Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 36 Länder auf 5 Kontinenten

Einakter

Alles, was zwölf Zeilen überschreitet.


  • Der Berliner Neptunbrunnen & das sechshunderteinundneunzigste Gedicht

    Der Berliner Neptunbrunnen

    Nichtstun und Neptun

    Um mich vom Nichtstun auszuruhn
    flaniert‘ ich heut zu Neptuns Brun’n

    Kandiert von Kalk und Grünspans Zier
    hockt ungeduscht im Muscheltier:
    Neptun. Und wartet aufs Waten im Zufluss
    (man weiß nich‘, wassersonsso als Wassermann tun muss …)
    spricht ein Machtwort an die Kinder, die sich um ihn gruppieren
    „Nich‘ Schuppen hier – die überlasst ihr den Tieren!“

    Vom Erdgeschoss her reckt sich ringsum Reptil:
    Schildkröt‘, Schlang‘ und Krokodil
    Fehlt zoologisch noch ’ne Echse
    Dann guck’se nach und wat entdeck’se?

    ’n Seehund. Hinterm Neptun und
    denks‘: Was’n da der Hintergrund?
    und andrerseits: Is‘ doch mal schön –
    so ohne Grund ’n Seehund seh’n!

    Einmal um Neptuns Brunnen rennen
    kann man nu‘ auch nich‘ Nichtstun nennen
    Ich wünsch‘ (mein Tagwerk ist erbracht)
    ’ne schlecht gereimte Gute Nacht!


  • Pražský hrad & das sechshundertfünfundachtzigste Gedicht

    Blick auf die Pražský hrad

    Späte Gedanken

    Mir bleibt nicht die Zeit, diese Tat zu vollbringen
    Schon liegt sie neben meiner Hand
    Und die Extremitäten, die einst sich verfingen
    Sind längst im Furor ihres Willens verbrannt

    Nun hält sich die Ebbe der Unaufgeregtheit
    In den Knöcheln zerschmelzt das Gelenk
    Es scheue euch nicht, die ihr noch unentwegt seid
    Dass ich all der Zeit als „vergangen“ gedenk

    Einen Plan aus den alternden Händen zu geben
    Gemahnt mich an die beendeten Leben
    Denen ich den Respekt einst aus Habgier versagt
    Was mir als dem Nächsten nun nicht mehr behagt

    Dies Endlich-an-der-Reihe-Sein
    Es reiht sich einer Serie ein
    Von neuer Glut auf altem Mut
    Durch Zeit, die bald verloren tut


  • BVG & das sechshunderteinundachtzigste Gedicht

    BVG U-Bahnhalt

    Berlin an guten Tagen

    Berlin an guten Tagen ist
    Wie wenn man warmen Honig frisst
    Und Musen schmusend danach gieren
    Dich, Dichterwicht, zu inspirieren
    Für immerdar
    Ambrosia
    Und Fräuleins
    Die an ungestörten
    Orten sportlich unerhörten
    Wohlgefallen auf dich schwallen
    Selbst die U-Bahn empfängt dich mit offenen Armen
    Alles spielt hier kokett nach des Zufalls Erbarmen
    Ständig geküsst von Laternenschein-Milde
    Schnurrt die Nacht um den Tag
    Und die Nacht ist ’ne Wilde

    Doch von dir werd ich immer gezwungen zu sagen
    Wie Berlin ist an wen’jer gelungenen Tagen

    Nun,
    Nicht so gelungen. Aber das dann mal richtig!
    Nur drei Tage später ist’s auch nicht mehr wichtig


  • Karl-Marx-Allee & das sechshundertachtzigste Gedicht

    Karl-Marx-Allee

    Ich bau‘ dir ein Schloss

    … ans Ende der Karl-Marx-Allee!
    Wär‘ das nicht der aller Entrées ihr Entrée?
    Ein jeder käm‘ uns noch von sonstwo entgegen
    Um nur einmal sich dortlängs hinfortzubewegen
    Alles pro Promenieren und Boulevardieren
    Per flachem Flanieren dem Trott trottoiren

    Und halt manchmal auch einfach nur gradwegs spazieren

    Mit Upgrade-Gezwirntem mittenmang
    Wer sich geh’n lässt, ergibt sich dem Droschkenzwang
    Hei, da grüßt schon recht stramm die Strausberger Garde
    Man hält sich an Restkandelabern gerade
    Und im bersteinrostgoldenen Lichtergewühle
    Beschleichen uns schlendernd noch Torschluss-Gefühle

    Da fühlt sich der Streuner wie ein Burgherr in spe
    Auch wenn hier kein Schloss steht – Kerl, wat’n Entrée!


  • Herbsterben & das sechshundertachtundsiebzigste Gedicht

    Herbstlaub

    Ein Letztes

    Dieses Feld trägt noch immer die Sonne
    Doch es hat sich im Kopf schon getrennt
    Es strahlt in der üppigsten Wonne
    Die sich in sich selber verbrennt
    Noch wabert die fröhliche Zeit
    Im frecher fröstelnden Dunst
    Schon greift vom Waldrand aus weit
    Des Winters grobe Kunst
    Der malt ohne Farben
    Schon löscht er, was bunt
    Wir jedoch haben
    Noch ohne Grund
    Angst ums Jetzt – es
    Hält sich matt
    Manch letztes
    Blatt

    Mehr Herbstgedichte


  • Tate Modern & das sechshundertsechsundsechzigste Gedicht

    Tate Modern

    666

    Lass unsrer Körper Rohheit noch weiter vergröbern
    In Stumpfheit und Dumpfen akribischstens stöbern
    Unsre Eintönigkeit soll vernichtender wüten
    Und fortwährend nur das Entsetzlichste brüten

