Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 36 Länder auf 5 Kontinenten

Einakter

Alles, was zwölf Zeilen überschreitet.


  • Rochuskapelle & das eintausendzweihundertsiebenundzwanzigste Gedicht

    Rochuskapelle bei Bingen

    Wegen, wegen, Wegen! (Die Goethe-Ruh am Rochusberg)

    Nur wegen Goethe flöte ich,
    Der Klötgen Frank (auch: Klöterich),
    Auf dem allerletzten Loch –
    Und doch die Roch-
    Uskapelle hat der Mühen gelohnt
    (ich bin nur solch Fußwege nicht mehr gewohnt)!

    Mit dem Kirchlein an sich hat es gar nichts zu tun (ich
    Find’s weder verwegen, noch richtig ruinig),
    Denn es hat ja seit meiner schöngeistigen Häutung
    Das Geistliche (meist) für mich keine Bedeutung.

    Doch durch des Kreuzwegs Schatten schleich ich
    Mich lichtungswärts ins wahre Reich, ich
    Hocke müd mich hin im Schauen
    Auf die Rüdesheimer Auen.
    Und in des Rheins und Weines Weiten …
    Da stapeln sich Erhabenheiten.

    In solcher Natur wähne ich meinen Segen.

    Und bleib‘ auf der Spur von mir ähnlichen Wegen.


  • 42 Kilometer & das eintausendzweihundertsiebzehnte Gedicht

    Arkaden von Bologna

    Unter Arkaden

    Den Stau der von Marmor geglätteten Kühle
    Flattert kühn eine Schwalbe aus Warmluft entzwei,
    Ein Wind drängt die schwerfällig dreharme Mühle
    Zum Durchwirbeln der zeitlosen Aircraft-Kartei.
    Mancher Hauch ist hier auch schon vorm Zeitmaß gewesen,
    Riecht kellerdunstschmauchig, jahrhundertbelesen,
    Ist vom Blitztakt des Lichtspiels nur passiventzückt,
    In platzhirschgebührende Langmut entrückt.

    Wie verlahmt schlurft mein Dasein mit latschigem Schritt –
    Der gewinnt erst im Nachhall der Architektur!
    Die bewahrt ihren Wert und veredelt mich mit –
    Ich fühl mich beheimischt trotz Sightseeing pur.

    Und geschmeidig befächelt von Grade-Kaskaden,
    Ein Lächeln vom Bad in den alten Arkaden,
    Bestürmt frühe Anmut die Sehnsucht der Haut –
    Ich bin von der Straßen Zug gleichsam erbaut.


  • Botanischer Garten & das eintausendeinhundertneunundachtzigste Gedicht

    Im Botanischen Garten am Münsteraner Schloss

    Pista und Patzer

    Pizzaboten liefern halt
    Nicht in dichten Kiefernwald,
    Lassen lieber ihre Pfoten
    Von dem Platz, wo Kitze koten,
    Die von roten Rickenzitzen
    Gierig Rohmilch-Shots stibitzen.

    Die Pizzaboten liefern stattdessen
    Lieber in Städte die Delikatessen,
    Wo bekiffte Showbiz-Spitzen
    Schon als Kids sich Botox spritzen –
    Zotenreich und witzig motzend
    Vor die City-Bauten kotzend –
    Wohlumworben von devoten
    Pizzabotenidioten.

    Waldbewohner wie -besitzer
    Warten wie gewohnt auf Pizza.
    Deren Boten liefern halt
    Nicht in dichten Kiefernwald.


  • Schloss Suresnes & das eintausendeinhundertzweiundachtzigste Gedicht

    Schloss Suresnes in Schwabing vom Garten der Katholsichen Akademie

    Endlich Geld (ohne Ende)!

    Das Ausrauben von Banken
    Bezirzt meine Gedanken.
    Wir haben hier nicht ewig Zeit
    Und dort haust eine Möglichkeit –
    So dreh’n sich die Gedanken
    Ums Ausrauben von Banken.

    Das Ausrauben von Banken
    Heißt „Neue Chancen tanken!“
    In dem Spielraum alter Sorgen
    Bietet sich kein bess’res Morgen –
    Uns bleibt, um aufzutanken:
    Das Ausrauben von Banken.

    Dem Ausrauben von Banken
    Hab ich viel zu verdanken.
    Einfach rein und alles nehmen,
    Nachher ein klein wenig schämen –
    Auch ihr mögt euch erlauben,
    Mal Banken auszurauben!


  • Taubensee & das eintausendeinhundertzweiundsiebzigste Gedicht

    Taubensee am Rauschberg bei Ruhpolding

    Die Ruhe an ruhigen Orten

    Völlig unverdient sonnt der Verkehr sich in Sanftheit,
    Wenn sein Lärm sich einwellig im Strandkies verliert.
    Hier, wo Lautlosigkeit alles Abendlicht anschreit,
    Weil sich zweihellig festigt, dass nichts mehr passiert.

    Die Allmacht der Stille als handwarmer Schoß
    Schließt den Sicherheitsbügel der Sorglosigkeit.
    Sie bezähmt die Erkenntnis, dieser Ort sei nicht groß,
    Mit der Irrelevanz deiner Kleingeistigkeit.

    Als wäre die Ruhe an ruhigen Orten
    Der letztforsche Hauch einer fremden Essenz,
    Der klärende Vers aus verschwundenen Worten,
    Das fehlende Album verschollener Bands.

    Der Verkehr mault sich kurzatmig wieder ins Gähnen,
    Als hätt‘ sich ein Zähnchen im Zimmer geirrt.
    Und der Salzrand von nicht mehr erinnerten Tränen
    Ist das Siegel vom Wissen, dass nichts mehr passiert.


