Gebäude & Urbanes

Gedichte, in denen Gebäude und Bauwerke oder städtische Areale die Hauptrolle spielen.

Gris Gris & das fünfhundertachtundsechzigste Gedicht

Gris Gris Küste

Des morgens im Ferienort

Der Frieden im Fell der streunenden Hunde
Ist noch beugsam wie langsames Licht
Nur ich dreh 'ne weniger ziellose Runde
Durch all das Gebiet, das noch Alles verspricht

Mein "Good Price!"-Kumpan macht noch gar keine Anstalt -
Ein Solarenergie-unbetanktes Reptil
An dem noch der Druck eines Tages-Solls abprallt
Noch kennt seine Jagd nach Int'resse kein Ziel

Die Straße, entschleunigt vom zähen Erwachen
Die Sonne brennt zärtliches Huschen in mild
Zwei Kunstpausen später verkrampft sich das Bild
Und vor uns: des Tages geöffneter Rachen

Eigengewächse & das fünfhundertvierzigste Gedicht

Alter Nordfriedhof im Frühling

Westend Girl

Du integrierst dir das Viertel als sei es ein Ganzes
Sagst: "Fehl'n dir die Worte zum Glück, ey, dann tanz es!"
Neckst die, die sich niemals dem Hier stellen mussten
Und erlöst altes Denken aus lokalen Krusten
Du erinnerst dein Kopftuch, doch machst auch FKK
Nennst das bislang Servierte zu schal und zu starr
Du gönnst dir ein "Sehr gut" im schlechten Betragen
Und reizt deine Schwestern, die nicht genug wagen
Veralberst ihr Klammern an Uralt-Verboten
Und kriegst doch zum Ende die besseren Noten
Du musst dir damit nicht mal selbst was beweisen
Und burschikos signalisierst du den Greisen
Und Würde-trag'nden geistig Alten:
"So, Schnuffis, jetz ma Fresse halten!"
Weil Tradition und Religion
Wir instinktiv zu oft verschon'n
Aber du bist ein Profi im Hürden-Passieren
Kannst lässig die lästige Würde verlieren
Wo immer du stehst, geht es nur noch um dich
Und dein Bruderherz lobt: "Die hört eh nicht auf mich!"
Du bist die wahre Westend-Queen
Mit den Füßen in München, im Kopf in Berlin
Du pegelst das Viertel, lachst, wie simpel das ist:
"Das Herz zu den Herzen - und der Mist auf den Mist!"

Cartago & das vierhunderteinundsechzigste Gedicht

Cartago Basilica of Our Lady of the Angels

Sakralbauten

Ich mach nicht drei Kreuze, ich mach nicht mal eins
Ich bin hier beim Abendmahl wegen des Weins
Doch kann ich mir auch nach drei Bier nich erklär'n
Wieso, irgendwie, wenn die Kirchen nich wär'n
Den Städtebesuchen ein Ankerpunkt fehlte
Den vorher vermutlich dies Bauwerk beseelte
Das all dem Gequake befehligt zu schweigen

Denn es spiel'n nicht die Menschen, es spielen die Geigen

Cachi Stausee & das vierhundertsechzigste Gedicht

Cachi Stausee

Wake me up ist voll so'n No-Go

Die Stille in Häusern gefluteter Städte
Ist schlummersüß und endlos tief ...
Nun weißt du vergorene Klingelton-Klette
Zumindest im Ansatz, wie schön ich grad schlief!

San José & das vierhundertvierundfünfzigste Gedicht

Fremd hier!

Ständig ruft die Stadt mir zu:
"Oller Stubenhocker, du!
Wir schwurbeln rum im Trubelzwang
Und du, du streunst nur stumm hier lang!"

Gelingt's mir noch, mich auf die Gassen
Gar auf die Gässchen einzulassen?
Die Auslagen sind ...interessant
Zum Einstieg viel zu unbekannt
Und letztlich schafft die fremde Sprache
Fast mätzchenhaft 'ne Zugangsbrache

Und doch - das wird sich integrieren
Einfach immer reinspazieren...!

Tschechien & das vierhunderteinzwanzigste Gedicht

Pilsen

Stranger than Kindness

Tschechien ist wie ein Song von Nic Cave
Ein bisschen Pan Tau und ein bisschen New Wave
Der Künstlergeck aus alter Blüte
Mit seinsbewusstem Schwergemüte
Umsäumt von dem Strandgut des Sozialismus

"Ahoi!" grüßt dich das Maulwurfswort
Dann schwemmt das erste Bier dich fort
Und bis sich Schweyk in Schweigen hüllt
Wird Henry Lees Refrain gebrüllt
Im auf Kopfsteinpflaster getippelten Rhythmus

Leere & das vierhundertneunzehnte Gedicht

Prowinz

Die wenigsten Autos fahr'n abends umher
Und die wissen auch nicht, warum
Ein Mindestmaß an Stadtverkehr -
Das muss wohl sein - Brummbrumm!

Die wenigsten Menschen sind jetzt noch zu seh'n
Und die wissen auch nicht, wohin
Und wenn niemand hinsieht, dann bleiben sie steh'n
Und wispern: "Macht eh keinen Sinn ...!"

Fast jede Uhr lügt, es sei grad erst halb sieben
Ich fühl mich wie von einem Jetlag zerrieben
Will wenigstens noch'n Gedicht drüber schreiben

Doch dann sag ich sachte mir: Komm, lass es bleiben!

Auf der Durchfahrt & das vierhundertvierzehnte Gedicht

Solche Ortschaften

Manche Ortschaften sind mir halt gar nicht verständlich
Hier scheinen Visionen im Ansatz schon endlich
Man kann dort nur im Garten steh'n
Gemeinsam mit der Zeit vergeh'n

Manche Ortschaften sind einfach gar nicht echt da
Es ist alles vorhanden - doch nichts geht dir nah
Der Carport bekrönt den Zenit aller Fragen
Wo niemand gewinnen will, gibt's nichts zu wagen
Wo nichts in Bewegung ist, kann sich nichts wenden

Auch du wirst vielleicht in solch Ortschaften enden

Atomium & das dreihundertneunundachtzigste Gedicht

Atomium

Der Nachwuchsforscher

Ich bitte meine Omi um
Den Eintritt fürs Atomium
"Mein Guter, frach den Opi, ja?!"
Dann geh's halt nach Utopia ...

Druck & das dreihundertsechsundachtzigste Gedicht

Da Dome of Kölle

Ganz ohne Druck

Ein 3D-Drucker bräuchte fast sechs Jahre, um den Kölner Dom zu drucken
Wahrlich eine lange Zeit!
Boah, fast sechs Jahre stoisch drucken - dann den Dom hervor zu spucken ...?!
Ja, wir sind noch nicht sehr weit!
Denn so ein Drucker ist komplex
Ebenso der Dom! Nun, sechs
Jahre - ungefähr so lang
Dauert noch der Druckvorgang

Zwar wird - so ist vorauszuseh'n
Sein Tempo sich schon bald erhöh'n
Doch bis dir jemand sagt: "Ach guck:
Dome zum Sofortausdruck!"
Wird gleichfalls noch sechs Jahre dauern ...!

Da indes des Domes Mauern
Ausdruckslos wie down-to-date
Aufgetürmt zur Majestät
Voll schnippischen Gleichmuts dem Fortschritt trotzen
Und mit ihrem Dasein protzen

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