Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos

Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 36 Länder auf 5 Kontinenten

Wasser

Verse für die Phlegmatiker, denen man Wasser, Winter, Nacht, Baby- und Greisenalter zuordnet.
Die beschreibenden und erzählenden Gedichte.
Von der Naturlyrik bis zu allen Längenvarianten der Ballade.

Sollte Ihnen ein hier eingereihtes Gedicht eher den anderen Kategorien Erde, Luft oder Feuer entsprechen, bitte ich, mir eine Nachricht über www.hirnpoma.de zukommen zu lassen!


  • Bürgerpark & das eintausendeinhundertvierundsechzigste Gedicht

    Im Braunschweiger Bürgerpark

    Blüten des Frühlings

    In sanften Junge-Mädchen-Farben
    Räkeln sich die Äste,
    Belecken ihre Winternarben
    Und herzen neue Gäste.

    Wer backt die Welt so maßlos schön –
    Wir steh’n doch nur vor Bäumen!?
    Der Farben Pracht erreicht die Höh’n
    Von angetrunk’nen Träumen!

    Und jede Ahnung fragt schon bang,
    Wie lang der Zauber bleibt.

    Die Kürze schürt vielleicht den Zwang,
    Dass Welt so übertreibt.


  • Krahescher Portikus & das eintausendeinhundertdreiundsechzigste Gedicht

    Krahescher Portikus im Braunschweiger Bürgerpark

    Ripostegedicht zu Friedrich Schillers gleichnamiger Ballade.

    Der Ring des Polykrates 2.0

    Durch all den Dunst der Fingerschlieren,
    Die das begrapschte Display zieren,
    Schaut Hershel auf sein Samsung hin.
    Er unterrichtet seinen Lehrer
    Vom Ende der „Nee, gibt nich!“-Ära:
    „Gestehe, dass ich klicklich bin!“

    „Du hast der User Gunst erfahren
    Dank Postings, die sehr zahlreich waren –
    Auf Facebook und als Twitterer!
    Doch kann ich dich nicht glücklich sprechen,
    Denn jeder schafft’s dich auszustechen,
    Der instagrämig fitterer!“

    Kaum, dass der Neuland-Tramp geendet,
    Ward Hershel ’ne What’s App gesendet,
    Dass Facebook festigt ihm die Kron‘!
    Denn Instagram sei einverleibt nun,
    Dort folgten ohne eignes Zutun
    Ihm tausend Abonnenten schon!

    Es hätt‘, nachdem da hart verhandelt,
    Die Datenbanken schon verbandelt
    Der treue Feldherr Zuckerberg.
    Bald ehrt ein blauer Topstar-Haken
    Den, der schon unterm Facebook-Laken
    Übt‘ treu des Werbekunden Werk.

    Und Hershels Lehrer senkt die Brauen:
    „Ich warn dich, solchen Klicks zu trauen –
    Leicht trügt der Social-Media-Fame!
    Du wusstest in den Youtube Wellen
    Dich niemals richtig aufzustellen –
    Nee, dort performst du mega-lame!“

    Noch eh der Herr den Rant gesprochen,
    Hat ihn ein Jubel unterbrochen.
    Denn eine Online-Agentür
    Will Hershels Ruhm im Restnetz wegen
    Den Youtube-Channel fortan pflegen –
    Und zahlt ihm gar Lizenzgebühr!

    Der Lehrer einwandsschwach entgegnet:
    „Mit Klicks bist du heut gut gesegnet –
    Doch fürchte ihren Unbestand!
    Weil die Cretins sich wenig scheren
    Um Werte, die schon länger währen
    Und Friendships, die sie einst verband!“

    Solch miesegramen Wörterschwallen
    Flugs frische News entgegenschwallen:
    Millionenfach gestützt vom Like
    Erkiesen einig die Cretinzer
    King Hershel sich zum Influencer –
    Sein Fanblock wächst wie Hefeteig!

    Da drängt’s den Griesgram nachzusetzen:
    „Fürwahr, ich muss dein Klickglück schätzen –
    Dir schwirrt um jeden Tweet ein „Geil“!
    Doch graut mir vor der User Missgunst:
    Die ungehemmte Hater-Disskunst
    Ward manchem Ex-Star schon zu Theil.

