Einakter

Alles, was die zwölf Zeilen überschreitet - aber auch noch nicht an die Länge der Slamgedichte/die Vortragsdauer von drei Minuten (oder mehr) heranreicht.

Tor 13 & das siebenhundertsiebenundzwanzigste Gedicht

Sifakas

Entlarvte Sifakas

Wenn nur nicht dieses Tanzen wäre ...

Dieses tolgepatschelte Hupfgesacke
dieses hoppladihoppelnde Hickedihacke

... gebührte dir die ganze Ehre
erlauchter Dornen-Eminenz
von weiserweißer Exzellenz

So superduper, so perwollig
du personifiziertes Drollig
huschst schwere- und lautlos auf samtenen Pfoten
mit höchster Höhen Haltungsnoten
In den Wipfeln bewegst du dich allzu schön

Doch will dich jeder tanzen seh'n
Am Boden

Tegernseewasser & das siebenhundertachte Gedicht

Tegernseewasser

Be Babylon

Na, altes Mädchen, den Rock wieder lüften?

Mein Welthorizont klemmt sich um deine Hüften –
dem Hort einer Hoch(mut kommt vorm Fall)-Kultur!

Ein Hoch der zweiströmigen Beinhaarrasur
für die tätschelnde Klaue am Unversuchten!

Doch war ja dein Höhenflug schnell überbucht, denn
es erscholl nach dem XXL-Sündenfall
nur noch göttlicher Groll: "Sach'ma, spinn'n die denn all?!"

Und Monsieur ohne Sünd' warf den ersten Stein
direkt in deine Fresse rein

Die Pimps übernahm'n dein Vermächtnis und Ruder
Ich frag' mich, was noch an dir echt ist, du Luder!

Man wähnt ja unerschütterlich
im Genpool unsrer Mütter: dich

Nur ...
was willst du mit 'nem Babyfon?
Du bist 'ne Hure, Babylon!

Regierungsviertelinsel & das sechshundertfünfundneunzigste Gedicht

Regierungsviertelinsel

Eierschale Zenner im Winter, von der Insel der Jugend betrachtet

Auf Baccara mit Achim schwoofen ...
Ach, im Prinzip jeht's uns ja juut!
Ick jeh mir noch 'ne Weisse koofen!
Wer weiß, wie lang's deen Knie noch tut ...

Wir tanzten eenen janzen Sommer
Eierschalendiscofox
Unser Drive kam nich vom Drive-In
Burger Stinker - Zenner rocks!

Nu is aus unserm Biere Garten
die letzte Ernte einjefahr'n
Ick werd' auf den Saisonstart warten
und auf sechs Dutzend Weisse spar'n

Ditt Handy klingelt. "Ja?" Der Achim!
"Mit dem Knie - ditt wird nüscht mehr...!"
Baccara und i can Boogie
allet janz schön lange her

Der Berliner Neptunbrunnen & das sechshunderteinundneunzigste Gedicht

Der Berliner Neptunbrunnen

Nichtstun und Neptun

Um mich vom Nichtstun auszuruhn
flaniert' ich heut zu Neptuns Brun'n

Kandiert von Kalk und Grünspans Zier
hockt ungeduscht im Muscheltier:
Neptun. Und wartet aufs Waten im Zufluss
(man weiß nich', wassersonsso als Wassermann tun muss ...)
spricht ein Machtwort an die Kinder, die sich um ihn gruppieren
"Nich' Schuppen hier – die überlasst ihr den Tieren!"

Vom Erdgeschoss her reckt sich ringsum Reptil:
Schildkröt', Schlang' und Krokodil
Fehlt zoologisch noch 'ne Echse
Dann guck'se nach und wat entdeck'se?

'n Seehund. Hinterm Neptun und
denks': Was'n da der Hintergrund?
und andrerseits: Is' doch mal schön –
so ohne Grund 'n Seehund seh'n!

Einmal um Neptuns Brunnen rennen
kann man nu' auch nich' Nichtstun nennen
Ich wünsch' (mein Tagwerk ist erbracht)
'ne schlecht gereimte Gute Nacht!

Pražský hrad & das sechshundertfünfundachtzigste Gedicht

Blick auf die Pražský hrad

Späte Gedanken

Mir bleibt nicht die Zeit, diese Tat zu vollbringen
Schon liegt sie neben meiner Hand
Und die Extremitäten, die einst sich verfingen
Sind längst im Furor ihres Willens verbrannt

Nun hält sich die Ebbe der Unaufgeregtheit
In den Knöcheln zerschmelzt das Gelenk
Es scheue euch nicht, die ihr noch unentwegt seid
Dass ich all der Zeit als "vergangen" gedenk

Einen Plan aus den alternden Händen zu geben
Gemahnt mich an die beendeten Leben
Denen ich den Respekt einst aus Habgier versagt
Was mir als dem Nächsten nun nicht mehr behagt

