Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 36 Länder auf 5 Kontinenten

Einakter

Alles, was zwölf Zeilen überschreitet.


  • Stalinallee & das eintausendeinhunderteinundvierzigste Gedicht

    In einem Häuserdurchgang der Karl Marx Allee / Otto Grotewohl Grundstein

    Regen in der Simon-Dach

    In Berlin ist der Regen am grausten
    Und treibt durch die Straßen wie desint’ressiert
    An all der temporär enthausten
    Unwürdigkeit, die da frömmelnd spaziert
    Und irrt
    Und irrt.
    Und irrt.
    (Man will etwas Spirit ja trotzdem erleben.)
    Und immer nasser,
    Blasser
    Wird.
    (Hier wirkt aller Abschaum nur herrlich daneben!)

    Es belächelt die Stadt die zerzausten
    Schöpfe, die ohne Berechtigung sind.

    In Berlin ist der Regen am grausten
    Und aus dir nieselt immer noch Schönheit, mein Kind!


  • Abendrot & das eintausendeinhundertneununddreißigste Gedicht

    Abendrot an der Hamburger Hafenstraße

    Die Reblaus (ein revolutionärer Abzählreim)

    Ein Standbein auf Standby,
    Riskante Risskanten,
    Ins Display nen Riss, ey,
    Den Dissseits Verbannten!
    Es gibt eben nicht genug Chancen für alle,
    Oft kontamanieren Avanzen zur Falle!
    Verkannte Verwandte
    Und niemals Vermisste –
    Verschandelt vom Wandeln
    Durchs regungslos Triste.

    Ungeheuer, -ziefer, -mach
    Hol‘n jetzt aus zum Gegenschlag –
    Hier kommt keiner lebend raus!
    Außer eine Rebenlaus.


  • Max-Joseph-Platz & das eintausendeinhunderteinundzwanzigste Gedicht

    Max-Joseph-Platz vorm Residenztheater München

    Nächtliche Busfahrt zum Theater

    Sternschnuppenhuschend verblitzen die Lichter
    Auf beschlagnen Fensterscheiben
    Das Vage in ihnen appelliert an die Dichter
    Bei diesem Thema dran zu bleiben

    Was wäre es, gäb es hier etwas zu sehen?
    Was gäbe es, wär es für uns zu verstehen?

    Gelbliches Weltlicht wirft mähliche Schatten,
    Die vom Tage verblasst sich im Rinnstein begatten.
    Die lernen noch die Dunkelheit,
    Kleben uns an den Hacken wie fehlende Zeit.

    Was würde es, könnt hier noch etwas entstehen?
    Was könnte es, würd es nicht einfach vergehen?

    Die Schaufenster strahlen wie Suchscheinwerfer
    Über treues Kopfsteinpflaster.
    Keine Frage in mir stellt mein Augenlicht schärfer,
    Kein Vers ist ein zum Plan Gefasster.

    Doch manches scheint im Werden.


  • Dohaausblick & das eintausendeinhundertsechste Gedicht

    Doha von oben

    Überflieger

    Überflieger,
    Übe lieber,
    Eh du übel fliest!

    Fliesenleger,
    Wiesenpfleger
    (Auch der Bisonvieh-Erleger,
    Über den man liest)
    Haben ihr Handwerk nicht nur überflogen!

    Ich weiß, solch Kritik findest du nur verschroben,
    denn alle Kriterien sei’n nunmehr verschoben –
    Soweit, wie du das überblickst von dort oben.

    Doch vieles ward bloß in den Schoß dir gelogen!

    Dir gehör’n nicht die Wiesen, auf denen du weidest,
    Und weil du den Werteerwerb ja vermeidest,

    Füllt sich der Safe der Tarnung nicht –
    Drum nimm zur Warnung dies Gedicht!

    Zwar folgt der New Wave
    Oft ein günstiger Rave,

    Doch

    Manch früh bewurmten Überflieger
    Zervögelt man zum Unterlieger!


  • Landtag & das eintausendeinhundertzweite Gedicht

    Bayrischer Landtag München

    Sechs Jahre (Zur Schließung der Neuen Pinakothek)

    Wenn in sechs Jahr’n dieser Ort wiedereröffnet,
    Werde ich, ungeordnet, fast sechzig sein
    Und schaff’s, wenn’s gut läuft, noch ein Weilchen
    Hier ohne Unterstützung rein.
    Werd manch Hoffnung und Mensch begraben haben,
    Am Restschorf vieler Narben schaben
    Und Altbekanntes wie Fremdes betrachten,
    Auf andere Konturen achten.

