Wasser

Verse für die Phlegmatiker, denen man Wasser, Winter, Nacht, Baby- und Greisenalter zuordnet.
Die beschreibenden und erzählenden Gedichte.
Von der Naturlyrik bis zu allen Längenvarianten der Ballade.

Sollte Ihnen ein hier eingereihtes Gedicht eher den anderen Kategorien Erde, Luft oder Feuer entsprechen, bitte ich, mir eine Nachricht über www.hirnpoma.de zukommen zu lassen!

Stirnlappenbasilisk & das vierhundertvierundsiebzigste Gedicht

Stirnlappenbasilisk

Wem man so alles beim Spaziergang begegnet. 1a-Drache.

Von Rittern und Drachen und bitteren Fakten

Was Ritter so für Sachen machen
Eh sie in der Drachen Rachen
Zerknittert ihren Geist aufgeben?

Nun, halt Ritteralltagsleben:
Malen, lesen, Fahrrad fahren
Sich mit 'nem Prinzesschen paaren
Nach 'nem Kompliment erröten
Und verlier'n beim Drachentöten

Alsbald war die Ritterschar
(Mittelgroß und nachwuchsrar)
Derart kritisch dezimiert
Dass sich ihre Spur verliert

Die Sprache der Drachen kannte zu jener Zeit
Kein "Achtet doch mal auf die Nachhaltigkeit!"
So dass die Vorratsunbewussten
Elendig verhungern mussten

Es gab in diesem frühen Spiel
Von zweierlei gleich viel zu viel:
Vom ritterlichen Wagemut
Und von der Drachen Abschlachtwut

Und so gehör'n seit langer Zeit
Auch beide zur Vergangenheit

Puerto Viejo & das vierhundertneunundsechzigste Gedicht

Salzstreuer

Länder, in denen der Salzstreuer bockt
Haben die richtige Feuchte
Die sorgt dafür, dass alles Rieseln verstockt
Das sich ob der Streulöcher deuchte

Doch jedes Loch ist zugeklebt
Wie rüttelnd und schüttelnd man auch danach strebt
Die eben servierten huevos zu würzen

Es lässt sich der Vorgang insoweit verkürzen
Dass man des Streuers Schraubverschluss
Zwecks Pökelung benutzen muss
Um dann mit seinen Fingerspitzen
Zwei, drei Kristalle zu stibitzen
Die zugedeckt von altem Reis
Der darlegt, dass man durchaus weiß
Ob hiesigen Kränkelns vom Streuergerät
Aber hier geht's vor allem um Identität:

Denn immer, wenn der Streuer bockt
Bist du in einem von wenigen Ländern
In die uns ein Stück Paradiesnähe lockt

Weshalb sollt' da irgendwer je was dran ändern?

Wo die Sinne mit all ihren Züngelchen schnalzen
Erträgt man sein Rührei auch leidlich gesalzen!

Hörnchen & das vierhundertfünfundsechzigste Gedicht

Costa Rica Eichhörnchen

Wem man so alles beim Spazieren begegnet. (Übrigens auch einem Dreizehenfaultier, aber das Foto ist schlechter)

Faulkatzl

Wer flitzt denn da ins Eichhornloch
Völlig auf Adrenalin?
Der Herr Oachkatz wollte doch
Schon letztes Jahr entzieh'n?!
Du bist du noch immer komplett unter Speed!?
Klar, hektische Flecken are all that we need!

Kannst du dort das Faultier sehen?
Das da hängt an zwei, drei Zehen
Und denkt: "Gott, was macht der da?
Hallo Brudi, komm mal klar!
Man ist eh nie schnell genug!
Sich so hetzen - Selbstbetrug!"

Das ist wie du ein Säugetier
Und deines Absturz' Zeuge hier
So nimm dir zum Vorbild und Ziele je-
Mand aus der Familie!

Jardín Botaníco Lankaster & das vierhundertneunundfünfzigste Gedicht

Jardín Botaníco Lankaster

Von Diven und Dienern

Beim Anblick der Pracht in botanischen Gärten
Mag sich wohl bei manchem der Eindruck erhärten
Der Natur Gestaltungskraft
Sei doch eher stümperhaft

Denn erst durch der Menschenhand fördernde Güte
Gelangt so ein Pflanzbestand wirklich zur Blüte

Mit dem, was wir da kultivieren
Darf sich dann die Natur verzieren
Die selbst ja nur das Wuchern kennt
Nicht zwischen Wuchs und Unwuchs trennt

Es könnt' ihre Schönheit doch gar nicht besteh'n
Würd' sie nicht auf unsere Baumschulen geh'n

Orosital & das vierhundertachtundfünfzigste Gedicht

Orosital

Immergrünus tropicans

Nimmersatte Pflanzen quengeln:
"Regen! Regen!" und "Mehr Licht!"
Drum sagt Petrus seinen Engeln:
"Morgen wieder Extraschicht!"

Es gibt in den Tropen stets doppelt viel Wetter
Es ist auch der Regen hier irgendwie netter

Irazu & das vierhundertsechsundfünfzigste Gedicht

Irazu

The World according to Garland & Mey

Somewhere over the Rainbow und über den Wolken
Ist die Freiheit sich nicht einmal ihrer bewusst
Ganz unbeschwert wird sie hier täglich gemolken

Jemand schrieb auf den Schemel - ironisch -: "Du musst!"

Roland & das vierhundertfünfundvierzigste Gedicht

Roland Bremen

Der Tänzer

Herrmann, mann, frag mich!
Herr, das ertrag ich
Keinen Tanztee länger!
Du alter Rattenfänger
Wie kannst du es wagen
Grad mich nicht zu fragen?!
Wann wählst du mich aus
Als rattige Maus?

