Wasser

Verse für die Phlegmatiker, denen man Wasser, Winter, Nacht, Baby- und Greisenalter zuordnet.
Die beschreibenden und erzählenden Gedichte.
Von der Naturlyrik bis zu allen Längenvarianten der Ballade.

Sollte Ihnen ein hier eingereihtes Gedicht eher den anderen Kategorien Erde, Luft oder Feuer entsprechen, bitte ich, mir eine Nachricht über www.hirnpoma.de zukommen zu lassen!

Les Colombes & das sechshundertdreizehnte Gedicht

Les Colombes in der Heilig Geist Kirche

Von Herzen (doch im kleinen Rahmen)

Ich kaufte meiner alten Mutter
Eine Schaufel Taubenfutter

Auch eine Traubenzuckertafel
Verkraftete noch das Geburtstagsbudget
Einschließlich eines - laut Packungsgeschwafel -
Tagesbedarfes an Vitamin C

"So", sagte ich
"Das ist beides für Dich!"

Eine Schaufel voller Futter -
Gutes, das auch Tauben schmeckt!
Plus der Trauben Zucker, Mutter -
Wo noch Vitamin drin steckt!

"Ach, ich bat Dich doch nicht so viel auszugeben ...!"
Ich nick' nur mit Blick auf die Sachen, sag: "Eben!"

Grünwalder Forst & das sechshundertelfte Gedicht

Gehege im Grünwalder Forst

Die Anmut der Rehe als Menu

Wir beschwärmen mit unsrer Debattengewandtheit
Im Bahnhofs-McDonald's die Anmut der Rehe
Unser gieriger Schlingtakt der Fastfood-Verspanntheit
Kontrastiert mit solch Makelentschlacktheit. "Ich sehe
All die Paradomestiziertheit des Rehs
Im Lichte der Dickichtverluste der Neuzeit!"
Sprach ich zwischen Pommes und Du sprachst: "Ich seh's
Als ein Demutsorakel: Erkennt, dass Ihr scheu seid!"

Jeder Burger-Belagbalg enthemmt sich ins Rutschen
Und nötigt uns, Hände und Finger zu lutschen
Wir saugen versonnen an Refill-Getränken
Da wir still der Anmut der Rehe gedenken

HH in HH & das fünfhundertneunundneunzigste Gedicht

Heinrich Heine am Hamburger Rathausmarkt

Die Büste (Arm an Beinen)

Der eher kleine
Heinrich Heine
Steht als Büste ohne Beine
Da
Müsste ohne Sockel schweben
Oder aber
Angedockt
Fersennah am Boden kleben
Hoffend, dass wer niederhockt
Zwar
Mein' ich, dass das jeder täte
Wenn der Heinrich darum bäte
So jedoch ist's gar nicht nötig
Durch den Sockeldienst erhöht sich
Quasi wie von ganz alleine
Beinbefreit
Der Heinrich Heine

Weiherbach & das fünfhundertvierundneunzigste Gedicht

Weiherbach bei Puchheim

Seelenfrieden

Hier schwappt es sich aus
Das bekloppte Getue
Mal murgelt das Blesshuhn
Und mal gibt es Ruhe
Es gurgelt ein Wellenversuch

Da muss was im See sein
Das atmet die Seel' ein
Und fläzt sich zufrieden in Frottee und Tuch

Und du sitzt daneben
Schaust raus auf den See, denn
Da blitzt immerzu etwas Sonne im Schwipp
Tanzt dunkliger Glimmer
Von tanigem Schimmer
Allplanig galönzigt ein windhauchend Trip

Und mulmig riecht die Kühle rüber
Ein Natterich schlürft durch die Küber
und Barkschmelz küsst die Leckenlipp

Am Ufer von den Badeseen
Entsperrt sich alles Grundversteh'n

St. Gilgen am Wolfgangsee & das fünfhunderteinundneunzigste Gedicht

Helmut Kohl Park in St. Gilgen am Wolfgangsee

Letzte Woche in St. Gilgen

Einen Tag, bevor es alle taten
Hab ich an Helmut Kohl gedacht
Mich fragte in St. Gilgens Garten:
"Was wohl der olle Kohl so macht?"

Der Einheitsheld in Zweifelhaft
Am Limit seiner Riesen-Kraft
Bleibt wohl beleibt und unbeliebt
Solang es ihn im Diesseits gibt

Und erst nach seiner Erdenpein
Wird er ein sehr Verehrter sein

Das hat sich Kohl wohl auch gedacht
Und prompt die Augen zugemacht

Weber & das fünfhundertvierundsiebzigste Gedicht

Webervogel

Unter Vögeln

Ach, das ist ein schöner Zweig!
Den schnäbel' ich schnell auf und zeig
Ihn meiner kleinen Vögelfrau
Die grad beim drögen Nesterbau
Von highlight-loser Zeit gestresst
Und ständigem Geäste-Test:

"Passt das von Ton und der Couleur
Zu unsrem Wohnungsinterieur?
Ist's einzufügen, einzubinden?
Wird er dies Stückchen Stöckchen finden
Das in das Nest am besten passt?!"

