Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 38 Länder auf 5 Kontinenten

Erde

Verse für die Melancholiker, denen man Erde, Herbst, Abend, Erwachsenenalter zuordnet.
Die besinnlichen und leisen Gedichte.
Von Aphorismen bis zur Vanitasdichtung.

Sollte Ihnen ein hier eingereihtes Gedicht eher den anderen Kategorien Erde, Luft oder Feuer entsprechen, bitte ich, mir eine Nachricht über www.hirnpoma.de zukommen zu lassen!


  • Jedermann-Festspieltribüne & das zweitausendfünfhundertdritte Gedicht

    Die Jedermann-Zuschauertribüne der Salzburger Festspiele am Domplatz

    Vielleicht, dass Schmetterl …

    Kaum, dass der Sommer dir versprach,
    Du würdest nie mehr frieren,
    Verfinstert sich der Rest vom Tag
    In längst geleerten Bieren.

    Die Brunnen sind noch in Betrieb –
    Dann hab’n wir’s noch nicht Winter!
    Du schwörst, es hätt‘ dich jemand lieb
    und kommst auch noch dahinter …

    Die Würfel sind im freien Fall –
    Da ist noch nichts entschieden
    Und alles ist jetzt überall.
    Der Schlusspunkt ward vermieden.

    Noch laufen vor allem die Brunnen vorm Tore –
    Doch die schönen Geschichten sind alle erzählt.

    Ich schwitze den Alkohol aus jeder Pore –
    Vielleicht, dass aus mir sich ein Schmetterling schält …?


  • Mirabellgarten & das zweitausendfünfhunderterste Gedicht

    Der Garten von Schloss Mirabell in Salzburg

    Urlaubsgefühle

    Mancherlei Profanes krallt im Urlaub sich Gewicht:
    Die Gastfreundschaft der Menschen, dieses ganz besondre Licht!

    Das füllt nicht nur ein Storyboard, das fühlt man ganz real –
    Nur ist solche Empfindsamkeit zuhause marginal.

    Alles neigt zur Inflation, ist erst das Eis gebrochen.
    Die Wertigkeit bleibt später Lohn für jene zwei, drei Wochen.


  • Bahnwärterwacht & das zweitausendvierhundertneunundneunzigste Gedicht

    Auf dem Gelände des Bahnwärter Thiel

    Crème de la Crème

    Ich wünsche mir vor meines Lebens Erblindung
    Noch so etwas wie eine Eiscremeerfindung.
    Etwas Nützliches, dass dem Genusse entspringt –
    Etwas Nutzloses, dass sich als Must-have verdingt.
    Ein Gewöhnung verpönendes Mahl des Verwöhnens,
    Ein unübergehbares Mal des Versöhnens,
    Unwiderlegbar als „Is the world nice?!“-Meme –
    Kurzum, ein bisschen so etwas wie Eiscreme.

    So ’ne Erfindung der Welt hinterlassen,
    Als letzter Akt vorm finalen Erblassen,
    Irgendwie etwas wie Eiscreme vererben …

    Gut, man kann friedlich auch ohne dies sterben.
    Doch das als ein Restzielchen nicht aufzugeben –
    Das ist letztendlich mein Anspruch ans Leben.


  • Neuzuzug & das zweitausendvierhundertzweiundneunzigste Gedicht

    Neuzuzug am Feldmochinger See

    Die Wiedersehenden

    Ach, wie elend lang war ich nun hier nicht mehr da!
    Ich fürchte mich vor dem Versprechen,
    Ich machte mich fortan nie wieder so rar –
    Solch Leichtfertigkeit wird sich rächen!

    Unser Wiederseh’n ächzt unter Melancholie –
    Wie viel Tonnen davon kann man tragen?
    Wir befinden, spät sei ja doch besser als nie
    Und man könne sich gar nicht beklagen.

    Wenn ich „Stimmt so!“ sag, mein ich: „Behalte den Rest gern
    Für dich!“ – hier verlangt’s niemand nach Kommentaren!
    Mein Ich, das hier rumstreunt, kommt immer von Gestern
    Und grüßt die Gefährten, die wir einmal waren.


  • Auf Moorrunde & das zweitausendvierhunderteinundneunzigste Gedicht

    Umgebung Morwege rund ums Kloster Benediktbeuern

    Noch

    Ich sehe noch so viele Tiefen der Welt,
    Die wehren sich meiner Erkenntnis!
    Längst habe ich weniger Zeit noch als Geld –
    Egal, wie erfolglos die Band is‘.

    Wenn möglich, würd ich von Natur noch begreifen:
    Den Herzschlag, den Rhythmus, den Kreis.
    Doch kann alle Weisheit noch bestenfalls streifen –
    Ein Weder/Noch ist’s, was ich weiß!


