Wasser

Verse für die Phlegmatiker, denen man Wasser, Winter, Nacht, Baby- und Greisenalter zuordnet.
Die beschreibenden und erzählenden Gedichte.
Von der Naturlyrik bis zu allen Längenvarianten der Ballade.

Sollte Ihnen ein hier eingereihtes Gedicht eher den anderen Kategorien Erde, Luft oder Feuer entsprechen, bitte ich, mir eine Nachricht über www.hirnpoma.de zukommen zu lassen!

Im Reichstag & das sechshundertzweiundneunzigste Gedicht

Berliner Reichstag

Dem dolcen Feudel

Per Schlange fädelt man sie ein
Metalldurchdoktort komm'n'se rein
Von Luftboys werd'n'se aufgezogen
Verwendelt und im Schritt gebogen
Kreisenhaft aufs alte Haus
Kaum sind'se drin, schon schau'n'se raus

Vom Reichstag verkuppelt
Janz eene Wolke

Trau'n zu, dass der Bau hält:
Dem deutschen Volke

Der Berliner Neptunbrunnen & das sechshunderteinundneunzigste Gedicht

Der Berliner Neptunbrunnen

Nichtstun und Neptun

Um mich vom Nichtstun auszuruhn
flaniert' ich heut zu Neptuns Brun'n

Kandiert von Kalk und Grünspans Zier
hockt ungeduscht im Muscheltier:
Neptun. Und wartet aufs Waten im Zufluss
(man weiß nich', wassersonsso als Wassermann tun muss ...)
spricht ein Machtwort an die Kinder, die sich um ihn gruppieren
"Nich' Schuppen hier – die überlasst ihr den Tieren!"

Vom Erdgeschoss her reckt sich ringsum Reptil:
Schildkröt', Schlang' und Krokodil
Fehlt zoologisch noch 'ne Echse
Dann guck'se nach und wat entdeck'se?

'n Seehund. Hinterm Neptun und
denks': Was'n da der Hintergrund?
und andrerseits: Is' doch mal schön –
so ohne Grund 'n Seehund seh'n!

Einmal um Neptuns Brunnen rennen
kann man nu' auch nich' Nichtstun nennen
Ich wünsch' (mein Tagwerk ist erbracht)
'ne schlecht gereimte Gute Nacht!

Most Legií & das sechshundertvierundachtzigste Gedicht

Most Legií

Gaslight

Die Dämmerungswärme der Straßenlaternen
Gilbt sich über Brücken in streunende Gassen
Es befähigt zum Ära und Aura Erlernen
Entgangenen Zeiten ins Antlitz zu fassen
Und jedem Laut stiehlt es die harten Facetten
Und befiehlt der modernen Welt nichtig zu sein

Es wird eine steinalte Nacht in sich betten
Als ein ewig ins Früher gerichteter Schein

Prag 2017 & das sechshundertdreiundachtzigste Gedicht

Prag Moldau Karlsbrücke

Die Moldau

Die Moldau ist ein schmiegsamer Fluss
Und ein Prager Behaglichkeit förderndes Muss
Ist ein mild dem Flaneur zugeneigtes Entrücken
Das ihn verführt zum Brückenpflücken
Jedes Nichts wird zum Ufer und pflegt den Verlauf

Und kurz hinter Prag hört der Fluss wieder auf

Herbsterben & das sechshundertachtundsiebzigste Gedicht

Herbstlaub

Ein Letztes

Dieses Feld trägt noch immer die Sonne
Doch es hat sich im Kopf schon getrennt
Es strahlt in der üppigsten Wonne
Die sich in sich selber verbrennt
Noch wabert die fröhliche Zeit
Im frecher fröstelnden Dunst
Schon greift vom Waldrand aus weit
Des Winters grobe Kunst
Der malt ohne Farben
Schon löscht er, was bunt
Wir jedoch haben
Noch ohne Grund
Angst ums Jetzt - es
Hält sich matt
Manch letztes
Blatt

Kochelseesteg & das sechshundertsiebenundsiebzigste Gedicht

Kochelseesteg

Rosen

Es ist, einmal enttarnt, der gewöhnlichste Duft
Nur er schlüpft als exotisches Ahnen
Und verfolgt deine Sinne als zähester Schuft
Er verhöhnt deine Freude als zahnen-
Des Sehnen nach etwas mehr Orient und so
Auf leicht zu becircendem Glaubensniveau
Dass du, Haremsberechtigter, schlürfst erste Dosen ...

Doch all dein Verlangen begnügt sich mit Rosen

Themseufer & das sechshundertachtundsechzigste Gedicht

Themseufer

Das englische Englisch

Und die Sprache in Reinform trägt noch immer Melone
Sie wirkt wie in tausend Krawatten gesteckt
Pfeift auf alle Blasiertheit - doch tut's auch nicht ohne
Das Restweltparlieren scheint hilflos verdreckt

Nie emporte sich jemals ein Rückgrat so aufrecht
Kein Königreich führten mehr Fährten zum Wort

Doch im hintersten Kneipenraum gibt man sich rauf-echt
Und stampft über manch Pietäten hinfort

Septembertiefe & das sechshundertvierundsechzigste Gedicht

Am Ammersee

Unter Stürzenden

Die Luft ist hier ein Kilo schwerer
Die Nächte fast elfmal so kalt
Hier zieht noch der Flächenbeteerer
Den Hut vor dem dräuenden Wald

Der Pfarrer fragt uns, wo es weh tut
Wir werden von jedem gegrüßt
Sind Brüder und Schwestern in Demut
Und haben für all das gebüßt

Wir schmecken lebendige Süße
Doch niemals ganz ohne Verdacht

Dir, Mutter, die herzlichsten Grüße
Ich wünsch dir 'ne bessere Nacht

Pichola See & das sechshundertfünfundvierzigste Gedicht

Pichola See Bei Uidapur

Ripostegedicht zu Erich Kästners "Maskenball im Hochgebirge"

Am Mittwoch nach Maskenball

Ab Mittwoch wär wieder was frei im Hotel
Und man freue sich auf den Besuch
Die Tanzabende vorerst zwar ohne Kapell'
Doch Schnee gäb's noch immer genug

Im Garten wär jetzt so ein Massengrab
Und auch manch totes Reh
Der Vollmond vom Maskenball nähm wieder ab
Im Gegensatz zum Schnee

Du zweifelst: "Vielleicht fahr'n wir doch nicht dorthin?
Der Hausherr heißt Erich, mein Bester ...
Ich bin in solch Vers-Tecken nich so gern drin
Denn der Mörder ist immer der Kästner!"

Hungrige Tiger & das sechshundertvierunddreißigste Gedicht

Im Golf von Bengalen

Tigerstaaten

Im Schatten einer neuen Welt
Die faktisch wie taktisch sich klüger aufstellt
Schleicht sich katzengleich tödlicher Unbestand an

Und er betet sein wissendes "Wir irgendwann!"

Schon stürmt es durch die Zeichen, es
Türmt sich Unverzeihliches
Unser Jetzt knibbelt längst am Vergangenem rum

Und das Netz der Geschmähten bewirbt sich gern um:

Das Königreich der Kleinigkeiten
Inklusive der in ihnen brütenden Weiten

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