Einakter

Alles, was die zwölf Zeilen überschreitet - aber auch noch nicht an die Länge der Slamgedichte/die Vortragsdauer von drei Minuten (oder mehr) heranreicht.

Castel San Pietro & das eintausendvierte Gedicht

Blick auf Castel San Pietro

Die aufgegebene Fabrik

Die aufgegebene Fabrik
Flüstert immer noch Worte wie Kapazität
Auslastungsgrad oder Marktpotential
All die Willenskraft schwebt im Jahrhundertaspik
Und gerät in die Strömung vom Nu-is-egal

Des Gebäudes Geschichte ist längstens geschrieben
Und ein Mörtelstrang ragt aus der Wandnostalgie
Die Arbeit ward aus den Maschinen vertrieben
Und harrt auf den Neustart - ich wüsste nicht wie

Geschulterte Vermächtnisse
Ruh'n in unsteten Schreinen der Handlangerei
Untradiert über ein Handmanual
Doch die Fertigkeit stummer Gedächtnisse wiegt
Nur im Hain alter Mauern noch resthaft real

Wie den Eifer und Schliff noch im Guten vergeuden?
Allen Unterschied, den bald schon niemand mehr merkt?
Du wirkst für die Aura von toten Gebäuden
Und wirst von den Damalssekunden gestärkt

London revisited & das neunhundertvierundneunzigste Gedicht

In der Tate Modern

Todschick

An der Schwelle zum Alter empfing mich der Tod
Mit "Kann ich Ihnen behilflich sein?"
In der Fremde oft schnell in Erklärungsnot
Gelang mir zur Antwort ein griffiges "Nein,
Ich schaue mich vorerst hier nur etwas um."
(Und brauch dazu kein Publikum!)

"Aber gerne!", entgegnete denkbar devot
Und von Dienstleistungseifer beseelt
Der fortan nicht mehr von mir weichende Tod
"Sie melden sich, wenn Ihnen irgendwas fehlt?
Wir hab'n jede Krankheit von Krebs bis Katarrh
Auch noch in andren Größen da!

Und ich weiß ja, man zögert es gerne heraus
Auch Ernsthaftes mal zu ertragen
Doch schlussendlich ist's ja für viele im Haus
Die letzte Chance etwas zu wagen!
Das Leben ist kurz - heißt das elfte Gebot!"
Bekräftigte nochmals wie freundlich der Tod

Und obschon ich ihn anfangs mit Argwohn beäugt
Fühlt' ich mich auch etwas geborgen
Er hat schon Millionen von sich überzeugt
Und erlöst von der Last aller Sorgen

Also ging ich zur Probe
In seine Garderobe
Nahm mir das nächste Stück und fand
Dass dieses mir schon prächtig stand
Wie jedes Stück der Kollektion -
Das ist vielleicht des Alters Lohn

An der Schwelle zum Alter empfing mich der Tod
Und machte mir ein Angebot
Mir war bis dato gar nicht klar
Wie nahe ich ihm da schon war

Davos revisited & das neunhunderteinundachtzigste Gedicht

Davos Parsenn

Das Hoch

Noch brennt uns der Sommer ins Narkosement
Doch wir können das Wetter nicht halten
Nur loses Gewölk bandagiert den Verstand
Der Blick in die Sonne wirft Falten

Es sei unsre Welt seit Äonen geheilt
Heißt feist uns der Trägheit Versprechen
Der Nachschub wird uns in den Mund abgeseilt
Wen scheren da künft'ge Gebrechen?

Noch dümpelt der Zweifel von nirgendwo her
Es zerdrückt ihn die Schwere der Hitze
Wir fläzen uns bäuchlings zum Durchgangsverkehr
Verarbeiten all das Geschwitze

Die Sonne brennt uns in narkotisches Glück
Als vergäße die Welt sich zu drehen
Die Temperatur findet immer zurück
Und bleibt gern an Nullpunkten stehen

Chicago revisited & das neunhundertsechsundsiebzigste Gedicht

Chicago Straßenflucht mit U-Bahn

Ripostegedicht zu "Erinnerung an die Marie A." von B. Brecht

Erinnerung an den Bertolt B.

