Rollenwechsel
Heut bin halt ich mal Publikum,
Drum schalt ich mich plus Handy stumm.
Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos
Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 36 Länder auf 5 Kontinenten

Rollenwechsel
Heut bin halt ich mal Publikum,
Drum schalt ich mich plus Handy stumm.

Theoretisch abstürzen
Wie viele juveniler Räusche
Hab ich nach Dammbruch ausgekotzt?
Achtzig (wenn ich mich nicht täusche) –
Wild aus Aug und Maul gerotzt.
Nicht brutal oft, auch nicht wenig,
Und höchst selten gilt: Ich sehn mich
Nach der Zeit zurück – der Non-Stops,
Jägermeisterrunden, Headshots,
Einspritzer im Trinkspielwahn,
Konterbier im Mittagstran … –
Da ich mich der Sechzig näh’re
und mir gruselt jetzt, ich wäre
Nochmals so vom Rausch gepfählt.
Hab drum vieles abgewählt.
Doch ich spür nun, auch ohne ins Tun zu versinken:
Heute ist so ein Tag, hey, zum richtig Betrinken!
Alle Rechte bei Ute Kratzer, die das Gedicht im Rahmen der Kuba-Spendenaktion 2024 erstanden hat.

Das Rind als Löwenanteil
Dass Kühe ständig fressen,
Indes der Löwe meistens ruht,
Bewegt die Frage: Wessen
Gewissen schlürft hier ruhig Blut?
Und wie wird Friedlichkeit belohnt,
Wenn über ihr ihr Leiden thront?

Pro Probieren
Mein verpanikter Blick in Speisekarten
Flickt sich zäh sein Menu. Wie lang wird der Wirt warten?
Immer gibt es dort Worte, die mir nicht bekannt,
Ich berechne die Werte, die rechts lauernd am Rand –
All das drängelt in meine Entscheidung mit rein,
Bis zur drohenden Frage: „Was darf’s denn dann sein?“
Das Spielfeld zu groß und die Felder zu zahlreich –
Den Einsatz verlier’n durch die flascheste Wahl? Leich-
ter wär’s mit der Einsicht, dass man noch entdeckt
Und nicht vorab wissen kann, was uns noch schmeckt.

Kurzode an das Langzeitgedächtnis
Wenig lässt sich wiederholen,
Vieles lässt man besser ruh’n.
Vieles lässt sich wieder holen,
Wenig lässt dich besser ruh’n.

Gefühlte Übersetzung von You’ll never walk alone
Fänd ne Wahl für uns statt
Was uns Herzenswunsch sei
Neben WLAN und Handy-Vertrag
Ätz nicht rum, doch bleib stur
Dass ne Handvoll Korn reicht
Als der Sold für uns pro Tag
Vollkorn heißt Gewinn’n
Weil Korn wächst an Ähr‘n
Wir sind nicht konsumverdorb‘n
Weil Korn, weil Korn
Ob im Brot, ob als Schnaps
Es gefällt uns Volk als Lohn
Es gefällt uns Volk als Lohn

Taxifahrt am Morgen, stadtauswärts
Das Höhenflugrausch-artige,
Fremdstädtisch Taxifahrtige
Lässt den Tanz der Verkehre genießen.
Das Einsaugen von Athmosphären,
Als wenn sie Augentauchgrund wären –
Bald ganz in sich zerfließen …
Bei geöffnetem Fenster, vom Fahrtwind gekühlt,
Hat sich mir die Stadt in die Arme gespült.

Calle 62, Meerseite
Erst wenn jedes Korn im Korps beschließt:
„Wir sind heute doppelt seidig!“
Ist jener Punkt erreicht – da fließt
Um Knöchel Sand. Fast gleit‘ ich
Durch dessen Weichheit, schrittverführt –
Gewahr, wem Ehre hehr gebührt.
An dem bekannten Strandabschnitt
Stand der Belag, den ich durchschritt,
Im monumentsten Schmeidesaft
Von sanftigster Bestreichelkraft.
Vollendet als mehlgleicher, sämiger Sand –
Oh, was für’n füßelnd Allerhand!

Wissen und Kissen in Umlautlaune
Manch Herren enden ungeküsst,
Manch Länder harren unbeküstet –
Welch Schicksal härter? Wenn ich’s wüsst‘ …!
Manch schicker Saal ward arg verwüstet.

Prince of Neverland
Irgendwo bestürmen Katastrophen
Schon die Vororte meiner Saisonfröhlichkeit.
Irgendwo triumphieren schon wieder Doofen –
Und man darf nicht vergessen: Wir sind nur zu zweit.
Irgendwo wird mit maßlosem Blutdurst
Die Höhe der Schmach schon behechelt.
Und du schwafelst noch immer von Mut, Wurst?!
Überall wirst du immer belächelt!
Ich weiß, du glaubst im Nach-wie-vor
Schlicht nie an Niederlagen –
Sagst: „Irgendwann fällt noch ein Tor!“
Und stellst dich keinen Fragen.
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