Wir lassen's all die andren seh'n
Wenn wir uns dann im Tanze dreh'n!
Wie fiebrig sie schelten
Aus schmerzlich verprellten
Nassen Tanzteephantasien
Die nur als Chance vorüberzieh'n!

"Was schmeißt sich denn die Grande Madame
An diesen Gecken Hermann ran?!
Hat sie denn kein Gramm Stolz im Bauch?!"

Ich muss gesteh'n, so dacht' ich auch

Und denke es vielleicht noch länger
Fragst du mich nicht, du Rattenfänger

Nikolaus & das vierhundertneununddreißigste Gedicht

Isarwehr

Ripostegedicht zu "Knecht Rupprecht" von Theodor Storm, dessen abschreckende und erzieherische Wirkung über die Jahre etwas einzusacken droht.

Magd Knappragd

Magd Knappragd hieß das böse Vieh
Ihr Defizit an Empathie
Empfahl sie schon früh
Als mit echtem Vergnü-
Gen züchtigend prügelnde Knechtassistentin
Obschon 's Gottes Sohn echt krass empfand, wenn sie'n
Sperriges Gör mit dem Schlagring bedrohte
Es hieß: "Bei der Knappragd gibt's irgendwann Tote!"

Wo der Rupprecht sich manchmal das Schlagen erspart'
Blieb die Strafe der Magd immer unverzagt hart
Sie nahm mit ihren ehernen Prügel
Die Unartigkeit wahrhaft stramm an die Zügel
Auch entlockten ihr weder Gejammer noch Tränen
Je mehr als ein zähneentblößendes Gähnen
Geriet auch mancher Schaden groß
Die Magd blieb standhaft gnadenlos

Es müssen, ganz klar, im beruflichen Leben
Grad gewalterzieh'nde Frauen
Selbstlos immer alles geben
Und doppelt hart wie gerne hauen

Doch es mehrten sich erstmals auch kritische Stimmen
Dass der Chor der Schmerzensschreie
Vom schändlich adventlichen Blagen-Vertrimmen
Unser Weihnachtsfest entweihe ...

Jahrs drauf - da war autoritär
Plötzlich nicht mehr populär
So dass Magd Knappragds Boss beschloss
Nicht fortzufahren wie bisher
So sehr man's jahrelang genoss
Der Weihnachtsmarkt gäb's nicht mehr her
Man dürfe die Trends unsrer Zeit nicht verschlafen
Und der Nachfragerückgang an härteren Strafen
Sei so eklatant
Dass man letztlich befand
Im Züchtigungssektor 'ne Stelle zu streichen
Denn eine Kraft würde da allemal reichen
Wenn in dieser Phase der Harmonie
Hier jemand zu viel ist, so sicher doch sie

Magd Knappragd, die ja nücht mehr jung
Verstand sich nur auf Züchtigung
Bald machte man ihr klar, sie war
Nicht anderwärts vermittelbar

So musst', da die joblosen Tage sich jährten
Ihr hartes Herz noch mehr verhärten

Und neue Kinder kam'n ins Land
Gewannen gar die Oberhand
Kaum abgeworfen von den Storchen
Wollten die nicht mehr gehorchen
Knecht Rupprecht, der alleine war
Fühlt' alsbald sich 'nem Burn-Out nah
Er rief: Ey, Christkind, überreiz
Hier nicht die Geschichte vom heiligen Geiz!
Diese Gör'n sind so blöd wie verhaltensstur
Kackfrech, gierig und entgrenzt im Verhalten
Hey, wir hab'n doch grade Konjunktur!
Und die Zeit, einen Stellenausbau zu gestalten
Um dann zu vollbring'n, was die Eltern nicht schafften
Die Satansbräten zu entsaften
Jene vorlauten Paschas mit ADHS
Die quenglig-verwöhnte "ich mag nicht"-Comtesse
Die - so wie DU! - egomanisch verdorben!

Nun, Magd Knappragd hat sich auf die Stelle beworben ...

Sekundenschlaf & das vierhundertsechsunddreißigste Gedicht

Großhesseloher Seeufer

Schlaf im Zug

Es rinnt die verbindliche Mittagsschlafschwere
Ins immergrüne Hirn hinein
Ich taumle in Gedankenleere
Unbeweglich wie ein Stein

Für Sekunden, immer wieder
Senken sich die Augenlider
Und es blitzt ein anschleichleiser
Kurzgeschluckter Appetizer
Der sündig gefüllten Tresore von Schlaf
Die sich halbzertrümmert von Nachholbedarf
Doch erst später öffnen lassen
Zum juchzgestöhnten "Essen fassen!"

Ich trinke derweil einen brüsken Kaffee
Und winke fürs Erste der Wohltat in spe

Bodenseenebel & das vierhundertdreiunddreißigste Gedicht

Bodensee bei Bregenz

Morgennebel

Der See ist über die Ufer getreten
Und lichtstrahlberaubt hört man flüchtiges Beten
Der Anraineralten und andren Gestalten
Die superheldsehnend die Fingerchen falten:

"Ihr, die Ihr das Nichtzuvollbring'nde vollbringt
Schier unüberwindbare Gegner bezwingt
Ihr Verfechter und Rächer des Guten auf Erden -
Mögt ihr uns nicht helfen, den See loszuwerden?"

Doch all die Gebete zerwabern im Nebel
Der dräuend über allem hängt
Der See steckt bedrückend in all dem Geschwebel
Das täglich auf die Ufer drängt

Darunter fleh'n sterbende Seelen: "Mehr Licht!"
Doch nichts dringt nach draußen, der Nebel hält dicht

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