Es war nicht September, er war auch kein Sommer
Auch war er zu sehr in sich selbst verliebt (Komma)
Um mir irgendnäh're Beachtung zu schenken
Da musst er die Fakten in Lyrik ertränken

Nie war ihm all das Angefasse
Nur Fron triebgesteuerter Profanität
Alles half der Befreiung der Arbeiterklasse
Die ihn angeheuert als Verse-Athlet

So bölkte er, als er mein Höschen entfernte
"Bauer auf, zur Pflaumenernte!"
Bei dem Brecht-Techtelmechtel erkannt ich zu spät
Seinen Fetisch proletischer Fertilität

Sieben Kinder!? Bertolt, ernsthaft: sieben!?
Es ist wie erwartbar, bei einem geblieben
Denn mehr gab trotz Geschlechtsverkehr
Mein Job als Stewardess nicht her ...

Oh, ich wär ihm als Näherin lieber gewesen
Ein Zwangslieferant sozialistischer Thesen
Unser Liebesnest hat er dann ländlich geschildert
Und mit einer Wolke noch schwülstig bebildert

Nun, das einzige Luftspiel - ich erwähn es mal kurz
War ein mir beim Geschlechtsakt entglittener Furz
Über den, lacht' er, müsst' er doch irgendwas schreiben ...
Damals hoffte ich noch, Bertolt, du ließest es bleiben!

Oasen & das neunhundertsiebzigste Gedicht

Bergflora

Substrat des Überragenden

Tödlich grau
Im Nahbeschau
Ist der Fetisch
Majestätisch
In die Höhe rag'nder Gipfel
Sehr gewöhnlich
Zeig'n die Höh'n sich
Als von kleinen
Schottersteinen
Üppigst überstreute Wipfel

Die fanden sich schon auf den Straßen
Eh unsre Lust auf Höh'n entfacht

Wie oft hat das, was wir besaßen
Ein neuer Standpunkt schön gemacht

Streifengnu & das neunhundertzweiunddreißigste Gedicht

Streifengnus im Etosha Nationalpark

Solidarität

"Und sahet ihr auch Gnus?" "Fürwahr,
Auf unsrer Fahrt durch Afrika
Da sahen wir auch Gnus!
Und das in wahrlich großer Zahl!
Auch blieb es nicht bei einem Mal ..."
"So oft sahet ihr Gnus?!"
"Naja, wir hatten kein Wahl!
Den meisten sind ja Gnus egal -
Drum wundert fast Ihr anormal-
Es Fragen nach den Gnus?!"
"Ja, wissen Sie - ich bin so einer
Nach dem fragt für gewöhnlich keiner
Drum solidarisier' ich mich
Mit einem Tier, das so wie ich!
Dann frag' ich das Unfragenswerte
Grad so, als ob es mich was scherte."

Wasserbock & das neunhunderteinunddreißigste Gedicht

Wasserbock in der Auas Lodge

Begegnung im Busch

Starr
In War-
Teposition
Regungslos erregt
Steh'n
Wir konzentriert auf's Seh'n
Ob sich was bewegt
Ich fixier'
Das fixe Tier
Und werd' zurückfixiert
Bis ein Zuck
Vom Atemruck
Sich ins Bild verirrt
Der die Spannung seitwärts lenkt
Und das Tier nach links versprengt

Dennoch wurden heute hier
Für der Augenblicke vier
Von uns zwei jäh Aufeinandergeprallten
Alle Uhren angehalten

Potsdamer Platz & das neunhunderteinundzwanzigste Gedicht

 Potsdamer Platz

Potsdamer Platz (und ein, zwei Gedanken über eine Namensänderung)

Potsdamer Platz, Potsdamer Platz
Auf dich reimt sich eig'ntlich nur Kotzalarm, Schatz!

