Die Lockdowner
Nun sind wir gestrandet in Bettläg’rigkeit
Und wälzen uns reizlos im Sand.
Wir warten, dass irgendwer „Aufstehzeit!“ schreit,
Wir hoffen, er tut’s mit Verstand.
Frank Klötgen – Post Poetry Slam – immer frische Gedichte & Fotos
Seit 2016. Auf Globetrotter-Slam-Tour durch bislang 36 Länder auf 5 Kontinenten
Verse für die Melancholiker, denen man Erde, Herbst, Abend, Erwachsenenalter zuordnet.
Die besinnlichen und leisen Gedichte.
Von Aphorismen bis zur Vanitasdichtung.
Sollte Ihnen ein hier eingereihtes Gedicht eher den anderen Kategorien Erde, Luft oder Feuer entsprechen, bitte ich, mir eine Nachricht über www.hirnpoma.de zukommen zu lassen!

Die Lockdowner
Nun sind wir gestrandet in Bettläg’rigkeit
Und wälzen uns reizlos im Sand.
Wir warten, dass irgendwer „Aufstehzeit!“ schreit,
Wir hoffen, er tut’s mit Verstand.

Lichtbad
Der Herbst verkürzt die Sonnenstunden
Auf allenfalls zwanzig Minuten.
Man muss auf den Spaziergangsrunden
Sich dementsprechend sputen,
Die im Licht gespeicherte Wärme zu tanken,
Eh wir zurück zur Schwermut wanken.

Vor der Zielgeraden
Wir sind so weit gekommen, dass das Ziel uns beschämt
(dabei sind wir längst merkwürdig desint’ressiert).
Die Beschwerlichkeit hat unsern Eifer gezähmt,
Wir wittern den Endspurt, wie paralysiert.
Lass uns umkehren und unsern Irrtum erkennen –
Nach Diktat legen hehrste Motive sich wund!
Wir können ab heut alles anders benennen.
Wir reisten aus einem vergessenen Grund.

November
Schon kommt die Sonne nur noch auf Besuch,
Bleibt die Gästecouch über Nacht leer –
Das Jahr verschlägt einfach die Seiten im Buch
Und man findet den Einstieg nicht mehr.
Die Schatten lang,
Dein Schritt wird schwerer
Und alle Wege sind schon leerer.

U-Bahnhof Westfriedhof
Am U-Bahnhof Westfriedhof stehe ich
Ein Stockwerk unter den Toten.
Als Philosoph verschmäht man sich –
Ich verpass mir die schlechtesten Noten!
Hier loggt sich die Endstation doppelt ein,
Uns buntbeglast zu erhellen,
Stoppt dich in der Verlockung, dein
Wirken über die Toten zu stellen.

Am Altpapiercontainer
Am Container für Papier
Wird’s Gemüt so trübe dir,
Weil das, was in den Schacht du schiebst
Und dem Vergessen übergibst,
War von Gewicht zu deiner Zeit –
Nun geht’s den Weg zur Nichtigkeit.
All die sorgsam aufbewahrten
News, Ideen und Heldentaten,
„Boah!“s, die zum Bericht verdichtet,
Journalistisch nachgerichtet,
Menschen, die die Welt bewegten
Und dein eignes Werden prägten –
Was kurz als geltend galt, wird hier
Zur Restressource Altpapier.
Sehr wenige der mal gelesenen Zeilen
Werd’n ewignah in der Erinn’rung verweilen –
Es geht dein Gedächtnis so bald schon in Rente
Und schluckt dann eiskalt selbst die schönsten Momente.
Drum wird’s Gemüt so trübe dir
Dort am Container für Papier.

Durch die Vorstädte
Mein Schritt durch die Vorstädte hallt mir zu schrill,
Womit er was klar- oder darstellen will.
Ich würde gern rufen: Das bin gar nicht ich –
Allein der Besuch hier ist wichtig für mich!
Ich ward deep im Grundrausch der Großstadt geboren,
Werd stetig durchzittert von Schallresonanz,
Das Flitterhaar brutzelt im Speck meiner Ohren,
Bin emsiger Nutzer des Fames oder Funs.
Noch klingt jeder Schritt hier mir schrill statt nur laut,
Noch sind mir der Maßstäbe Wogen vertraut.
Die Stille im Vorort berichtigt mein Ich –
Allein der Besuch dort ist wichtig für mich

herbstleuchten
Dem Strahlen der Herbstsonne Aufprallfläche sein,
So aalen wir uns ins Shakern mit dem Tag.
Der begonnene Aufruhr scheint schmächtig und klein:
Aufgebäumt
Warm durchschäumt,
Von Düsternissen leer geräumt –
Der Park war noch nie so sehr Park.

Verblasste Chance (an der Heimlichen Liebe zu Heisingen)
Hei, singen wir heut‘ von der heimlichen Liebe
Der’n Unheimlichkeit ich einst schüchtern gescheut!
Doch wäre anheim ich gefall’n ihr – was bliebe?
Vielleicht hätt‘ ich’s einfach nur gleich schon bereut

Zur Portionierung
Man sollte, klar, beim Neu-Erfinden
Sich nicht an zu viel Altes binden.
Und doch braucht’s für den Unterschied
Das Hier, von dem man kam und schied,
Weil’s des Alten genug sei und reiche:
Den Restgeruch der Weiche.
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