"Was hälste denn von diesem Ast?"

Ich leg ihn vor ihr hin und schweig
Schon stöhnt sie: "So ein schöner Zweig ...!"

Gris Gris & das fünfhundertachtundsechzigste Gedicht

Gris Gris Küste

Des morgens im Ferienort

Der Frieden im Fell der streunenden Hunde
Ist noch beugsam wie langsames Licht
Nur ich dreh 'ne weniger ziellose Runde
Durch all das Gebiet, das noch Alles verspricht

Mein "Good Price!"-Kumpan macht noch gar keine Anstalt -
Ein Solarenergie-unbetanktes Reptil
An dem noch der Druck eines Tages-Solls abprallt
Noch kennt seine Jagd nach Int'resse kein Ziel

Die Straße, entschleunigt vom zähen Erwachen
Die Sonne brennt zärtliches Huschen in mild
Zwei Kunstpausen später verkrampft sich das Bild
Und vor uns: des Tages geöffneter Rachen

Teilweise & das fünfhundertsiebenundfünfzigste Gedicht

Steiff-Landschaft in Rothenburg ob der Tauber

Die Zehennagelkante

Meine Zehennagelkante
Ist 'ne ferne Anverwandte
Derer habe ich gleich zehn
Hab sie alle mal geseh'n

Sind die Nägel mir zu lang
Kapp ich sie auf Neuanfang
Schnipp-schnapp-ab - schnell abgefertigt
Werf ich alle in den Kehricht

So entstehen
An den Zehen
Statt der ollen, nun verbannten
Tolle neue Nagelkanten

Osterbrunnen & das fünfhundertvierundfünfzigste Gedicht

Osterbrunnen in Rothenburg ob der Tauber

Restlos Ostern

Zu Ostern lobt der Thorsten statt
Bravo-Popstern-Posterstars
Fest und brav den Osterhas'

"Es ist", döst Thorsten, restlos satt
"Ein volles Nest mit bunten Eiern
'n toller Grund, ein Fest zu feiern!"

Moohr & das fünfhundertdreißigste Gedicht

Algen in Venedigs Lagune

Wieder einmal beginne ich die Gedicht-Woche mit einem Ripostegedicht, das sich die Zuschauer meiner Lesebühne Poetry & Parade gewünscht haben. Diesmal eine erotischer Remix von Annette von Droste-Hülshoffs "Der Knabe im Moor".

Das Knabbern am Ohr

O kau ich dir am Ohr, ist's schön,
Wenn es knistert im Speichelschaume,
Schlucklaute über dein Trommelfell dröh'n
Und die Zunge entspringt ihrem Zaume,
Unter jedem Schleck ein Quellchen springt,
Wenn's rund um dein Ohrläppchen zischt und singt,
O kau ich dir am Ohr, ist's schön,
Wenn ein Röhren flüstert vom Gaume'!

Fast hold vor Liebe, erzittert das Kind;
Nun trennt es vom reinen Behage
Die Frage, wie ehrlich die Absichten sind -
Hat das Schleckermaul nicht eine Raubtiervisage?
Hat denn jemals gebändigt das Menschengeschlecht
Jenen Trieb, für den meistens ein Beutetier blecht?
"Duhu ...bist sicher nicht bissreflexblind?!
Nicht schlucken! Nur knabbern und nagen!"

Vom Kiefer starret Gestumpf hervor,
Das heimlich giert nach Gehöre,
Als Knabberei verschwand manch Ohr
Durch Riesenhungers Begehre;
Und wie fies es tief im Rachen spricht:
"Ohrmuscheln sind mein Leibgericht!"
Da bleckt der Backenzähnechor,
Da späht die Speiseröhre!

"Ohr dran, Ohr dran!" so wimmert es laut,
"Ohr dran - ach, ich will doch noch hören!
Mit wenig Genuss wird solch Knorpel verdaut,
Sein Fleisch will kein Mund gern verzehren!"
Erst lippengebändigt, hebt sich das Visier;
Da blitzt des Schneidezahns Ungetier,
Das in diebischer Absicht den Ohrrand bekaut -
Der will noch Papillen betören!

Da birst's im Ohr, den Löffel zerrt's
Herein in die klaffende Höhle;
Schon rutscht's vom Zahndamm magenwärts:
"Ho, ho, hinein in die Kehle!"
Der Knabberer schlingt wie im rohen Wahn;
Wehrhaft trutzt das Kind dem nahen Zahn,
So befreit es die Kraft des sich sperrenden Pferds
Und gewährt, dass kein Ohr an ihm fehle.

Da endlich Grunz-Erotik wich
Der bübischen Zärtlichkeits Weide,
Die Leidenschaft stimmt heimelig,
Der Knabberer steckt in der Scheide.
Tief atmet er auf, zum Ohr zurück
Doch dorthin zieht's ihn echt kein Stück:
Denn am Gehör schmeckt's fürchterlich,
Und schaurig war's für sie beide!!

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