    Als ein chronisch ins tiefste Tal Eingepferchter
    Steh ich sechs Jahre älter dann wieder hier –
    Inmitten frischem Putz erwägend:
    Wie viel vom Ich beließ man mir?
    Für die, die im Bald keine Zukunft haben,
    Ist ein So-weit-nach-vorne-schauen
    Vorweggenomm’nes nahes Darben.
    Ich mag so weit mich vor nicht trauen!

    Mich wundert nicht der Wehmut Stärke,
    Weil ich nur allzu gut versteh,
    Dass ich die weggeschloss’nen Werke
    Nicht ähnlich glücklich wiederseh.


  • Halsbandsittich & das eintausendachtundneunzigste Gedicht

    Halsbandsittich im Yalla Nationalpark

    Stille Weihnacht

    Ich entdecke
    In der hinterste Ecke
    Der Wohnstube, wohin sonst niemand gerät
    (Wo höchstens mal drohend ein Einbrecher steht),
    Einen mächtigen
    Prächtigen
    Leuchtenden Baum,
    Und Festlichkeit durchströmt den Raum,
    Spiegelungen potenzieren
    Warmes Licht wie Grippeviren,
    Ärmlichkeit scheint überwunden
    In der Herrlichkeit für Stunden.

    Doch dahinter sehe ich
    Zwischen den Zweigen,
    Die Einbrecher wieder in Vorfreude schweigen.


  • Victoria Viharamahadevi Park & das eintausendzweiundneunzigste Gedicht

    Buddha Statue im Viharamahadevi Park in Colombo

    Weihnacht

    Als wär’n wir noch nicht eingeschult,
    Dackeln wir durch der Tage Schablone –
    Im schönsten Sinn von abgespult.
    An jedem Klimbim prangt ein „Geht halt nicht ohne!“.

    Und überall
    Liegen Babys im Stall.

    Als wär’n wir wissensresistent,
    Umarmen wir warmherzig uralte Lieder.
    Wenn erst die vierte Kerze brennt,
    Kehrt auch jeder Brauch völlig unbrauchbar wieder.

    Und überall
    Liegen Babys im Stall.

    Als wär’n wir vor Vergessen blind,
    Erscheint uns der Trott in perfekt schnurr’nden Gleisen.
    Und jährlich grüßt das Christuskind
    Auf den unsere Wagenburg schmückenden Weisen

    Und überm Stall
    Beginnt fast schon das All.

    Mehr Gedichte zu Weihnachten & Ostern


  • Malabarhornvogel & das eintausendzweiundachtzigste Gedicht

    Malabarhornvogel Paar

    Deine Beleidigungen

    Ich ließ mich drauf vereidigen:
    Die Art, mich zu beleidigen
    Zur Kunst zu machen, beherrscht nur du!
    Ach, wie gern hör ich dir zu …

    Wie tief wie produktiv du bist!
    Wie wendig du mich endlos disst!
    Ergiebigkeit krönt deine Maschen,
    Die mich stetig überraschen.

    Dumpf verklumpte Nettigkeiten
    Mögen uns ins Bett geleiten –
    Denn Schwärmerei benötigt nicht viel,
    Ist vom Anspruch unsubtil.

    Deinen Zank, der niemals langweilt,
    Ehr ich so, dass hier nun Dank zeilt!
    Denn seine Brisanz verwebt uns zwei
    Zu ewig währ’nder Bändelei!


  • Der tote Elefant & das eintausenddreiundsechzigste Gedicht

    Totes Elefantenbaby im Bwabwata Nationalpark

    Ripostegedicht auf Rilkes „Das Karussell“

    Das nächste Karussell

    Gib Acht, mein Kind, wenn der Schatten dreht!
    Dann hat hier im Weiler fast nichts mehr Bestand
    Denn ein Bund von Gefährten erschafft sich sein Land
    Und Umtrieb spricht ein Hetzgebet
    Sie alle haben Wut in ihren Mienen
    Und große Böen weh’n mit ihnen
    Und dann und wann auch ein toter Elefant

    So gart das Hier in noch stiller Gewalt
    Schnurrt vor Sattheit so träge wie drückend
    Maues Gebläh scheint wie in sie gekrallt

    Und jedem liegt stets ein Beweis auf der Zunge
    Man erhebt wie zum Schwur seine rechteste Hand
    Da bölkt’s wie von Zähheit gezeichnetem Schwunge