  • Kircus und Cirche & das zweitausendvierhundertneunzigste Gedicht

    Ausblick auf Kochel

    Zum Neumischen der Karten

    Bevor alles beim Alten bleibt,
    Wappnen wir uns fürs Rückschritte-Rennen.
    Es ist ja egal, wer nun wie übertreibt,
    Da wir beide Seiten schon kennen.

    Doch schon wieder ertappst du dich, mehr zu erwarten –
    Treu verfolgst du die Phalanx der Prognosen!
    Ob der Möglichkeit anderer Kann-Kandidaten
    Hortest du Hope – in nicht-impfbaren Dosen.

    Litaneien von „Eigentlich kann das nicht sein!“
    Setzt Realität unter Dauerbeschuss.
    Sie krächzen und ächzen ihr stöhnendes „Nein …!“,
    Steh’n fassungslos vor – scheint’s gewöhnbarem – Stuss.

    Wir haben das nicht mehr für möglich gehalten –
    Ohne Chancen, auf and’res zu hoffen.

    Es gilt, die Prinzipien im Off zu verwalten,
    Als stünd das Ergebnis noch offen.


  • Ankerplatz & das zweitausendvierhundertsiebenundachtzigste Gedicht

    Ankerplatz am Büsumer Hafen

    Büsum ohne Maps

    Der Meerzugang gibt sich umfährend
    Und fernab blökt ein Kahn …
    Dich wünsche ich mir selbsterklärend,
    Denn ich hab keinen Plan.

    Doch mein Fremdeln mit den fremd’sten Städten
    Währt nur einen Fixpunktaugenblick.
    Hernach kann sich Übersicht in ihnen betten –
    Das passiert nach mir selbst nicht erschließbarem Trick.

    Dann schlägt sich in gewohnte Bahnen
    Meine verhilfloste Ziellosigkeit.
    Es ist ein zum Wissen geleitendes Ahnen –
    Kurz scannen, erkennen – schon is man soweit:
    Da Eiskrem, hier Fischbrötchen, dort geht’s zum Meer!

    Als kennte die Stadt man von irgendwoher.


  • Neueinstieg & das zweitausendvierhundertzweiundachtzigste Gedicht

    Einstieg in die Nordsee am Deich zwischen Meldorf und Büsum

    Fahrradtour um Meldorf

    Heute hab ich erfahren, was Gegenwind ist,
    Der dich – einmal durchkämpft – auf dem Rückweg beswingt.
    Ein Gleichstand, der sich wie ein Vorteil bemisst,
    Weil dir zum Finale Erleichterung winkt.


  • Gleitfliegerschlaf & das zweitausendvierhunderteinundachtzigste Gedicht

    Fliegender Lemur (Galeopterus variegatus)

    Heimrück(en)kehrersorgen (Reprise zum Gedicht „Sarawak“)

    So war ich denn – nach dreißig Jahr’n –
    In Sabah und in Sarawak.
    Sollt‘ ich noch mal so fleißig spar’n,
    Kehr‘ ich zurück als Sabberwrack.
    Oder ist’s für mich als Menschgerät
    Nicht sehr viel früher schon zu spät?

    Ach, über den Plänen großer Reisen
    Wähn ich längst die Geier kreisen!
    Wie viele der säumig gebliebenen Fahrten
    Darf ich bei okayer Gesundheit erwarten?

    „Ausreichend genug“, möchte ich mir entgegnen,
    „Aber sei drauf gefasst, Kerl: Es könnte mal regnen …!
    Also, spar dir dein kack Hohes-Alter-Gelaber:
    Du warst jetzt in Sarawak, warst auch in Sabah
    Und die Hälfte der Welt würd ’nen Teil deiner Sorgen
    Sich gern mal drei Stunden als Zuversicht borgen!“


  • Semenggoh & das zweitausendvierhundertsiebenundsiebzigste Gedicht

    Orang Utans kreuzen den Besucherweg im Semenggoh Wildlife Centre

    Inpovisation

    Hab‘ mit Verrücktheit angespeckt
    Ein Handymitfilmsetting.
    Ein Displaymeer ward hochgereckt
    Auf Bildgewalt zwecks Petting.

    Ich saug‘ mich voller Gigabytes
    Mit extra-sten Vaganzen,
    Entfache machtvoll Posting-Reiz
    Im Social-Media-Ranzen.

    Und alles drückt den grünen Knopf
    Mit sieggewissem Wissen.
    Man spürt: Es schmoren Likes im Topf,
    Die Köpfchen voller Nissen.

    Ich provozier‘ für euch ein Hier –
    Ihr gebt mich mir zurück!

    Und dringlicher ich inponier‘
    Je tiefer ich mich bück‘.


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