    Auch ich war einmal big im Business
    Und war mir im Prinzip gewiss, es
    Vergött’re mich der User Huld.
    Doch stößt das Web die halb Beglamten
    Gern in den Teer der Zugespamten –
    Und ich versank dort, ohne Schuld!

    Drum, willst du deinen Status wahren,
    So flehe zu den Unsichtbaren,
    Dass sie den Aufstieg dir verzeih’n!
    Sie lassen stets, wen sie beneiden,
    Am Social-Media-Pranger leiden –
    Zu schnell erlangtest du, was dein!

    Eh sie ihn nun von selbst entdecken,
    Wenn sie deine Accounts zerhacken –
    Freund, opfre deinen größten Trumpf!
    Der Schwarm, er fordert, dass gemein is‘,
    Was immer dein Erfolgsgehemnis –
    Versenk‘ es tief im Online-Sumpf!“

    Und Hershel spricht, von Furcht beweget:
    „Ich hab fürs Trollgeproll‘ geheget
    Ein leistungsstarkes Fake-Profil.
    Was dies an Traffic zu mir lenkte,
    Weil ich schien der von ihm Bedrängte,
    War beinah schon zu unsubtil.

    Ich mach sein Passwort jetzt so simpel,
    Dass selbst der whackste Hackergimpel
    Sich dem Account schnell eingesellt!“
    Doch kaum war dieser Weg gegangen,
    Ein Phischer ward im Netz gefangen –
    Stolz prahlt ein Datenschützerheld:

    „Et sind auch Trojas Datenphischer
    Im Internet net schadlos sischer –
    Da habn’Se Ihr’n Account zurück!
    Rescht oft misslingt’s in solschen Fällen,
    Auch allet wiederherzustellen –
    Oh Sie, Se hab’n ma wirklisch Glück!“

    Da wendet sich der Gast vom Browser:
    „So startet deines Glückes Mauser –
    Schon rauscht heran des Shitstorms Braus‘!
    Die User wollen dein Verderben –
    Mein Ruf soll nicht mit deinem sterben!“
    Und sprach’s und loggt vom Chat sich aus.


  • Türmer & das eintausendeinhundertzweiundsechzigste Gedicht

    Türmer im Braunschweiger Bürgerpark

    An der Oker

    Schore-Opfer an der Oker,
    Die beim Schmerzbetäubungspoker
    Sich im Tauschrausch überreizten
    Und mit trüb vergreisten Augen
    Aus dem Fluss die Säfte saugen,
    Die sie selbst so früh verheizten.


  • Abschlussparty & das eintausendeinhunderteinundsechzigste Gedicht

    Sonnenuntergang am Beau Vallon auf Mahè

    Sonnenuntergang

    Für ein kleines „Erledigt!“ als Wohlfühlmoment
    Gibt das Abendrot dir grünes Licht.
    In der Haut schlummert Sonne, die immer noch brennt
    Und die Nacht löscht in Schönheit das Licht.


  • Indischer Ozean & das eintausendeinhundertsechzigste Gedicht

    Ausblick vom Anse Takamaka

    Tauchen

    Das Wasser allüberall Wasser nur ist,
    Mag uns die Chemie zwar erzählen –
    Dass mancherorts es selbst das Nasssein vergisst,
    Kann ich mit Erinn’rung vermählen.

    Da neigt sich der Himmel, die Wellen zu küssen,
    Strahlt Erstklassigkeit auf zur Sonne,
    Wird Wasser zum größten von allen Genüssen,
    Umfasst mich mit ureigner Wonne!


  • Foddis & das eintausendeinhundertzweiundfünfzigste Gedicht

    Foddis in Victoria auf Mahè

    Der Komfortzonenkünstler

    Der Komfortzonenkünstler kann, was er kann,
    Und er weiß, seit er’s weiß: Das kommt an.
    Er wagt sich an alles im Kleinen heran,
    Ihn hält steter Applaus stets im Bann.

    Der Komfortzonenkünstler bleibt fest überzeugt,
    Die Welt sei ’ne dienstbare Scheibe,
    Die ihn als ihr Schäfchen verlässlich besäugt –
    Er sucht keine größere Bleibe.


