Dutzendzeiler

Poor Man's Paradise & das vierhundertneunundachtzigste Gedicht

Rincon Playa

Zurück am Entstehungsort meines Gedichts "Hinten im Korn" - elf Jahre später.

Die Saat

Ich hab mich elf Jahre vom Kornfeld ernährt
Nun kehr' ich zu den Ähren zurück
Manch Saatgut hat sich ohne Frage bewährt
Doch da scheint mir noch Spielraum zum Glück

Das Kornfeld ward unlängst ein Teil vom Ressort
Dass kein Schwede hier weilt, ist ein Fakt ohne Ziel
Die Mähdrescherkunst brachte manches hervor
Ich vermiss' nicht mal selbst mehr den fehlenden Stil

Bevor wir uns willig im Reststroh verlieren
Aus reiner Folklore die Blickwinkel wenden
Ruft der Ort: "Alles fertig zum Umorientieren!"
Um all das Gemähe nun auch zu beenden

Ich hab mich elf Jahre vom Kornfeld ernährt
Doch nun ist die Saat wirklich restlos verzehrt

Jardín Botaníco Lankaster & das vierhundertneunundfünfzigste Gedicht

Jardín Botaníco Lankaster

Von Diven und Dienern

Beim Anblick der Pracht in botanischen Gärten
Mag sich wohl bei manchem der Eindruck erhärten
Der Natur Gestaltungskraft
Sei doch eher stümperhaft

Denn erst durch der Menschenhand fördernde Güte
Gelangt so ein Pflanzbestand wirklich zur Blüte

Mit dem, was wir da kultivieren
Darf sich dann die Natur verzieren
Die selbst ja nur das Wuchern kennt
Nicht zwischen Wuchs und Unwuchs trennt

Es könnt' ihre Schönheit doch gar nicht besteh'n
Würd' sie nicht auf unsere Baumschulen geh'n

San José & das vierhundertvierundfünfzigste Gedicht

Fremd hier!

Ständig ruft die Stadt mir zu:
"Oller Stubenhocker, du!
Wir schwurbeln rum im Trubelzwang
Und du, du streunst nur stumm hier lang!"

Gelingt's mir noch, mich auf die Gassen
Gar auf die Gässchen einzulassen?
Die Auslagen sind ...interessant
Zum Einstieg viel zu unbekannt
Und letztlich schafft die fremde Sprache
Fast mätzchenhaft 'ne Zugangsbrache

Und doch - das wird sich integrieren
Einfach immer reinspazieren...!

Leaving Liechtenstein & das vierhunderteinunddreißigste Gedicht

Vaduz Städele

Liechtenstein

Bist ein Hort von Schokoladenseiten
Mit 'nem durchgangsverkehrten Pain in the Ass
Und Horden von Japanern gleiten
Von "Willkommen in Liechtenstein!" bis zum "Das war's."
Und stößt du auch ständig an deine Grenzen
Dazwischen spielst du Zampano!
Tust tausend Museen und Skulpturen kredenzen
"Das muss doch teuer sein ...?!" "Iwo."

Land der Bauern und Bänker und protzigen Kirchen
Bist eigentlich ja nur ein Tal ...
Deiner Sorglos-Gelecktheit gedenk ich beim Bierchen
Als drohte ein "Es war einmal ..."

Ganges & das vierhundertzweiundzwanzigste Gedicht

Pilsen

Die Schönheit des Ganges

Hallöchenpopöchen, Ihr Götter da droben
Ich meld' mich, die Schönheit des Ganges zu loben:
Die grazile Gazelligkeit schreitender Beine
Der Damenbesetzung vom Straßenballett!

Mich treibt nicht der Geifer nach Fleisch - nur der reine
Augengenuss eines "Guck mal, wie nett
Flaumige FlaminGo-Go-Mädchen
Raumüberwindend durchstelzen dies Städtchen!"

Da, ein Knie federt wadenwärts über das Pflaster!
Und der Hüftschwung verglüht als in Backen gefasster
Betörend die Böden bezuckernder Guss ...