    Und dann und wann auch ein toter Elefant

    Wer will sich noch in Verkommenheit üben?
    Wer tätschelt Gebelle mit werbenden Zungen?
    Wer eint alle wachsam zerstrittenen Jungen?
    Schauder und Aufstand gerier’n sich in Schüben

    Und dann und wann auch ein toter Elefant

    Und Volk geht hin und weiß nicht, was es wendet
    Und kräht nur dreist und hat kein Ziel
    Ist roh und zürnt wie vom Grauen geblendet
    Und teilt sich den Traum vom gewonnenen Spiel
    Ein Mahnmal wird leicht übersehen
    Wenn’s Wissen erblindet und verschwindet
    Weshalb so ein Dickhäuter fiel


  • Havel & das eintausendachtundfünfzigste Gedicht

    Havel bei Potsdam

    Ripostegedicht zu Goethes „Zauberlehrling“

    Der Laubbaumsperling

    Hat im alten Zweiggeäste
    Äsend Rehlein nachts gewütet?
    Aufgewellt häng’n welk die Reste
    Die ein Jahr lang ich behütet!
    Siechen gelb und gräulich
    Manche sind fast braun
    Krümmen sich abscheulich
    Grässlich anzuschau’n

    Wackle, wackle
    An dem Aste
    Lös‘ die Last der
    Toten Blätter
    Da ich nicht mehr länger fackle
    All das Laub zu Boden splätter‘!

    Seht, schon gehen die danieder
    Die dem Grün ihr Kontra boten
    Gänzlich frisch strahlt alles wieder
    Niemand trauert um die Toten
    Und in neuem Leuchten
    Glänzt mein heim’lig Baum
    Wie in einem feuchten
    Sperlingmärchentraum!

    Wackle, wackle
    An dem Aste
    Lös‘ die Last der
    Toten Blätter
    Da ich nicht mehr länger fackle
    All das Laub zu Boden splätter‘!

    Kaum, dass ich mein Werk vollbracht hab‘
    Gilbt es schon am nächsten Zweige …
    Noch halt‘ ich hier eisern Wacht ab!
    Was ich rasch dem Rott’nden zeige
    Und mit frischem Mute
    Tu ich, wie’s erprobt!
    Spür den Stolz im Blute
    Mein Erfolg mich lobt

    Rüttle, rüttle
    An den Stellen
    Wo die hellen
    Blätter kleben!
    S’soll am Ast, an dem ich rüttle
    Nichts als grüne Blätter geben!

    Aber wehe, noch bevor der
    Nächste Tatort ist bereinigt
    Dringt zu mir die höchste Order
    Dass die Krone Welkung peinigt!
    Und im Wipfel seh‘ ich
    Gelb und Braun und Rot!
    Denk‘ noch, ich sei fähig
    Herr zu werd’n der Not …

    Doch dann birgt der
    Ganze Himmel
    Farbgewimmel
    Sondergleichen!
    Schon ist mein Plan ein Verwirkter!
    Keine Kraft kann hierfür reichen!

    Rasend schnell erbleicht das Grünen!
    Mir bleibt, hilflos zuzuschauen …
    Soll wohl für den Hochmut sühnen
    Dass ich Herrscher ward dem Grauen?!
    Und es schwebt von selber
    Nieder Blatt um Blatt!
    Alle Welt wird gelber
    Alle Welt wird matt

    Wie ist jener
    Anblick schmerzlich
    Da nun leert sich
    Ganz die Krone!
    Baum, der einst belaubt wie keener
    Zeigt sich plötzlich gänzlich ohne!

    Ach, hätt‘ ich doch nie gerüttelt
    Nie die Grenze übertreten
    Nicht das Laub selbst abgeschüttelt!
    Muss jetzt brav zum Meister beten:
    Herr, der du verwaltest
    Jedes Blatt der Welt
    Gut, dass du mich schaltest!
    Weil mir nun erhellt:

    Sperlingschnäbel
    Soll’n sich hüten
    Rumzuwüten
    Im Geäste!
    Spüre nun der Demut Säbel …
    Danke, Meister, bist der Beste!

    „Dennoch sollst du bitter büßen
    Spatzenhirn, für deine Taten!
    Blätter lass ich wieder sprießen
    Aber du kannst lang drauf warten:
    Bis es wieder grünt, sollst
    Du erfroren sein!
    Doch nachdem du blutzollst
    Schwebt mir vor, dass dein

    Reuig Sühnen
    Fortan stünde
    Für der Sünde
    Früherkennen!
    Drum soll man das Neu-Ergrünen
    Dir zur Ehre Frühling nennen!“


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