Ripostegedichte

Antwortgedichte zu Werken der großen und kleineren Poesie. Inspiriert von den Federn der anderen, monatlich vorgetragen in der Rubrik "Parade und Riposte" der Lesebühne Poetry & Parade - an jedem ersten Montag in der Seidlvilla in Schwabing.

Tor 21 & das siebenhundertfünfunddreißigste Gedicht

Märchenwelt der Linzer Grottenbahn

Ripostegedicht zu Loriots "Advent"

Abitus

Ja, ist es denn verwündowlich
Dass der Herr von Bülow sich
Mit denen derer vom Forst überwarf?
Ihr Sinnen für Humor nicht traf?

Wer lässt sich schon gerne per Spottvers ermorden?
So sind die Herrn vorsorglich tätig geworden
Aus Notwehr mit dem Schrotgewehr -
Nun lebt der Loriot nicht mehr!

Die Förster in Firststrikemanier
Beförderten das Vögeltier
Ins Jenseits und ölten die Waidmannspistole
Die fortan die Spötter vom Stamm der Pirole
Von Stämmen und höheren Rossrücken hole
Sollten diese die Grenzen der Ethik missachten
Und Förster ob ihrer Filetstücke schlachten

Doch was im Geäst da an lästernder Last
Beim Förstermännchen so verhasst
Wird weiters umhegt von den Damen der Herrn
Die die garstigen, drastisch bestraften Strophen
Von umgelegten Förstern mit Freude verzehr'n

Und nichts auf der Welt beschützt ewig die Doofen

Unterm Fernsehturm & das sechshundertneunzigste Gedicht

Unterm Berliner Fernsehturm

Ripostegedicht zu Ricarda Huchs an ihren Jugendschwarm und Cousin Richard gerichtetes "Liebesgedicht" (Geschwister sind sich alle schönen Dinge).

Never trust a Lovepoem

Cousiniert sind sich alle Dinge, die schön sind
Das verstimmte schon früh manch Instrument
Weil man sich für das Aneinandergewöhn'n, Kind
Schon vom Start weg zu gut kennt
Ein Notenblatt bewahrt sich nur seine Verheißung
Wenn dessen Lied bleibt ungespielt
Beschau Dir die Noten, doch bau keinen Scheiß, Jung
Wenn sich wer per Reim als Geheimnis empfiehlt

Teetisch & das sechshundertzweiundsiebzigste Gedicht

Von der Tate Modern

Ripostegedicht zu "Sie saßen und tranken am Teetisch" von Heinrich Heine unter der Vermutung, dass Heine sich nur aus semantischen Gründen den Lapsus eines identischen Reimes (Teetisch - ästhetisch) leistet. Es war natürlich der rein reimende Stehtisch gemeint, dessen Nutzung durch Sitzende Heine unstatthaft, wenn nicht kriminell, erschien.

Wir saßen und tranken am Stehtisch

Wir saßen und tranken am Stehtisch
Und kamen so lieblos uns vor
Denn fraglos war's wenig ästhetisch
Wie der Tisch an Bedeutung verlor

Wie negierten frech alle Semantik
Und bestuhlten, wo aufrecht man steht
Der Plattenbau moserte grantig:
"Ey, wenn ihr nicht steh'n wollt, dann geht!"

Charlottenburg & das sechshundertdreiundfünfzigste Gedicht

Straße in Charlottenburg

Wandrers Nachtlied. Der Spreepark-Remix

Über allen Schienen
Ist Ruh,
Und in bemoosten Fahrkabinen
Ahnest du
Schlummern Fahrtwindturbulenzen.
Alle Statik
Starrt und knarrt
Dir und uns den Riesenrat:
Jeder stößt an seine Grenzen.

Vor dem Tore: Kassenhäuschen.
Die warten schon lange
Auf Wärter und Schlange
Und wundern sich: Kerl, wat'n krasset Päuschen!

Hier liegt
Des Vergnügens Mumie
Zu Ruinen aufgebahrt;
Die Dinos verrotten im Walde.

Warte nur, balde
endet auch für dich die Fahrt.