Nach dem ihr benanntet 'nen indischen Fluss!

Leere & das vierhundertneunzehnte Gedicht

Prowinz

Die wenigsten Autos fahr'n abends umher
Und die wissen auch nicht, warum
Ein Mindestmaß an Stadtverkehr -
Das muss wohl sein - Brummbrumm!

Die wenigsten Menschen sind jetzt noch zu seh'n
Und die wissen auch nicht, wohin
Und wenn niemand hinsieht, dann bleiben sie steh'n
Und wispern: "Macht eh keinen Sinn ...!"

Fast jede Uhr lügt, es sei grad erst halb sieben
Ich fühl mich wie von einem Jetlag zerrieben
Will wenigstens noch'n Gedicht drüber schreiben

Doch dann sag ich sachte mir: Komm, lass es bleiben!

Bodensee & das vierhundertsechzehnte Gedicht

Bodensee bei Bregenz

Gute-Nacht-Lied für alte Kinder

Deine Stimmungsverwandten sind ausgewandert
Und der Aufruf zum Wandel plakatiert jede Wand
Trotz Verständnisnot hast du bald angebandelt
Klagst: "Das Schicksal hat jeder mal selbst in der Hand!"

Der Normalfall erstrahlt ob der neuen Gestaltung
Scheint nach Abblendung fast ganz der Alte zu sein
Dennoch lässt sich der Abtransport nirgends mehr halten
Und irgendwer macht sich mit Allen gemein

Nur du giltst im Kern solidarisch verdächtig
Und ertappst dich am Abend verhaltensallein
Du strampelst dich ab, summst dann stark übernächtigt:
"Schlaf, mein alterndes Kindchen, schlaf ein!"

Basler Münster & das vierhundertneunte Gedicht

Basler Münster

Altlasten

Ich bück und verdrück mich zur Neutralität
Vom ewigen Hassen zu lassen!
Da sperrt sich ein Brustton und munkelt: "Zu spät!
Mich foltert, wenn Dinge nicht passen ...

Und Du Depp hast mich damals als Don adoptiert
Um Dein Denken mit nötigem Pep zu versorgen!
Nunmehr schaltest Du trendig auf desint'ressiert
Weil nur Uncoole sich noch Verlässlichkeit borgen?!

Auch in alle Eide verleugnender Zeit
Belege ich träg Deinen Rücken
Und stehe für Zeugenaussagen bereit -
Du kannst Dich nicht einfach verdrücken!"

Dortmund & das vierhundertvierte Gedicht

das Dortmunder U

Jajuwidu

"Ein U ist auf dem Dach dort!" "Ach -
Warum - weshalb - wozu?"
So frachte ich nach
Und ein Engländer sach-
Te: "It's a you wie du!"
Ja, ju wie du - ja, ju wie du
Da jubelten wir zwei uns zu
Und unter uns schäumte vergessenes Bier

Von der Sehnsucht nach Fässern erstrahlt: das Revier
Dort der Mond, dort das Dortmunder U
Beide formen ein Lächeln - nur niemand sieht zu
Ja, ju wie du - ja, ju wie du ...

Zurück im Englischen Garten & das vierhundertste Gedicht

Englischer Garten

Das Stuttgarter Wundenlecken ist vollzogen. Man zieht wieder durch die herbstige Hood. Und vollendet die vierte Hundert!

Der Plagegeist (Ein Verdachtgedicht)

"Das war ich nicht!"
Mault dies Gedicht
Und plärrt noch kindlich:
"Immer ich!"

Doch woher kommt die Traurigkeit
Die wild verstreut im Zimmer liegt
Und dieser Sack verlorner Zeit
Der massiger als Schwermut wiegt?

Wer hat die zwei Fell von der Leine gelassen?
Wer hat vor die Einfahrt den Grübel geladen?
Wer billigte willig das sinnige Prassen?
Wer naschte vom Melancholateralschaden?

"Ja, ich doch nicht!"
Spricht dies Gedicht
"Verdächtige nich
Immer mich!"

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