippischen Gleichmuts dem Fortschritt trotzen
    Und mit ihrem Dasein protzen


  • Pause & das dreihundertachtzigste Gedicht

    Augsburg

    Nichts zu tun, außer für eine Slam-Revue in Augsburg drei Texte hervorzusuchen – und trotzdem kein neues Gedicht im Blog?! Ist das schon der Anfang vom Ende?

    Schreibblockade bei Dreihundertachtzig?

    Schreibblockade bei Dreihundertachtzig!
    Plötzlich stoppt all der Schreibfluss mit quietschenden Reifen
    Was dir ein Profil erschien, dampft und verflacht sich
    Vermag auf dem Untergrund nicht mehr zu greifen

    Der Nullfallsreichtum schleicht sich an
    Und fragt, ob er dir helfen kann
    Die Antwort kennst du, doch sagst: „Nein –
    Das regelt sich von ganz allein!“

    Ich werd‘ jetzt mal ein Stündchen warten
    Dann vorsichtig den Motor starten …
    Und vom Start weg mit Vollgas Ressourcen verprassen!

    Der Rat, es mal langsamer angeh’n zu lassen
    Verbreitet zwar mit dreister Macht sich
    Doch nicht bis zur Taktzahl von Dreihundertachtzig!


  • Laub & das dreihundertneunundsiebzigste Gedicht

    Herbstlaub

    Herbstlaub

    Wenn Herbstlaub mir aufs Haupthaar fällt
    Und gnädig bedeckt all die lichteren Stellen
    Die manch Gedicht schon hergestellt
    So drängt es die Erben, die Stämme zu fällen

    Wie mutig die sich an den Sägen verheben
    Und an den verlockenden Knebelverträgen
    Die man noch lockig abgesegnet
    Und die bald schon die Stille der Flocken beregnet

    Indes kämme ich mein Haupthaar
    Lass das Laub hinunterschweben
    Wenn ihr Bäume es erlaubt, ja
    Mag ich noch ein Jährchen leben –
    Nicht den Blick nach oben richten:
    Übers Schweben möcht‘ ich dichten


  • Fossa & das dreihundertachtundsiebzigste Gedicht

    Fossa in Kirindy

    Nachhaltige Begegnung. Herbstliche Erinnerung an Madagaskar und den Fossa (dessen „o“ im Madagassischen eher wie ein „u“ intoniert wird).

    Fossanähe

    Ein gewisser Fossa
    Stand mir heut im Wege
    Panisch schrie ich: „Mussa
    Nich in ein Gehege?!“

    Das Tier, es maunzte souverän
    Beim An-mir-vorübergeh’n –
    Führte reines Nichts im Schilde
    Und beschämte mich mit Milde

    Klar
    Es war
    Das abgerundetste Katzentier
    Das auf Wattetatzen hier
    Verwundert meinem Blick auswich
    Geduckt ins Dickicht wieder schlich
    Bis nach auf Stunden
    Gerundeten
    Sekunden
    Auch sein seidig geschmeidiger munter gewundener rundlicher ungemein langer Schwanz
    Ganz
    Entschwunden
    War

    „Hoppsa,“ dachte ich, „so nah
    War ich grade einem Raubtier!“
    Aber nee – die Nähe, glaubt mir
    War mir näher als der Abstand
    Mit dem ich mich letztlich abfand

    Nächstes Mal versuch’ste mehr –
    Kriechst dem Fossa hinterher!


  • Aye-Aye Zwei & das dreihundertzweiundsiebzigste Gedicht

    Aye-Aye auf Aye-Aye-Island

    Mit diesem Text soll die vermutlich größte Sammlung von Lemurengedichten vorerst abgeschlossen werden. All die Unterarten von Sifakas, Wiesel- und Braunen Lemuren, die ich in diesem Jahr ebenfalls erspäht habe, müssen zunächst noch ohne Untergedicht bleiben. Zusammen mit den Lemurengedichten aus „Mehr Kacheln!“ kommen wir auf nunmehr 13 zoologische Halbaffenpoeme. Da muss man sich erst mal einfühlen. Details später.

