Einakter

Alles, was die zwölf Zeilen überschreitet - aber auch noch nicht an die Länge der Slamgedichte/die Vortragsdauer von drei Minuten (oder mehr) heranreicht.

Sekundenschlaf & das vierhundertsechsunddreißigste Gedicht

Großhesseloher Seeufer

Schlaf im Zug

Es rinnt die verbindliche Mittagsschlafschwere
Ins immergrüne Hirn hinein
Ich taumle in Gedankenleere
Unbeweglich wie ein Stein

Für Sekunden, immer wieder
Senken sich die Augenlider
Und es blitzt ein anschleichleiser
Kurzgeschluckter Appetizer
Der sündig gefüllten Tresore von Schlaf
Die sich halbzertrümmert von Nachholbedarf
Doch erst später öffnen lassen
Zum juchzgestöhnten "Essen fassen!"

Ich trinke derweil einen brüsken Kaffee
Und winke fürs Erste der Wohltat in spe

Bodenseenebel & das vierhundertdreiunddreißigste Gedicht

Bodensee bei Bregenz

Morgennebel

Der See ist über die Ufer getreten
Und lichtstrahlberaubt hört man flüchtiges Beten
Der Anraineralten und andren Gestalten
Die superheldsehnend die Fingerchen falten:

"Ihr, die Ihr das Nichtzuvollbring'nde vollbringt
Schier unüberwindbare Gegner bezwingt
Ihr Verfechter und Rächer des Guten auf Erden -
Mögt ihr uns nicht helfen, den See loszuwerden?"

Doch all die Gebete zerwabern im Nebel
Der dräuend über allem hängt
Der See steckt bedrückend in all dem Geschwebel
Das täglich auf die Ufer drängt

Darunter fleh'n sterbende Seelen: "Mehr Licht!"
Doch nichts dringt nach draußen, der Nebel hält dicht

Schwäbeln & das vierhundertachtundzwanzigste Gedicht

Freiburger Bächle

Die Säbel des Schwäbelns

Das Schwäbeln attackiert meine Misanthropie
Es martert den fleischigen Schmelz meiner Ohren
Die Impertinenz dieser Sprachmelodie
Klingt niedlichkeitssauer, im Kleingeist gegoren

Man schnattert sich sein Dorfsein gut
Im Schatten von Furor und Wut

Doch ich möchte verletzen, vergrätzen, verstören
Nicht immerfort dessen Negierungle hören

Ha noi, du abscheulichstes Buttercremeschwätzen
Du zwingst uns zum Kinderlaternenzerfetzen!

Darum geht's vielleicht auch - wirkt das Schwäbeln doch wie
Ein Stochern im Ofen der Misanthropie
So drängt man die Welt zu Zerstörung und Leid ...

Auf dass ihr Schwaben fröhlich seid!

Exit Weinstraße & das vierhundertsechste Gedicht

Von der Weinstraße nach Basel ...

Auf der Weinstraße

So ein Weinstraßenkind möchte ich gerne sein
Ach, täglich verputzt' ich -
Kläglich verschmutzt - zig
Schoppen
Alle Hirten und Wirte
Hier lud ich dann ein
Mich bäuchlings zu poppen

Und ganz ohne Schrei'n
Bezahlten mich die Peiniger

Und als rektalen Reiniger
Führt' abermals mir Wein
Ich ein

Man soll ja nicht zu glücklich sein -
Ein stückweit hatt' ich einfach Schwein!

So genießet in Maßen:
Den Wein und die Straßen!

Museumsquartier III & das dreihundertfünfundneunzigste Gedicht

Museum Brandhorst

... und am Montag wird gekündigt!

O2 can mich'ma

Hallo Hotline und O2
Ich schlag ja ohne Grund nich zu ...!

Doch jede Geduld beugt sich deinem Gedudel
Und schuld ist dein scheißblödes Seier-Gesudel
Von Leitungen, die leider grade belegt
Und das wiederholst du sogleich, unentwegt
Stellst in Aussicht, in ungefähr dreißig Minuten
Wendet sich wartendes Elend zum Guten
Um dann - nach vollendeter Stunde - zu melden
Man danke dem artig noch wartenden Helden
Aber nun würde hier doch wohl nichts mehr passieren
Und man wolle ja niemands Geduld strapazieren
Und löse die Warteschleife jetzt auf!

Scheinheiligst hofft man wohl darauf
Dass Expectare voll humanum esse ...

Doch treff ich dich einst - gibt es was auf die Fresse!

Brüssel & das dreihundertsiebenundachtzigste Gedicht

Brüssel Grote Markt

Der erste Besuch

1) Schön, dich mal zu sehen ...! Warte,
Hol' mir grad 'ne Tageskarte
Will viel als "Gesehen" taufen
Ohne groß herumzulaufen

Gerne saug ich alles auf -
Aber halt im Schnelldurchlauf
Bin heut zu sehr freizeitklamm -
Reicht nur für ein Kurzprogramm

Will mich nicht umsonst abhetzen -
Kannst du mir in kurzen Sätzen
Sagen, was sich wirklich lohnt
("Wirklich" wirklich stark betont)?

