Verse für die Melancholiker, denen man Erde, Herbst, Abend, Erwachsenenalter zuordnet.
Die besinnlichen und leisen Gedichte.
Von Aphorismen bis zur Vanitasdichtung.
Sollte Ihnen ein hier eingereihtes Gedicht eher den anderen Kategorien Erde, Luft oder Feuer entsprechen, bitte ich, mir eine Nachricht über www.hirnpoma.de zukommen zu lassen!
In zehn Jahren kennt hier dann niemand mehr Polster
Und nuckelt nur am Digitalen,
Abhold der Komforts, derer ehemals tollster
Ist Teil des Tributs, den die Kalkfresser zahlen.
Und vorhanglos lügt sich zum Plan gegen Brände:
Der weltweite Rückzug in eigne vier Wände.
Doch werd ich die Logen, Parketts sowie Ränge
Mit meinem Gedächtnis auch weiter belegen.
Erinnerte Wucht jener Bilder und Klänge
Wird mich durch die Reizarmut flammend bewegen.
Es erschrickt mich mein Hartherzigkeitspotential,
Dieses mitleidsloseisige „Is mir egal“,
Das mit „Gönn dir!“-Tusch ankriecht, mein Ich zu erfreuen –
Doch schon vorm Triumph abstürzt in tiefstes Bereuen.
Ich möchte die Welt gern von oben betrachten,
Um die als Hürden ausgemachten
Bürden einzuebnen.
Auf die zu viel ich geb, denn
Es hängt ihre Macht an dem Dasein im Drunten
Und Ziel war: sich endlich zu trennen.
Dass sie mich stets runterzieh’n, hat seinen Grund, denn
Von weit oben
Sind ihre erhoben-
En Fallstricke nicht zu erkennen.
Sechste Auftragsversewoche 2021: Gewünscht wurden Gedichte zu den Themen Schnitzelbrötchenverleih, Riesenrad, Scheißwetter, Geheimratsecken, Megastau und Ghosting.
Die Geheimratsecken von J. W. G.
Der ob seiner Reim-Art
Geschätzte Geheimrat
Enthüllte mir haarlose Ecken.
Dort schien im Geheimen
Der Ursprung von Reimen
Sich unbedeckt kühn zu verstecken.
Und dessen beeindruckt erarbeite ich
Mir seither ’ne maßlose Glatze.
Doch trotz des Gefühls, ich verbesssere mich,
Vergrößert sich nur meine Fratze.
Vielleicht doch noch ein weiteres Souvenir?
Beratschlagen Urlaubsvoyeure.
Schon purzelt der Farbüberschuss aus dem Hier
In die Trauer, dass man ihn verlöre.
Was dennoch unvermeidbar ist,
Denn baldigst sinkt man, endlos trist,
In charmefreie Temperaturen.
Verlor’n der Geschmack aller Spezialität,
Verwischt des Aromenrauschs Spuren,
Da Alltag so siegesgewiss nach uns späht
Im Diktat ewig endloser Suren.
So kappt eine Wiedererblindung
Den Widerstand neuer Verbindung.
Täglich öffnete ich meine Augen
Als Chance, das Leben zu seh’n,
Die Sachverhaltflut aufzusaugen,
Um nie wieder misszuversteh’n.
Mir schien keine Sättigung möglich zu sein
Und was mir begegnete, maß ich mir ein.
Erst später entdeckte ich Streit.
Heute kürze ich mir die Rationen
Und wünsche, dass Skepsis mich führt,
Betrete vertretbare Zonen,
So wie’s meiner Reife gebührt.
Und jedesmal zieht es die Stirne mir kraus,
Verlasse ich ohne mein Wohnrecht das Haus.
Kein Tag geht vorbei ohne Neid.
Ich muss zugeben, dort gab es Schmerz zu erleben,
Und ich komme nicht gut damit klar.
Da wir jetzt genusslos die Gläser erheben,
Werd ich der Vernarbung gewahr,
Die sich unlängst darbot, mir manchmal zu nützen.