  • Bode & das eintausendeinhundertfünfundsechzigste Gedicht

    Sonneuntergang am Bodeufer

    Am Langen See

    Dort ruht die letzte Schönheitsspur
    Aus altgedienten Zeiten –
    Von jetzt kann neue Einsicht nur
    Dir gleiche Freud bereiten.

    Ein altes Treppenfundament,
    Dem das Gebäude fehlt.
    Ich kenn noch wen, der das noch kennt –
    Der nennt den Ort: entseelt.

    – – –

    Damit kleine Dinge verschwinden,
    Muss wirklich nichts Großes gescheh’n.
    Die Zeit lebt vom steten Erblinden –
    Auch du bist schon nicht mehr zu seh’n!

    – – –

    Aufs Seeufer fällt manchen Abends ein Schatten
    Von einem verschwundenen Ausflugslokal.

    Und die Freude am Spiel, die wir einst darinn’n hatten,
    Verdimmt im Anno Dazumal.


  • Universitätskantine & das eintausendeinhundertfünfzigste Gedicht

    Luftballons in der Kantine der Universität der Seychellen

    Menschen

    Es ist gar nicht notwendig, Menschen zu essen,
    Um menschlichen Wohlgeschmack nicht zu vergessen.
    Wir können die Nähe von Körpern genießen,
    Auch ohne die Zahnreihen um sie zu schließen –
    Zur Sättigung lässt man das Augenlicht stöhnen
    Und wohlig Odeure das Stammhirn verwöhnen.

    Es braucht auch im Abstand das stiere Begehren,
    Um menschliche Leiber mit Anstand zu ehren –
    Von sexuellen Attraktionen,
    Die in jedem Hinblick lohnen,
    Muss niemand die sinnlichen Fingerchen lassen!

    Doch schmause auch vom Unbekannten,
    Drück dich nicht vor Varianten –
    Es gibt so viel Menschen, um nichts zu verpassen!


  • Anse Takamaka & das eintausendeinhundertneunundvierzigste Gedicht

    Ausblick vom Anse Takamaka

    Going on a Tata to Anse Takamaka

    Wroom, the indian engine roars,
    Wroom, click, gear-gear, roaaaamm …
    And the multitude of rupee coins
    In the driver’s plastic bag
    Clicker-di-click-click
    Like the treasures of a pirate’s chest
    But there’s no way out of Victoria
    Without getting … stuck … in … traffic …
    Stuck … in … traffic … stuck
    And the fully packed rumbler sighing:
    How did all these cars get on that island?

    But after the airport – we fly away
    On and on and on and on and anse on anse on anse on anse …
    Passing 150 shades of green in a lushness
    And lust for growth
    That it bothers me
    That just by looking at it
    Even as a man you could get pregnant
    And on and on and anse on anse …
    We call „Devan!“ by the sight of palm trees –
    Leaving the Tata for Anse Takamaka,
    Understanding in the shimmering sand
    That we’ve never understood the colour blue
    And would never be able to describe
    Anyone this range of blueness –
    Except for saying
    That we
    Were
    There.


  • Check-In & das eintausendeinhundertfünfundvierzigste Gedicht

    Doha Flughafen

    Am Flughafen

    Mutti, sieh!
    Dem Duty-Free-
    Shop stopft
    Und pfropft
    Warenvielfalt
    Mit Zarengewalt
    Alle Regalle haltlos voll –
    Und nichts davon will man verzoll‘!

    Kind,
    Ich find
    Dein Int‘ressieren
    An der Welt, die wir passieren,
    Phasenweise –
    Ich sag‘s leise:
    Sprachlich zu geschwollen.
    Und Regal – das weißt du, gell?! –
    Spricht man nicht mit Doppel-L!


  • Warschauer Himmel & das eintausendeinhundertzweiundvierzigste Gedicht

    Warschauer Straße S-Bahnhof

    Dem Äther

    Radi – Radi – Radio,
    Ich drehe am Rad deiner Sendersuche
    Und flüchte mich ins Irgendwo,
    Getrieben vom seiernden Deutschpop-Eunuche.
    Wissend:
    In dem Gerausche der Ultrakurzwellen
    Gibt’s die momentelang richtigen Stellen,
    Die wandernd der lot-rote Strich für mich findet
    Und Gerättreue kurz an Bestätigung bindet.
    Erinnernd:
    Die matt hinterleuchteten Stadtnamenskalen
    Im Musiktruh’n entströmenden Röhrengeruch,
    Die ’nem Dreiersprung folgenden Megaherzzahlen
    Am Radiorecorder nebst Bandsalatfluch.
    Mixtape-alert auf der Suche nach Stil
    Stieß ich tiefnächtens aufs Herz von John Peel,
    Gab ihm die Lizenz, mir die Nächte zu stehlen
    Mit krudem Kram aus noch verdecktem Gefallen –
    Den würde mir Spotify niemals empfehlen!
    In solch Algorithmen riecht alles nach allen.
    Verklärend:
    Auf Grundig und Blaupunkt brach ich dereinst auf
    Zu landen an Stränden von neuen Instanzen.
    Von Sony und Sharp nahm ich Flotten in Kauf,
    Als Worte und Klänge mich lehrten zu tanzen.
    Abwehrend:
    Du maulst gekränkt, hier fehle die
    Probierkraft der Community –
    Der autarkische Schwarm sei der Held vom Gedichte!
    Das ist vielleicht nicht grundverkehrt,
    Mir bleibt’s ein Reichtum ohne Wert –
    Das wird später deine, nie meine Geschichte.


Die 254 Städte/Länder der Fotos (2016-2025)


Gedichte/Fotos ausgewählter Tourstationen:

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