Zehnzeiler

Meknes & das eintausendachthundertsechsundfünfzigste Gedicht

Bab Mansour In Meknes

Der Mutwillen kleinster Stücke

Ich bin ein verlorenes Königstorsteinchen,
Mich sieht man erst, seit ich dort fehle.
Ich spür den Verbund nach so vier bis acht Weinchen
Als längst überwund‘ne Querele.

Doch keimt in mir irgendwie auch der Verdacht,
Man sähe die Arbeit, die einst sich gemacht,
Erst durch die entstandene Lücke.

So stützt die Beachtung wie Achtung der Massen,
Dass sie von den Ausscherern wurden verlassen;
Die Mutwilligkeit kleinster Stücke.

Muffatwerk & das eintausendachthundertachtundvierzigste Gedicht

Schornstein vom Muffatwerk

Abwägungen

Ach, dass das, was du verdienst, sich im Dasein verringert
Zu dem, was ich zu verrichten
Am Grenzpfahl in der Lage bin!
Dass ich für dich immer vom Gabentisch sing, hat
Genau wie das Dichten
Nicht allzu viel Sinn.

Man muss nicht nehmen, was man hat -
Man hat, was man sich nimmt.
Und hofft dann, dass das Resultat
Im großen Kosmos stimmt.

Neue Rohre & das eintausendachthundertsiebenunddreißigste Gedicht

Heizkraftwerk Süd

Tücken der Ernährungsberatung

Heute hab ich durchfalltrunken
Überall nach Kot gestunken.
Not amused war da Ottilie,
Die mir das nur schwer verzieh. Je-
Doch hieß sie mich, stilvoll zu essen,
Nicht so viel an Kack zu fressen.

So wie ich gefolgt ihrem stillen Gebot,
Befinde ich mich in olfaktorischer Not!
Will Gott nun, dass wir gleichstark stinken,
Wenn wir statt essen Scheiße trinken?!

Ausbeute & das eintausendachthundertzweiunddreißigste Gedicht

Im Kater (oder The day After)

Durch den Kopf hat der Fleischer ein Brötchen belegt
Mit dänischem Höllenkäse.

Hat mein Sein sich grad etwas im Bettchen bewegt,
Geölt von zu viel Mayonnaise?

Ein verwachsenes Schäfchen ruht in meinem Schoß
Und mag drei, vier Ründchen noch kotzen.

Das erste Gedänkchen wagt sich aus dem Moos,
Den Bürden des Wachseins zu trotzen,
Bis im Knarzen sublimen Geächz/stöhns es leiert:

"Da haben wir gestern doch ganz schön gefeiert!"

Filmpalast & das eintausendachthundertvierundzwanzigste Gedicht

Filmpalast Sendlinger Tor

Seele der Säle

In zehn Jahren kennt hier dann niemand mehr Polster
Und nuckelt nur am Digitalen,
Abhold der Komforts, derer ehemals tollster
Ist Teil des Tributs, den die Kalkfresser zahlen.
Und vorhanglos lügt sich zum Plan gegen Brände:
Der weltweite Rückzug in eigne vier Wände.

Doch werd ich die Logen, Parketts sowie Ränge
Mit meinem Gedächtnis auch weiter belegen.
Erinnerte Wucht jener Bilder und Klänge
Wird mich durch die Reizarmut flammend bewegen.

Königsplatz & das eintausendachthundertzwanzigste Gedicht

Blick auf den Königsplatz vom Riesenrad

Riesenrad II

Ich möchte die Welt gern von oben betrachten,
Um die als Hürden ausgemachten
Bürden einzuebnen.
Auf die zu viel ich geb, denn
Es hängt ihre Macht an dem Dasein im Drunten
Und Ziel war: sich endlich zu trennen.
Dass sie mich stets runterzieh'n, hat seinen Grund, denn
Von weit oben
Sind ihre erhoben-
En Fallstricke nicht zu erkennen.

Heupferd & das eintausendachthundertsiebzehnte Gedicht

Heupferd am Ufer der Amper

Sechste Auftragsversewoche 2021: Gewünscht wurden Gedichte zu den Themen Schnitzelbrötchenverleih, Riesenrad, Scheißwetter, Geheimratsecken, Megastau und Ghosting.

Die Geheimratsecken von J. W. G.

Der ob seiner Reim-Art
Geschätzte Geheimrat
Enthüllte mir haarlose Ecken.
Dort schien im Geheimen
Der Ursprung von Reimen
Sich unbedeckt kühn zu verstecken.

Und dessen beeindruckt erarbeite ich
Mir seither 'ne maßlose Glatze.
Doch trotz des Gefühls, ich verbesssere mich,
Vergrößert sich nur meine Fratze.

Borsteiefeu & das eintausendachthundertneunte Gedicht

Fassade der Borstei München

Letzte Hoffnung Mutter

Wenn Ungemütlichkeiten
Das übel überschreiten,
Was wir simplen Gemütern
Noch zumuten würden,

Soll'n Mütter uns geleiten,
Der Blümchen Güte Weiten
Als künftig zu spüren
Im Jenseits der Bürden,

Um fort uns von Gütern
Der Phython zu führen.

Kastanie & das eintausendsiebenhundertdreiundachtzigste Gedicht

Rotblühende Kastanie im Garten vom Kloster Benediktbeuern

Braunnarben

Sehr irreleitend blüht doch die
Zartkerzende Kastanie!

Als ahnte sie nichts von der Stacheligkeit,
Vom harten Geschoss, das nach einiger Zeit
Sich dem igeliggrünen Gewande entschält,
Qua Gestalt andre Stories des Werdens erzählt.

Sind sich all die treuen Bestäuber im Klar'n
Über der Kastanie Plan?

Denn irreleitend blüht doch die
Zartkerzende Kastanie.

Schleißfontäne & das eintausendsiebenhundertsechsundsechzigste Gedicht

Fontäne im Hofgarten von Schloss Schleisheim

Unterm Kärcher

Es tilgt der harte Kärcherstrahl
Den Gilb vom Annodazumal,
Es rupft hervor der rüde Sprüher
Den neugebor‘nen Schlupf vom Früher.
Er schwemmt hinfort geballte Jahre
Und zerrt das Dämmern von der Bahre,
Er drillt den Neustart auf ein Jahr,
Da ich noch wilder Hoffnung war -
Eh mich des Alters Schlämme wuschen.

Ich sollt mal mit dem Kärcher duschen ...

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