Mailand im Novembermeer
Mailand im Novembermeer
Schwaden süßer Güte
Perlend sprudelt der Verkehr
Auch: sehr schöne Hüte
Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos
Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 36 Länder auf 5 Kontinenten
Verse für die Phlegmatiker, denen man Wasser, Winter, Nacht, Baby- und Greisenalter zuordnet.
Die beschreibenden und erzählenden Gedichte.
Von der Naturlyrik bis zu allen Längenvarianten der Ballade.
Sollte Ihnen ein hier eingereihtes Gedicht eher den anderen Kategorien Erde, Luft oder Feuer entsprechen, bitte ich, mir eine Nachricht über www.hirnpoma.de zukommen zu lassen!

Mailand im Novembermeer
Mailand im Novembermeer
Schwaden süßer Güte
Perlend sprudelt der Verkehr
Auch: sehr schöne Hüte

Mailand
Korridor und Quarantäne,
Erster Chor des „tutto bene!“ –
This land is Mailand, Goethesöhnchen!
Die Kommunion der Kaffeböhnchen,
Der Grundkurs einer Eingewöhnung.
Geschäfte und Geschäftigkeiten –
Pünktlich zu fast gleichen Zeiten!
Kaum Grund, sich umzuorientieren,
Man hustet nicht beim Inhalieren,
Doch den Blick, ihn mäandert schon andere Tönung.
Und unfertig leicht sagt man hier: „Italiener?
Fühl’ma manchma selbs wie eena!“

Danke für das Knie
Dies‘ wie noch nicht entschiedene Werden
Zwischen Vollzeitstudentin und Frau,
Es pflügt sich entspannt in ihr frommes Gebärden –
Man stellt sich gern ungern zur Schau.
Nun, Schönheit wurd‘ hier nicht echt üppig gesät,
Doch sie blüht ihr Gerade Soviel,
Nach dem mein verschlagener Blickgenuss späht
(Er ist nicht auf Suche nach Stil).
Was kümmern mich Moden, die ich nicht verstehe?
Dieser Hosenrock müffelt nach langer Entscheidung.
Und doch ist’s Betrübnis, die ich in ihm sehe –
Nur willenschicfehlerbekundende Kleidung.
Wohl passt’s zu der Plumpheit, mit der sie dort sitzt –
Junges Leben ergötzt sich am Warten.
Da wird Vorfreude forsch in die Achseln geschwitzt,
Braucht Erfolg noch kein Zeugnis von Taten.
Ihre Physiognomie ist bemerkenswertlos
(So was besssert sich nicht mit den Jahren) –
Wo das eine zu seicht ist, ist and’res zu groß,
All dies weckt mein Verlangen zu sparen.
Und doch bleibt mein Augenlicht mit ihr vertaut,
Mich beseelen das Dass und das Wie,
Es ist ihrer Ödnis Oase die Haut
Vom durchs Nylonschwarz schimmernden Knie.
Vermutlich hat sie der Knie zweie gehabt,
Aber ich hab das eine geseh’n.
So ist der Mensch oft nur in einem begabt.
So einsam, so wahr und so schön.

Als hätte der Herrgott
Schau, mein Schätzchen, merkste, gell:
Heute wird es nicht mehr hell!?
Ein mordend Himmel, drückend gräulich,
Als hätte morgens ohne Scheu sich
Der Herrgott mit dreckigem Arsch auf den Horizont gesetzt
Und ihn schmierig geformt zu dem stickigen Jetzt,
Das sich hoffnungstaub als neuer Tag präsentiert
Und den Schmerz in uns nagt, dass auch nichts mehr passiert.
Später fällt nur noch mehr Regen.
Der Tag hat begonnen und weiß nicht weswegen.

Herbstwehen
Die Helligkeit des Gelbs ist längst
Mit den Vögeln gen Süden gefloh’n.
‚Die Kälte quält sich selber!‘, denkst
Du, weil’s möglich wär, sich zu verschon’n.
Als gelt‘ es, schnell der Hässlichkeit
Und Müdigkeit Leben zu opfern,
Gellt’s allher: “ … dass Ihr endlich seid!“,
Werden Blätter zu Rinnsteinverstopfern.
Im ständig währ’nden Regenguss
Drängelt alles eh gen Schluss –
Und unbarmherzig bellt sein Biss,
Dass dies noch sehr, sehr lang so is‘ …

Ripostegedicht auf Hermann Hesses „Im Nebel“.
Mer Han Nässe: Im Regen
Balsam, im Regen zu wandern!
Gemeinsam vom Schirme behütet,
Wird durch die Hauchnäh‘ des jeweilig andern,
Das furchtbare Wetter vergütet.
Wenn’s turtelt unterm Prasseldach,
So legt auch dies Gedicht nah,
Legt jeder noch in Nähe nach
Und scheint zu mehr verpflichtbar …
Wahrlich, im Regen zu gehen,
Macht nur den Verwegenen Spaß,
Die überall Sinnenglück sehen;
Normale Leut‘ werden nur nass.
Balsam, im Regen zu wandern!
’s würd feucht, tät man sich jetzt entzwei’n.
Man rückt lieber ran an den andern,
Mit Schirm entsteht Charme von allein.

Sigmund Jähn
Warum ein Gedicht auf Sigmund Jähn?
Weil Dinge lässig fortbesteh’n,
Egal, was die Zeiten verändern.
Weil Erster zu sein zu seiner Zeit
Sich misst bis in die Ewigkeit.
(Ja, den Satz darf man gern auch begendern.)

Vom Schreiben
Ich startete im Krickelkrakelsturm meiner Gedanken,
Umarmte dann fast sehnsuchtsvoll die Planken früher Schranken.
Den angewöhnten Bogenstrich hat Tasterei geglättet,
Die kurz darauf mechaniklos zum Bildschirmpunkt geflattet.
Fürs Krickelkrakel brächte ich die Kraft wohl nicht mehr auf –
Im Kerker der Bequemlichkeit verlernt man freien Lauf.

Im Bukolischen
Keiner könnte so fremd sein,
Dass ihn hier niemand grüßt.
Der Ort flößt ungehemmt ein,
Dass die Welt dafür büsst,
Nicht überall derart bukolisch zu sein.
Du machst dich – ironisch – mit alldem gemein.
Doch da glimmt eine Sehnsucht,
Die sich schürt zum Magnet,
Die dir bis ins Versteh’n flucht:
„Hier schnurrt ein Planet –
Und du stammst aus ihm außerirdischer Welt!“
Oft hoffst du auf Fragen, die niemand dir stellt.

Die Überwältigende
Hier übersteigt das Sein die Minne
Und hält der Held vorm Sprachlos inne –
Will nur noch um und in sie denken,
In Deinseinstiefe sich versenken,
So ortsverloren ihr Befinden
Mit aller Demuts Grund verbinden.
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