Nenn mir ein Merkmal, bevor wir uns trennen,
An dem wir uns zukünftig wiedererkennen,
Wenn windiger Glanz unser Strahlen verwischt,
Bis faltig und fahl sein Gedächtnis erlischt.
Präg du dir den Fingerabdruck von mir ein
Und zieh in Erwägung, ich könnte bald ein
Gänzlich verdorbenes Wesen bewohnen –
Es wird mich die Welt nicht auf Dauer verschonen.
Dann kann selbst die finsterste Zeit nicht die Schemen
Der in uns erinnerten Einigkeit nehmen.
Deine Kopfhaut bewahrt sich das blanke Gefühl,
Unter früheren Haaren verborgen zu sein –
So passt auch ins forschfrisch betagte Kalkül
Bei dir noch ein weiteres Lebensjahr rein!
Beehren Sie, Fräulein, mich baldigst zum Tee
In meinem verheerenden Balz-Separee?!
Wo der Kitsch meiner Kissen aus Plüsch und aus Samt
Schon selbst nicht mehr wissen will, woher er stammt.
Hier wirkt noch des alten Stils vorletzte Chance,
Hier wirbt noch der Wirklichkeit Resteleganz,
Hier stirbt unvollendet mein Dasein als Geck,
Diese eine letzte Chance
Nehmen wir noch wahr.
Danach sind wir zu ausgebrannt,
Dem Grabesrand zu nah.
Doch lässt sich’s an der Endstation
Nicht auch recht prächtig feiern?
Selbst wenn wir viel zu häufig schon
Von Memoiren seiern.
Was unser Leben so verdarb,
War nur der Blick nach vorn,
Der so beharrlich um sich warb,
Dass wir das Jetzt verlor’n.
Wir ändern diese Welt nicht mehr,
Das lässt sich nicht verhehlen.
Wir zieh’n uns selbst aus dem Verkehr,
Hier könn’n wir gerne fehlen.
Doch diese eine letzte Chance,
Die nehmen wir noch wahr
Beim Volldabeisein trotz Distanz!
Es geht uns wunderbar.
Ich blinz’le lidmüd in den frühen Sonnenuntergang …
Das unabändernd Endgewissen dauert mich zu lang!
Zäh fällt die Schlottertür ins Schloss –
Die aller Schönheit Pforte
Gibt nie mehr preis, was ich genoss,
Und schließt sich ohne Worte.
Jede Warteminute im reiferen Alter
Ist ein höh’rer Prozentsatz an Restlebenszeit.
„Wat is’n getz?!“, geift deren Nutzungsverwalter
Bei jeglichem Reifen von Unpünktlichkeit,
Ereifert sich zu Lob und Huld
Des Phönix‘ brenn’nder Ungeduld.
Wem die Lebenszeit abläuft, muss im Zwangslauf sich sputen,
Ist berechtigt zum Unmut auf Warteminuten.
Wir erinnern die Lieder, die wir damals sangen –
Nur der Text dazu fällt uns nicht ein.
Gern täten wir wieder, was wir nie begangen,
Uns einander das Alter verzeih’n …
Du wusstest es, oder? Die Welt galt der Planung
Einer Großüberraschung für dich!
Du verneinst das zu schnell, als wär da keine Ahnung,
Durch die ein Gewissheitshauch strich.
Du trichtertest dir doch am Tresen oft ein:
Das kann’s noch nicht gewesen sein!
Nun hör der durchs Bühnenbild Huschenden Tuscheln,
Die selig sich in ihrer Vorfreude kuscheln –
Was gab’s da nicht Blödes, an dem du genagt,
Wie schön, wenn da gleich wer mit Löschtaste sagt:
„Überraschung, Junge! Schau mal da:
Hinterm Sarg – die Kamera!“
Du hast dich wirklich gut geschlagen
Und bist bei allem cool geblieben,
Noch bis zuletzt fern vom Verzagen!
Wir hab’n’s ja manchmal übertrieben –
Doch wussten auch: Der kann was ab!
Bist bis zum Sterben schön gewesen
Und bliebst doch am Schluss so alleine,
Warst so begütert wie belesen –
Und so schöne Beine!
Derweil du dich so gut gehalten,
Hielt niemand deine Hand.
Hier liegt im Grab der zählbar Alten:
Ein Schatz, der kaum bekannt.