Dutzendzeiler

Strauß & das neunhunderteinundvierzigste Gedicht

Vogelstrauß an der Ausers Lodge

Vogelstrauß

Natürlich fliegt der Vogelstrauß
Und sieht dabei viel nobler aus
Als Biologen ahnen

Doch zieht er bislang unentdeckt
Und wissenschaftlich inkorrekt
Am Himmel seine Bahnen

Wenn er die Stummelflügel weitet
Und lügnerisch durchs Umland gleitet
Zerrüttet er als "wenig klug"
Das Wissen übern Vogelflug

Und weil das auch die Lehre checkt
Bleibt solche Flugkunst unentdeckt

Berliner Sommer & das neunhundertzweiundzwanzigste Gedicht

Berliner Sommer am S-Bahnhof Landsberger Allee

Berlin kann kein Sommer

Berlin ist im Sommer immer so hilflos
Und sieht dabei oft scheiße aus
Stolziert dann umher wie'n williger MILFschoß
Und pfeift sich selbst nach: "Heiße Maus!"

Hier dörrt jeder Grashalm 'n Spürchen zu schnell
Und verkleidet sich manch Mensch zu mutig
Hier staubt hohle Wärme 'n wenig zu grell
Ist das Grillgut ein bisschen zu blutig

Bei brüllendster Hitze wird romantisiert:
Diese Stadt macht aus uns Sukkulenten!

Berlin kann kein Sommer - dein Touristguide irrt
Diesen Kram glaub'n hier nur die Studenten

Thun & das neunhundertsiebzehnte Gedicht

Thun

Auf früher vertrauteren Straßen

Auf früher vertrauteren Straßen
In alten Gedanken zu geh'n
Erkennend noch, was wir vergaßen
Geblendet vom Zwischengescheh'n

Und stolpern wir über die Brüche
Mit denen uns Schicksal verdaut
Geleiten uns traute Gerüche
Und Blutbahnen unter der Haut

Doch es sinkt immer stärker ins Schwinden
Das Gefühle, man kehre zurück
Zu winzig wird das, was wir finden
Zu spurlos das kindliche Glück

Schöner Brunnen & das neunhundertneunte Gedicht

Schöner Brunnen in Nürnberg

Die Überzeugten

Voll Verhängnis bergen Schatten
Ohnehin verlor'nes Sein
Und es dringt die Flut der Ratten
Durch das Tor des Zornes ein

Satt umrülpst sie die Empfängnis
Schlingt die Brut in einem Rausch
Und ihr Wille wird Gefängnis
Zielgewissheit lenkt den Tausch

Längst rückt mit gezückter Sichel
Blutgeschwärzter Mondschein ein
Meuchelt Zweifel wie Gestichel

Später auch die Engelein

Ernte & das neunhundertste Gedicht

Frühlingsgemüse

Was ist Liebe?

Was ist Liebe?
Das ist ein dreiviertel Body
Der sich autonom nennen muss

Was ist Liebe?
Das ist so 'ne zweidrittel Party
Ist "Geht ja auch ohne dich, irgendwie"-Stuss

Was ist Liebe?
Das ist etwas, das sich mächtigstens wehrt
Wenn wer's mit Gedichten so schmächtig entehrt

Was ist Liebe?
Ein Austausch von traulichen Blicken
Ein Bau aus verstetigtem "Komm, lass ma ficken!"

Traumstadt & das achthundertdreiundneunzigste Gedicht

Ulm von oben

Riposte-Crossovergedicht zu Heinz Erhardts "Ein Naßhorn" und "In der Traumstadt (Lächeln)" von Peter Paul Althaus

Horn und Sporn

In der Traumstadt ist ein Nashorn stehengeblieben
Niemand weiß, wem es gehört
Und beim Versuch es fortzuschieben
Hat ein Polizist sich die Schulter gezerrt

Und das Nashorn weiß gar nicht, wie viel es gewogen
Bevor es nach Schwabing gekommen
Doch es hat hier, nachdem's durch die Kneipen gezogen
Wohl deutlich noch zugenommen

Langsam stapft es nun von hinnen
Trotz der Masse: leicht verstört
Will als "Ansporn" neu beginnen
Weil's sich quasi gleich anhört

39 Schilfwurzelkittel & das achthundertvierundachtzigste Gedicht

Wein in Kaltern am See

Mein Lächeln

Nur weil dein Mund die volle Berechnung behaust
Werd' ich nicht mit den Lächelnden brechen
Nur weil du mit dem Zahngold die Süchtigen laust
Löse ich nicht die alten Versprechen

Ich werd' das Mimetische kritisch studieren
Und ich weiß ja durch dich, was nicht echt ist
Werd' andere Falschheiten falsch eruieren
Beteuern, dass mir es so recht ist

Ich werde unsre Parkkulissen
Nicht irr wie ein Jagdhund durchhecheln
Ich werde manch Trug im Grün einsehen müssen
Kopfschüttelnd seufzen - und lächeln

21 Frühlingsmoder & das achthundertfünfundsechzigste Gedicht

Stuttgart Killesbergturm

Euphorbia

Hat der Fuchs in dir wieder mal Auslauf, Schatz?
Denkst ja nur noch ans Königinrammeln!
Ist so mucksmäuschenstill auf dem Kriegsschauplatz
Wo die Stoßtruppboys langsam vergammeln ...

Schnall dich an, bevor du die Glückspillen nimmst!
Hail, Himmelfahrtskommando!
Dir wird von der Höhe, in der du grad schwimmst
Der Pimmel ganz hart, Orlando!

Der einzige Stress ist die Ruhe vorm Sturm
Die Detailanalyse vom Ahnen
In steter Habachtstellung leuchtet der Turm
Und alles nimmt stur seine Bahnen

18 Spindseligkeit & das achthundertzweiundsechzigste Gedicht

Ruhpolding Rathaus

Statt Laminatlamentos

Ich glaube, dass heut' sich der Raufaseranstrich
Für dich als Erlöser entscheidet
Und dass auch der Estrich - getreu lächelnd - sich
Am Schein deiner Göttlichkeit weidet

Du formulierst immerfort schnuckelig scharf
Du erklärst dieser Welt eloquent, was sie darf
Du hast dir für uns eine Meinung gebaut

Vom Baumarkt murrt einsam der Lagerbestand
Ich glaube, den dauert das Warten

Allein, all mein Glaube ist irrelevant
Nur du wandelst Worte in Taten
Und hast als Polier dich mit Allmacht betraut

14 Sonnenblumenbrummen & das achthundertachtundfünfzigste Gedicht

Ruhpolding Frühlingsblüte

Lehrerinnen

Ach, all die süßen Lehrerinnen!

Die mich einst komplett von innen
Vorteilhaft gen klug gepimpt
Erklärt, wie ein Gedanke stimmt!
Die, gleichwie wie nah wir uns kamen
Doch immer erschienen als ältere Damen

Ich kann ihr So-knapp-um-die-30-rumschleichen
Erst heute als schmackhafte Beute begreifen
Aber sie hab'n die Kluft gleich als füllbar gecheckt
Mit all ihrem Wissen, das tief in mir steckt
Und sie formt von einst kindlich zu reiflich Verehrten

Vielleicht war es das, was sie eigentlich lehrten

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