Wie: "Ach, da schau ma' her, hey - das wusst' ich ja nich!"
Mensch, Platz, dafür braucht's auch 'nen Dichter wie mich
Wie: "Toll, aber fällt dir nichts Schöneres ein?"
Nun, Kotzalarm, Schatz! kann so schlecht ja nicht sein
Impliziert doch der Reim: Da sind zwei, die noch fighten
Für die Liebesbeziehung in schwierigen Zeiten

"Mein Zielpublikum wird das wohl nicht so versteh'n ..."
Dann müssen wir beide am Endreim was dreh'n

Hier kommt schon Teil Zwo: Gib Pföt'gen, Schatz!
Und dich, dich nenn'n wa Klötgen-Platz!

Einverstanden? "Ja, ok!"
Ich glaub's, wenn ich die Schilder seh'...

Kulturforum & das neunhundertzwanzigste Gedicht

Kulturforum und Potsdamer Platz

Spaghettieis (Die Konstanten des Lebens)

Ein Teil deines Zaubers ist die Profanität
Wenn nach lustlosem Scannen der Eisbecherkarte
Vorm "Ach, das klingt auch lecker!" klar wird: Zu spät!
Denn bevor ich auf eigne Entscheidungen warte
Heißt es: "Einmal Spaghettieis - ganz normal!"
Drei Sorten zur Auswahl - klar, weiß ich, egal!
Inmitten von hunderten Fruchtkreationen
Die sich schon allein ob des Obstwertes lohnen
Brütet kühl jener Standard ganz ohne Verkleidung
Und die Wahl, die auf ihn fällt, ist keine Entscheidung

Will: Dieses fädrig verwob'ne Vanillegekräusel
Unter erbeerversüßendem Saucenbehang
Und den weißschokoknackigen Fettzuckerstreusel!

Ein mit meiner Kindheit verknoteter Zwang

Und auf dem Grat zum Ewig Gerne
Genieß ich, dass die tief im Kerne
Eis geword'ne Sahne is
Schon von der Haptik Leckerbiss!

Doch ahn ich wohl, dass eines Tages
Sitz ich in 'nem Café und wag es
Am Standard vorbei etwas andres zu wählen

Fortan wird auch dort dann die Auswahl mich quälen

Salzach & das neunhundertneunzehnte Gedicht

Salzach bei Burghausen

Ripostegedicht auf das Liebe-Brauen-Blumen-Ghasel von Hafis

Ohne Titel

Mir wird so blumig
Wenn beharrlich
Deine Wimpern klimpern
In einem Bett aus Blütenblättern
Wär's jetzt schön zu p....
Nein, also bitte, das sag ich jetzt nicht!
Wozu willst du mich denn da zwingen, Gedicht!?
Ich wollte mit Versen auf Daunenpantoffeln
Bloß morgentauzärtlich betropfen
Was von Blütenstaubstempeln zu Früchten gereift
Im Wunsch, meine Liebste zu st...
Ach, Mensch, dieses Reimen bringt mich noch in Verruf!
Aber das bin nicht ich, der solch Anstöße schuf!
Ich wollt' nur leis preisen
Die Brauen der Braut
Gleich dem Flockengewölk unterm stahlblauen Himmel
Und mit meines Schöpfers unendlicher Gnad
Frohlockt nun mein vorfreudigst bebender ...
Ach, vollkommene Ruh - da ich neben dir döse
Benebelt vom rosigen Duft deiner ...
Ich will Schwüre in Rinden
Von dir schwärmend ritzen
Und unentwegt mit Sper... spr... ...

Warum nur trifft heut meine Reime
Die volle Wucht der Unzuchtkeime?!
Ich hatte ja wirklich nur Reinstes im Sinn!
Alleine der Reim trieb mich immer wo hin!

Nun füg dich meiner Absicht, du schlimmes Gedicht
Benimm dich gefälligst - sonst schreib ich dich nicht!

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