  • Anse Takamaka & das eintausendeinhundertneunundvierzigste Gedicht

    Ausblick vom Anse Takamaka

    Going on a Tata to Anse Takamaka

    Wroom, the indian engine roars,
    Wroom, click, gear-gear, roaaaamm …
    And the multitude of rupee coins
    In the driver’s plastic bag
    Clicker-di-click-click
    Like the treasures of a pirate’s chest
    But there’s no way out of Victoria
    Without getting … stuck … in … traffic …
    Stuck … in … traffic … stuck
    And the fully packed rumbler sighing:
    How did all these cars get on that island?

    But after the airport – we fly away
    On and on and on and on and anse on anse on anse on anse …
    Passing 150 shades of green in a lushness
    And lust for growth
    That it bothers me
    That just by looking at it
    Even as a man you could get pregnant
    And on and on and anse on anse …
    We call „Devan!“ by the sight of palm trees –
    Leaving the Tata for Anse Takamaka,
    Understanding in the shimmering sand
    That we’ve never understood the colour blue
    And would never be able to describe
    Anyone this range of blueness –
    Except for saying
    That we
    Were
    There.


  • Warschauer Himmel & das eintausendeinhundertzweiundvierzigste Gedicht

    Warschauer Straße S-Bahnhof

    Dem Äther

    Radi – Radi – Radio,
    Ich drehe am Rad deiner Sendersuche
    Und flüchte mich ins Irgendwo,
    Getrieben vom seiernden Deutschpop-Eunuche.
    Wissend:
    In dem Gerausche der Ultrakurzwellen
    Gibt’s die momentelang richtigen Stellen,
    Die wandernd der lot-rote Strich für mich findet
    Und Gerättreue kurz an Bestätigung bindet.
    Erinnernd:
    Die matt hinterleuchteten Stadtnamenskalen
    Im Musiktruh’n entströmenden Röhrengeruch,
    Die ’nem Dreiersprung folgenden Megaherzzahlen
    Am Radiorecorder nebst Bandsalatfluch.
    Mixtape-alert auf der Suche nach Stil
    Stieß ich tiefnächtens aufs Herz von John Peel,
    Gab ihm die Lizenz, mir die Nächte zu stehlen
    Mit krudem Kram aus noch verdecktem Gefallen –
    Den würde mir Spotify niemals empfehlen!
    In solch Algorithmen riecht alles nach allen.
    Verklärend:
    Auf Grundig und Blaupunkt brach ich dereinst auf
    Zu landen an Stränden von neuen Instanzen.
    Von Sony und Sharp nahm ich Flotten in Kauf,
    Als Worte und Klänge mich lehrten zu tanzen.
    Abwehrend:
    Du maulst gekränkt, hier fehle die
    Probierkraft der Community –
    Der autarkische Schwarm sei der Held vom Gedichte!
    Das ist vielleicht nicht grundverkehrt,
    Mir bleibt’s ein Reichtum ohne Wert –
    Das wird später deine, nie meine Geschichte.


  • Stalinallee & das eintausendeinhunderteinundvierzigste Gedicht

    In einem Häuserdurchgang der Karl Marx Allee / Otto Grotewohl Grundstein

    Regen in der Simon-Dach

    In Berlin ist der Regen am grausten
    Und treibt durch die Straßen wie desint’ressiert
    An all der temporär enthausten
    Unwürdigkeit, die da frömmelnd spaziert
    Und irrt
    Und irrt.
    Und irrt.
    (Man will etwas Spirit ja trotzdem erleben.)
    Und immer nasser,
    Blasser
    Wird.
    (Hier wirkt aller Abschaum nur herrlich daneben!)

    Es belächelt die Stadt die zerzausten
    Schöpfe, die ohne Berechtigung sind.

    In Berlin ist der Regen am grausten
    Und aus dir nieselt immer noch Schönheit, mein Kind!


  • Föhnblick & das eintausendeinhundertdreiunddreißigste Gedicht

    Münchner Hausberge und Frauenkirche

    Frühes Frühlingserwachen

    Die Luft sinnt klar mit reinem Klang
    Vom Baden in der Kälte!
    Wie immer ward das Warten lang,
    Eh sich das Jahr erhellte.

    Es rascheln Flieg- und Gliedertier
    Ihr schieres „Wir sind wieder hier!“,
    Als gäb’s ’nen neuen König!

    Die Sehnsucht knistert blümerant –
    Wie prickelnd plustert sich das Land!

    Und dann wird es gewöhnlich …


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