Dies Endlich-an-der-Reihe-Sein
Es reiht sich einer Serie ein
Von neuer Glut auf altem Mut
Durch Zeit, die bald verloren tut

BVG & das sechshunderteinundachtzigste Gedicht

BVG U-Bahnhalt

Berlin an guten Tagen

Berlin an guten Tagen ist
Wie wenn man warmen Honig frisst
Und Musen schmusend danach gieren
Dich, Dichterwicht, zu inspirieren
Für immerdar
Ambrosia
Und Fräuleins
Die an ungestörten
Orten sportlich unerhörten
Wohlgefallen auf dich schwallen
Selbst die U-Bahn empfängt dich mit offenen Armen
Alles spielt hier kokett nach des Zufalls Erbarmen
Ständig geküsst von Laternenschein-Milde
Schnurrt die Nacht um den Tag
Und die Nacht ist 'ne Wilde

Doch von dir werd ich immer gezwungen zu sagen
Wie Berlin ist an wen'jer gelungenen Tagen

Nun,
Nicht so gelungen. Aber das dann mal richtig!
Nur drei Tage später ist's auch nicht mehr wichtig

Karl-Marx-Allee & das sechshundertachtzigste Gedicht

Karl-Marx-Allee

Ich bau' dir ein Schloss

... ans Ende der Karl-Marx-Allee!
Wär' das nicht der aller Entrées ihr Entrée?
Ein jeder käm' uns noch von sonstwo entgegen
Um nur einmal sich dortlängs hinfortzubewegen
Alles pro Promenieren und Boulevardieren
Per flachem Flanieren dem Trott trottoiren

Und halt manchmal auch einfach nur gradwegs spazieren

Mit Upgrade-Gezwirntem mittenmang
Wer sich geh'n lässt, ergibt sich dem Droschkenzwang
Hei, da grüßt schon recht stramm die Strausberger Garde
Man hält sich an Restkandelabern gerade
Und im bersteinrostgoldenen Lichtergewühle
Beschleichen uns schlendernd noch Torschluss-Gefühle

Da fühlt sich der Streuner wie ein Burgherr in spe
Auch wenn hier kein Schloss steht – Kerl, wat'n Entrée!

Herbsterben & das sechshundertachtundsiebzigste Gedicht

Herbstlaub

Ein Letztes

Dieses Feld trägt noch immer die Sonne
Doch es hat sich im Kopf schon getrennt
Es strahlt in der üppigsten Wonne
Die sich in sich selber verbrennt
Noch wabert die fröhliche Zeit
Im frecher fröstelnden Dunst
Schon greift vom Waldrand aus weit
Des Winters grobe Kunst
Der malt ohne Farben
Schon löscht er, was bunt
Wir jedoch haben
Noch ohne Grund
Angst ums Jetzt - es
Hält sich matt
Manch letztes
Blatt

Tate Modern & das sechshundertsechsundsechzigste Gedicht

Tate Modern

666

Lass unsrer Körper Rohheit noch weiter vergröbern
In Stumpfheit und Dumpfen akribischstens stöbern
Unsre Eintönigkeit soll vernichtender wüten
Und fortwährend nur das Entsetzlichste brüten

Uns verfinstert die Schwärze von Abgrund und Fäule
Das Schnauben der apokalyptischen Gäule
Wir woll'n rücksichtslos jedweden Zustand zerstören
Und uns dem Ruin wie dem Abgrund verschwören

Unser katastrophales Dahinvegetieren
Wird tödliche Unruhe kontaminieren
Und den tödlichen Wahn, auf dem lässig wir gleiten
Besprenkeln bald Gehässigkeiten

Wir sind von neuem Unglück erschütterte Wesen
Von Qualen und Fürchterlichkeiten erlesen
Anstatt zerbrechlich woll'n wir nun verbrecherisch sein
Und Widerwärtigkeiten spei'n

Von verzagenden Balken ward unlängst berichtet
Die grundlos von Armut zugrunde gerichtet
Man beklagt sich bei uns sichtlich entrüstet: "Warum?"
Drum.

Ammersee Südspitze & das sechshundertsiebenundfünfzigste Gedicht

Ammersee Südspitze

Der Kuss

"Hilf mir! Hilf!", rief's aus dem Schilf
"Ich bin 'ne verwunsch'ne Milf!
Nur ein Kuss kann mich erlösen
Von dem Fluch, der einem bösen
Zauberer dereinst entfuhr!"

Ich besann mich, rief retour:
"Böte ich um deiner Nöte
Meine Lippen dar dir, Kröte
Wäre es nicht nachgerade
Um den raren Zauber schade
Der dem Ufer innewohnt?

Wie würd' uns solch Schritt gelohnt
Sagte ich: 'Okay, da helf i!'?
Zur Erinn'rung gäb's ein Selfie -
Doch beraubt wär dieser Platz
Um den insgeheimen Schatz!"

Und leicht mäulig durchheulte die Halme ein Wind ...
Doch wir wissen jetzt, wo wir uns finden, mein Kind!

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