    Fingertier oder Aye-Aye

    Du spleenpralle Laune von Mutter Natur
    Du ins Dickicht gefallene Comicfigur
    Du göttlich-komödischer Gothicclown
    Du fürs Spotlight des Spottes geborener Faun

    Schon die Undimension deiner Fledermausohren
    Deine schütteren Zotteln, dein buschiger Schwanz
    Sie soufflieren, man hätt‘ nur aus Scherz dich geboren
    Als ein Schlimmer-geht’s-nimmer – nur war’s das nicht ganz:
    Feurig rot schielt ein Augenpaar aus deiner Fratze
    Und maskiert deinen Possentanz „Straight outta hell!“
    Schaurig besoundtrackt vom Krallen-Gekratze
    Des Langfingernagelpaars in XXL
    Und messerscharf raspeln Eispickelzähne
    Gierig beknabberte Hölzer zu Späne

    Es ist so, als wär‘ keine Zelle in dir
    Nur halbwegs verwandt mit ’nem richtigen Tier
    Du bist in allem übertrieben
    Und zwingst uns, grade das zu lieben

    Du bist im Großen wie im Kleinen
    Entschlossen, Schönheit zu verneinen
    Dass wir verstummen wie vorm Grab …

    Und jetzt nimm deine Maske ab!

    Mehr Gedichte über Tiere (und viele Lemuren)


  • Tübingen & das dreihundertsiebenundsechzigste Gedicht

    Blumenpracht an der Eberhardsbrücke Tübingen

    Herbstverleugnende Blumenpracht an der Eberhardsbrücke

    Lars

    Es trifft die stets zuerst
    Die am stärksten sich wehren
    Die sich emsig beherzt
    An dem Willen verzehren
    Aus der Teilnahmetaubheit sich sichtwärts zu strecken
    Und die Außenwelt drängen, mal sie zu entdecken …

    Doch es bleibt dann dabei, dass sie niemand hier kennt –
    Eine Chancenverwertung von hundert Prozent:
    Sie war’n ja niemals vorgeseh’n
    Sind so geseh’n auch nie gescheh’n

    Es gerät ihr Abschied doppelt dumpf
    Kein Gnadenbrot und kein Triumph

    Was ich je erlangte – es gehörte auch ihnen
    Obschon sie ja niemals in Greifnähe schienen
    So soll denn mein Stolz denen ohne Gedenken
    Mal ab und an ein Lächeln schenken


  • Hauch des Winters & das dreihundertsechsundsechzigste Gedicht

    Belo Tsiribihina

    Nun wäre das erstgesetzte Ziel geschafft: 366 Gedichte für die 366 Tage des (Schalt)Jahres. Da aber das Ziel auf 500 Gedichte aufgestockt wurde, kann nun nicht der Stift beiseite gelegt werden, sondern muss sich gesputet werden – 134 Gedichte in den restlichen zweieinhalb Monaten…! Und weil diese kalt zu werden drohen, hier ein Foto aus dem Westen Madagaskars – vor drei Wochen aufgenommen und schon sehr weit entfernt.

    Hauch des Winters

    Plötzlich beugt sich das Jahr
    Und will nicht mehr leben
    Und es hat sich beinah‘
    Jedes Blatt aufgegeben
    Es entglänzt sich das Grün
    Und zerzaust sich ins Gilben
    Den Dichtern entflieh’n
    Die romantischen Silben …

    Mählich türmt sich der Eindruck von Straße und Dreck
    Und in vier bis fünf Wochen ist alles hier weg
    Was der Frühling an zartigste Zweiglein getrieben
    Wird von Fußtritten klobigstem Schuhwerks zerrieben

    Für vier Monate wird dann der Film angehalten …
    Und die Leinwand im spärlichen Restlicht erkalten


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