Pichola See & das sechshundertfünfundvierzigste Gedicht

Pichola See Bei Uidapur

Ripostegedicht zu Erich Kästners "Maskenball im Hochgebirge"

Am Mittwoch nach Maskenball

Ab Mittwoch wär wieder was frei im Hotel
Und man freue sich auf den Besuch
Die Tanzabende vorerst zwar ohne Kapell'
Doch Schnee gäb's noch immer genug

Im Garten wär jetzt so ein Massengrab
Und auch manch totes Reh
Der Vollmond vom Maskenball nähm wieder ab
Im Gegensatz zum Schnee

Du zweifelst: "Vielleicht fahr'n wir doch nicht dorthin?
Der Hausherr heißt Erich, mein Bester ...
Ich bin in solch Vers-Tecken nich so gern drin
Denn der Mörder ist immer der Kästner!"

Hanuman-Languren & das sechshundertvierundvierzigste Gedicht

Hanuman-Languren

Ripostegedicht zum berlinerischen Kindergedicht "Der Klops"

Der Leberkäs

Da hock i, ess an Leberkäs
Es klopft, i brumm: "Wer's'n'dös?
Zur Brotzeit kimmt mia keina nei!"
I öffne nur mei Maul und schrei:
"Schleich di, du Lackl, sonst gibt's a Fotzn
Mann, isch tu disch inne Fresse rotzen!"
Und weitaus noch weniger freundliche Sachen
Entfahren samt Leberkäs-Fetzn mei'm Rachen
"Ja, mei", denk i, i denk: "ja, mei
Wos'n dös jetzt fia a bleedes Geschrei
Mit dem man mia hia mei Brotzeit versaut?!"
Ers war es leis, nu is es laut ...
Und i denk, wo i grad mei Pistoln schon wollt zieh':
"Der, wo hia schreit - dös bin ja i!"

Forst & das sechshundertzweiundzwanzigste Gedicht

Pullacher Forst

Ripostegedicht zu "Mondnacht" von Joseph von Eichendorff.

Mondnacht bei Hausarrest

Der Eichendorff hat Hausarrest
Und einsam ist's im Wald
Heut lobt kein Vers das Blattgeäst
Als göttliche Gestalt

Die Linde rauscht bedeutungslos
Der Linda droht das Gleiche
So all des Sinnens Schwere bloß
Ohn' Dorffpatron der Eiche

Die Vögel weiten - nur zum Test
Die seelenlosen Flügel
Und alle finden Hausarrest
Viel grauslicher als Prügel

Draußen Essen & das sechshundertzehnte Gedicht

Brombeeren

An Anne Bude (Schwitters im Twitterformat)

Anne Bude, schönet Gör
tust den ganzen Pott versorgen
mit Geklön, Gedöns und möhr
Danke, Anne – und bis morgen!

Ringelnatz & das fünfhundertsiebenundneunzigste Gedicht

Im Englischen Garten

Ein Ripostegedicht, das sich die Zuschauer meiner Lesebühne Poetry & Parade zu "Morgenwonne" von Ringelnatz gewünscht haben. Diesmal gleich doppel-ripostiert: inhaltlich mit meinem Gedicht-Tryptichon "Die verkaterten Morgen", "Im Bade" und "Spätes Frühstück" - sowie formal:

Rohachim Natteritz: Morgenwonne

Die Wachtel ist ins Gnu verknallt
Das Huftier hat 'ne Klatsche
Was sehr verlockend sei, doch bald
Zerschürft es sie zu Matsche

Ein Kackekicker macht 'nen Schmu
Und balanciert am Grate
Zum "Schlagt dem Wicht die Augen zu
Bei einem Attentate!"

Auf rauer See ein Schifflein wippt
Das hat, was vielen blühe
Ein Ungeheuer angenippt
Zerstückelt in der Frühe

Rückert & das fünfhundertdreiundvierzigste Gedicht

Wörthsee Erholungsgelände Oberndorf

Ripostegedicht zu Friedrich Rückerts "Du bist die Ruh" - ein formaler Zwilling.

Du bist die Uhr

Du bist die Uhr
Hältst niemals still
Die Sucht, die stur
Nach vorne will

Ich eil zu dir
Du bist zu schnell
Schon fern vom Hier
An andrer Stell'

Stockt der Verkehr
So schiebst du an
Vom Hinterher
Kommt nichts voran

Treibst an den Schmerz
In deiner Brust
Spamst voll dein Herz
Bis dein Bewusst-

sein, angezählt
Ins Nichts gelangt
Von Zeit gepfählt
Der Hülle bangt

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