2) Keine Antwort ist kein Satz

3) Doch dann öffnet sich ein Platz
Den ich ganz erfüllt beschreit'
Und mit seiner Gültigkeit
Zwingt er mich zum Innehalten
Und den Turbo abzuschalten
Ach, wie dort die Zeit verstrich!
Und ich dachte an die zig
Dinge, die ich nicht mehr sah -
War zumindest ihnen nah ...

Und nun schlummert das Ersparte
Tief in meiner Tageskarte

Druck & das dreihundertsechsundachtzigste Gedicht

Da Dome of Kölle

Ganz ohne Druck

Ein 3D-Drucker bräuchte fast sechs Jahre, um den Kölner Dom zu drucken
Wahrlich eine lange Zeit!
Boah, fast sechs Jahre stoisch drucken - dann den Dom hervor zu spucken ...?!
Ja, wir sind noch nicht sehr weit!
Denn so ein Drucker ist komplex
Ebenso der Dom! Nun, sechs
Jahre - ungefähr so lang
Dauert noch der Druckvorgang

Zwar wird - so ist vorauszuseh'n
Sein Tempo sich schon bald erhöh'n
Doch bis dir jemand sagt: "Ach guck:
Dome zum Sofortausdruck!"
Wird gleichfalls noch sechs Jahre dauern ...!

Da indes des Domes Mauern
Ausdruckslos wie down-to-date
Aufgetürmt zur Majestät
Voll schnippischen Gleichmuts dem Fortschritt trotzen
Und mit ihrem Dasein protzen

Pause & das dreihundertachtzigste Gedicht

Augsburg

Nichts zu tun, außer für eine Slam-Revue in Augsburg drei Texte hervorzusuchen - und trotzdem kein neues Gedicht im Blog?! Ist das schon der Anfang vom Ende?

Schreibblockade bei Dreihundertachtzig?

Schreibblockade bei Dreihundertachtzig!
Plötzlich stoppt all der Schreibfluss mit quietschenden Reifen
Was dir ein Profil erschien, dampft und verflacht sich
Vermag auf dem Untergrund nicht mehr zu greifen

Der Nullfallsreichtum schleicht sich an
Und fragt, ob er dir helfen kann
Die Antwort kennst du, doch sagst: "Nein -
Das regelt sich von ganz allein!"

Ich werd' jetzt mal ein Stündchen warten
Dann vorsichtig den Motor starten ...
Und vom Start weg mit Vollgas Ressourcen verprassen!

Der Rat, es mal langsamer angeh'n zu lassen
Verbreitet zwar mit dreister Macht sich
Doch nicht bis zur Taktzahl von Dreihundertachtzig!

Laub & das dreihundertneunundsiebzigste Gedicht

Herbstlaub

Herbstlaub

Wenn Herbstlaub mir aufs Haupthaar fällt
Und gnädig bedeckt all die lichteren Stellen
Die manch Gedicht schon hergestellt
So drängt es die Erben, die Stämme zu fällen

Wie mutig die sich an den Sägen verheben
Und an den verlockenden Knebelverträgen
Die man noch lockig abgesegnet
Und die bald schon die Stille der Flocken beregnet

Indes kämme ich mein Haupthaar
Lass das Laub hinunterschweben
Wenn ihr Bäume es erlaubt, ja
Mag ich noch ein Jährchen leben -
Nicht den Blick nach oben richten:
Übers Schweben möcht' ich dichten

Fossa & das dreihundertachtundsiebzigste Gedicht

Fossa in Kirindy

Nachhaltige Begegnung. Herbstliche Erinnerung an Madagaskar und den Fossa (dessen "o" im Madagassischen eher wie ein "u" intoniert wird).

Fossanähe

Ein gewisser Fossa
Stand mir heut im Wege
Panisch schrie ich: "Mussa
Nich in ein Gehege?!"

Das Tier, es maunzte souverän
Beim An-mir-vorübergeh'n -
Führte reines Nichts im Schilde
Und beschämte mich mit Milde

Klar
Es war
Das abgerundetste Katzentier
Das auf Wattetatzen hier
Verwundert meinem Blick auswich
Geduckt ins Dickicht wieder schlich
Bis nach auf Stunden
Gerundeten
Sekunden
Auch sein seidig geschmeidiger munter gewundener rundlicher ungemein langer Schwanz
Ganz
Entschwunden
War

"Hoppsa," dachte ich, "so nah
War ich grade einem Raubtier!"
Aber nee - die Nähe, glaubt mir
War mir näher als der Abstand
Mit dem ich mich letztlich abfand

Nächstes Mal versuch'ste mehr -
Kriechst dem Fossa hinterher!

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