Niederhone

- 27.02.16 Eschwege-Niederhone, Poetry Slam, Schlüsselblume
- 04.02.17 Eschwege-Niederhone, Solo-Show, Schlüsselblume

Winterpause & das fünfhundertzwölfte Gedicht

Eschwege Niederhone

Der Geschmack des Ungereiften

Es scheint die Bläue des mittleren Himmels wie gerade neu geschlüpft
Vom Winter bebrütet, den Übermut preisend und fesch sich ein Platz zwischen Wolken erhüpft
Eskortiert es den ersten Sonnenstrahl, der in diesem Jahre zählt
Und aufdringlich die trägen Samen aus ihrem zähen Schlafe quält

Schon säugt das kecke Vorhutblau die daseinsscheue Ahnung
Und all das "Freu dich nicht zu früh!" - es gilt nicht mehr als Warnung

Bahnhof Niederhone & das fünfhundertelfte Gedicht

Bahnhof Niederhone

Frisch von einem Tourwochenende zurück, beginne ich die Gedicht-Woche mit einem Ripostegedicht, das sich die Zuschauer meiner Lesebühne Poetry & Parade gewünscht haben. Neckischerweise gelüstete ihnen nach einem Antwortgedicht zu einem nicht-existenten Text, nämlich "Max und Moritz" von Wilhelm Busch. Crossover-Wünsche erzeugen Crossover-Lyrik:

Eine maxistische Romitze

Als sie fast acht Streiche miteinaden
Vollbracht unter mancherleuts Buh'n
Kam Ihnen das Subversive abhanden
Wie andern Witwen ein Hahn oder Huhn

Menschen necken, Tiere quälen,
Äpfel, Birnen, Zwetschgen stehlen,
Das war früher angenehmer
Anerkannt als Prüfungsthema,
Juveniles Sich-Probieren
Will die Welt ja akzeptieren
Doch dies wandelt sich zum Bösen
Wenn man Kind schon längst gewesen

Sie sahen sich an und wussten nicht weiter
Versuchten sich an alter Kinderei
Man war ja bereit und wurd immer bereiter
Man tat bisher, doch empfand nichts dabei

Das Ritzeratze! voller Tücke,
Füllt nicht mehr die Sinnes-Lücke
Und das Schneider, meck, meck, meck! -
Scheint ein schaler Daseinszweck
Auch der Pfeiffen stopf, stopf, stopf!
Sättigt keinen hellen Kopf
Der schon bald verkommt zur Fratze
Trotz der Käfer, kritze, kratze!

Man winkt ab statt gekonnt aus dem Fenster zu schiffen

"Ach, wen trifft's schon in unserem Viertel nach vier?"

Die Zeit in dem Kaff, die verbracht man mit Kiffen.

Nebenan übte Lehrer Lämpel Klavier.

Max klagt Moritz: "Wehe, wehe
Ob ich das noch lang durchstehe?
Unsre Streiche sind doch Kacke!"
Drohend klingt's schon Rickeracke!
Von der Mühle, die die beiden
Schier zergrübelt über Leiden
Jeder krault sich noch ein Ei
Und wünscht sich den Tod herbei

Jeder denkt, die sind perdü!
Aber nein! - Noch leben sie!
Auch wenn's dünkt, es sei vorbei
Mit der Übeltäterei

Sie ging'n oft ins kleinste Kittchen am Ort

Manch Richter schien das so zu passen
Als Insassen war'n sie kaum fort, wieder dort

Sie sassen für alles, mit Ausnahme Mord
Und konnten es einfach nicht lassen.

Niederhone & das siebenundsechzigste Gedicht

Eschwege Niederhone

Schlüsselblume Niederhone. Hier war ich schon zu Gast beim ersten Poetry Slam, als die alte Metzgerei samt Gasthaus gerade frisch bezogen und alle Räume noch mit Retro-Trends setzenden Altlasten gefüllt waren. Zeugnis einer vergangenen Ära, die auch ihre Träume hatte.

Das Zicklein

Komm schnell aus dem Kasten der Standuhr hervor!
Das Schicksal wird sich noch nicht heute entscheiden
Zum Nachtisch entspannt sich der Konquistador
Leichte Brisen berieseln die Knospen der Weiden

Diese Stille ist trüglich
Drum Kindchen vergnüg dich
So lang noch der Schatten dem Tageslicht weicht
Denn Später ist später
Und das Glück ein Verräter
Dessen seltsame Sippe den Dachsbau umschleicht

Was heute selbstverständlich ist
Verleugnet, dass es endlich ist

Ein Stier hat die Tür unsrer Standuhr verriegelt
Im Korridor steh'n lehmverkrustete Schuhe
Ein Glockenschlag später ist alles besiegelt
Und über den Wipfeln der Bäume herrscht Ruhe

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