    Uns verfinstert die Schwärze von Abgrund und Fäule
    Das Schnauben der apokalyptischen Gäule
    Wir woll’n rücksichtslos jedweden Zustand zerstören
    Und uns dem Ruin wie dem Abgrund verschwören

    Unser katastrophales Dahinvegetieren
    Wird tödliche Unruhe kontaminieren
    Und den tödlichen Wahn, auf dem lässig wir gleiten
    Besprenkeln bald Gehässigkeiten

    Wir sind von neuem Unglück erschütterte Wesen
    Von Qualen und Fürchterlichkeiten erlesen
    Anstatt zerbrechlich woll’n wir nun verbrecherisch sein
    Und Widerwärtigkeiten spei’n

    Von verzagenden Balken ward unlängst berichtet
    Die grundlos von Armut zugrunde gerichtet
    Man beklagt sich bei uns sichtlich entrüstet: „Warum?“
    Drum.


  • Ammersee Südspitze & das sechshundertsiebenundfünfzigste Gedicht

    Ammersee Südspitze

    Der Kuss

    „Hilf mir! Hilf!“, rief’s aus dem Schilf
    „Ich bin ’ne verwunsch’ne Milf!
    Nur ein Kuss kann mich erlösen
    Von dem Fluch, der einem bösen
    Zauberer dereinst entfuhr!“

    Ich besann mich, rief retour:
    „Böte ich um deiner Nöte
    Meine Lippen dar dir, Kröte
    Wäre es nicht nachgerade
    Um den raren Zauber schade
    Der dem Ufer innewohnt?

    Wie würd‘ uns solch Schritt gelohnt
    Sagte ich: ‚Okay, da helf i!‘?
    Zur Erinn’rung gäb’s ein Selfie –
    Doch beraubt wär dieser Platz
    Um den insgeheimen Schatz!“

    Und leicht mäulig durchheulte die Halme ein Wind …
    Doch wir wissen jetzt, wo wir uns finden, mein Kind!


  • Charlottenburg & das sechshundertdreiundfünfzigste Gedicht

    Straße in Charlottenburg

    Wandrers Nachtlied. Der Spreepark-Remix

    Über allen Schienen
    Ist Ruh,
    Und in bemoosten Fahrkabinen
    Ahnest du
    Schlummern Fahrtwindturbulenzen.
    Alle Statik
    Starrt und knarrt
    Dir und uns den Riesenrat:
    Jeder stößt an seine Grenzen.

    Vor dem Tore: Kassenhäuschen.
    Die warten schon lange
    Auf Wärter und Schlange
    Und wundern sich: Kerl, wat’n krasset Päuschen!

    Hier liegt
    Des Vergnügens Mumie
    Zu Ruinen aufgebahrt;
    Die Dinos verrotten im Walde.

    Warte nur, balde
    endet auch für dich die Fahrt.


  • Hanuman-Languren & das sechshundertvierundvierzigste Gedicht

    Hanuman-Languren

    Ripostegedicht zum berlinerischen Kindergedicht „Der Klops“

    Der Leberkäs

    Da hock i, ess an Leberkäs
    Es klopft, i brumm: „Wer’s’n’dös?
    Zur Brotzeit kimmt mia keina nei!“
    I öffne nur mei Maul und schrei:
    „Schleich di, du Lackl, sonst gibt’s a Fotzn
    Mann, isch tu disch inne Fresse rotzen!“
    Und weitaus noch weniger freundliche Sachen
    Entfahren samt Leberkäs-Fetzn mei’m Rachen
    „Ja, mei“, denk i, i denk: „ja, mei
    Wos’n dös jetzt fia a bleedes Geschrei
    Mit dem man mia hia mei Brotzeit versaut?!“
    Ers war es leis, nu is es laut …
    Und i denk, wo i grad mei Pistoln schon wollt zieh‘:
    „Der, wo hia schreit – dös bin ja i!“


  • Shiv Niwas Palace & das sechshundertdreiundvierzigste Gedicht

    Shiv Niwas Palace

    Ich, Maharadsch

    Der Maharadsch
    Kommt zurück von der Haddsch
    Erfreut sich am Glück seines Reichtums und – platsch!
    Klatscht er bäuchlings und glatt in das Wasserspiel rein
    Ganz sanft in die Arme vom marmornen Stein
    Und er prustet vor Spaß in des Spülwassers Gischt
    Bis die Dienerschaft anrauscht und rasch ihm auf tischt:
    Die Erlesenheit tausend und einzweier Nacht
    Die köstlich garniert auf des Essgeschirrs Pracht
    Vom Dekors porzellaner Schalen beschosst
    In neckischen Häppchen den Körper liebkost

    „Herr, herrlich ist es, Herr zu sein
    Und durch das Mehr den hehren Schein
    Um einen Strahl zu überbieten
    Den Garten Eden anzumieten!
    Wenn man Gottes Gaben nicht wahllos verteilt
    Und all ihre Pracht nur bei einem verweilt
    Lässt der Reichtum der Welt sich erst richtig versteh’n
    Und in dem ihm schmeichelnden Lichte beseh’n
    Dass all das nur mir gehört, macht daher Sinn
    Dies alles, es gehört hier hin!
    Ich bewahr als Maharadscha
    Anmut vor der Brut der Grapscher!“


Die 254 Städte/Länder der Fotos (2016-2025)


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